Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 116 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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116 eintrug, welche so weit ging, daß die Rabbiner von Paris zu jener Zeit einen Bannstrahl gegen ihn erließen, ja noch mehr, die christliche Geistlichkeit aufforderten, die Inquisition gegen Maimonides zu eröffnen. Von seinen medizinischen Werken möchte ich nur erwähnen die vielfachen Kommentare, zum Theil Uebersetzungen des Hippokrates und dann ein Werk, welches der früher bereits genannte Professor Steinschneider übersetzt hat: Die Hilfeleistung bei Vergiftungen. Er schrieb außerdem ein großes Werk über Ursachen und Zeichen der Krankheit. — Abgesehen von Maimonides, den ich Ihnen bereits als Leibarzt des damaligen Sultans von Kairo schilderte, gab es noch eine Reihe anderer Leibärzte in verschiedenen Ländern, welche jüdischen Glaubens waren. Ich erwähne de» Leibarzt Mohammeds II. 1460, nnd einen Leibarzt eines anderen Sultans, welcher Tobia Koheu hieß und ein berühmtes Werk über die klien polomos, den Weichselzopf, 1708 geschrieben hat, das erste Werk über diese Krankheit. Wenn wir nach Italien sehe», so haben wir hier im 16. Jahrhundert drei Päpste, Leo X., Paul III., Julius III., welche aste jüdische Leibärzte hatten. Paul IV. verbot im Jahre 1555 den Juden zu praktiziren, aber bereits 1586 hob der Papst Sixtus dieses Verbot wieder ans. Wende ich mich von dort nach der Provence, speziell nach Montpellier, so sehen wir hier das denkwürdige Faktum, daß ein Jude Rektor der Universität geworden ist. (Prvfatius, 1300.) Tie jüdischen Aerzte in Spanien waren besonders zahlreich. Sie thaten sich durch wissenschaftliches Streben hervor, und eine große Zähl von Werken ist aus jener Zeit aus uns gekommen. Auch in Portugal sehen wir jüdische Leibärzte bei den Königen Ferdinand und Johann. Es war kein Wunder, daß diese Stellung der Aerzte, welche sie allgemein in der damaligen Welt errungen hatten, den Neid und die Mißgunst speziell der christlichen Aerzte hervorrief. So kam es denn, daß schon im Jahre 1301 die Pariser Fakultät gegen die Fakultät von Montpellier sich anssprach und sagte, daß die Christen von den Juden sich nicht behandeln lassen sotten. Eine Reihe von Konzilen aus jener Zeit kam zu demselben Schluß, und besonders zu erwähnen ist das Konzil von Lavane im Jahre 1360, auf welchem ausdrücklich verboten wurde, daß jüdische Aerzte Christen behandeln dürfen, und nur im äußersten Nothfalle sollte derartiges geschehe». Diese Beschlüsse der Konzile und einzelner Fakultäten hatten aber doch keinen nachhaltigen Erfolg. Es wurde, sobald ein Krauker Vertrauen hatte zum jüdischen Arzt, der Arzt trotz aller Verbote geholt, und deshalb blühte die Kunst der jüdischen Aerzte zu jener Zeit immer weiter. Da erhielte»! sie einen Schlag, welcher in jenen Ländern nicht überwunden worden ist, das war die Austreibung der Juden aus Spanien. Es war am 13. März 1492, als König Ferdinand verordnete, daß die Juden bis zu einem bestimmten Tage ohne Ausnahme Spanien zu verlassen hätten. Es wurde ihnen gestattet, was sie besaßen, zu verkaufen, was natürlich, da sie eben fort mußten, nur zu den unerheblichsten Preisen geschehen konnte. Es war am 2. August 1492, als 300 000 Juden als Fußgänger Spanien verlassen mußten. Am 3. August war der Tag. an welchem Columbus seine Fahrt nach Amerika antrat. Es wurde bei diesem Auszuge König Ferdinand als der Eroberer von Granada, von »vo er soeben die Araber vertrieben hatte, und als der Vernichter der Juden gepriesen. Ein Jude hat in jenen Tagen die Geschichte der Austreibung beschrieben und hjnzugesügt. daß „es wissen sollen die Kinder Israel, was sie in jenem Lande erduldet, denn Tage werden kommen . . . ." Ein Theil der Inden ging nach Avignon, wo sie nnter päpstlicher Herrschaft Schuh fanden. Andere nachHolland, nach Deutschland und nach Italien. Unterdeß blühte in dem benachbarten Portugal noch die jüdische Medizin, und es wird uns berichtet, daß dort ein Arzt Lusitanus Portaleone in, Jahre 1564 ungemein geachtet war. Er war übrigens der erste Arzt, der bei Krankheiten den Gebrauch des Goldes empfahl und anwendete, ei» Gebrauch, der nachher Jahrhunderte lang in der Medizin gang und gäbe wurde, ein Gebrauch aber, von dem die neuere Medizin nicht mehr viel weiß. Die jetzigen Aerzte schätzen das Gold wenigstens in der Form der Medizin nicht. Auch aus Portugal wurden dann die Juden und damit die jüdischen Aerzte 1625 vertrieben. Unter den vertriebenen Aerzten befand sich einer, der in der Geschichte der Medizin sich einen dauernden Namen erworben hat, das ist Zakntus Lusitanus, ein Mann, der ein großes Werk geschrieben hat, in dein er die griechische und arabische Medizin verglich. Er flüchtete, aus Portugal vertrieben, nach Amsterdam, errang sich hier ein großes Ansehen und erklärte sich dort öffentlich zum Judenthum. Seine gesammelten Werke, welche sich in London befinden, erschienen im Jahre 1649. Ich habe bisher die Verhältnisse in Deutschland noch nicht erwähnt. In Deutschland waren jüdische Aerzte in größerer Zahl erst im 15. Jahrhundert vorhanden, und lästig wurden sie den anderen Aerzten erst im Jahre 1509. Das geht hervor aus den vier Büchern, welche der Arzt Viktor de Carben in Köln a. Rh. veröffentlichte. Er war ein Apostat, er war Jude gewesen nnd hatte sich taufe» lassen. Als seine hervorragendste Thätigkeit hat die Geschichte seine vier Bücher gegen die jüdischen Aerzte überliefert. In ähnlicher Weise entstanden dann auckf noch eine Reihe anderer Schriften gegen die jüdischen Aerzte von Paul Ricius, von Weidner und Pfefferkorn, welche ebenfalls getaufte Juden waren. Der Letztere hat außerdem den Kaiser Maximilian gebeten, er sollte alle jüdischen Bücher verbrennen lassen. Es war Neuchlin, welcher durch seine Beredtsamkeit den Kaiser Maximilian daran hinderte. Wir erfahren dann, daß im Jahre 1563 Ferdinand I. einen Dr. Lazarus nach Frankfurt a. M. schickte mit einem Briefe an den Magistrat, dieser sollte dem Lazarus erlauben, dort zu praktiziren. Der Magistrat gestattete dies aber nicht, er »vies den Lazarus mit der Begründung aus, daß dieser ein Zauberer sei und kein Arzt. Daß im Uebrigen, was man vielleicht Hütte erwarten können, der sich mehr und mehr ausbreitende Protestantismus den jüdischen Aerzten eine gesichertere Stellung hätte gewähren können, war eine Täuschung, und es ist vielleicht nicht ohne Nutzen, aus der Geschichte zu ersehen, wie die Universitäten Wittenberg und Rostock sich gegen die Juden in jener Zeit verhalten haben. Da heißt es: „Ein Christ darf keinen jüdischen Arzt nehmen, der größte Theil der jüdischen Aerzte sind Esel, sie haben Zaubermittel, und von sechs Getaufte»» müssen sie einen tödten. Sie sind als die Abkömmlinge Abrahams verflucht." In der Provinz Brandenburg selbst wurde in jener Zeit ein jüdischer Arzt verdächtigt, daß er den Kurfürsten Joachim II. umgebracht habe, »nährend nachträglich festgestellt wurde, daß Dieser überhaupt nicht von einem jüdischen Arzt behandelt worden war. Im 18. Jahrhundert finden sich die jüdischen Aerzte mehr und mehr ausgebreitet. So wird ans Mainz von