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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 115 (sequence 9)
Language
German
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Der Erstere erwiederte dagegen, daß, wenn man die Verletzung nur sorgsam behandele, sie dann auch geheilt werden könne. Schließlich aber wurde bestimmt, daß ein Thier mit einer Nieren Verletzung nicht genossen werden dürfte. Ich will noch ein anderes Beispiel anführen, das ein Experiment betrifft, das noch in unserer Zeit die Physiologen vielfach beschäftigt hat. Es handelt sich darum, ob ein Huhn, welches keinen Flaum hat, genossen werden dürfte. Mau hat sich vielfach in der medizinischen Wissenschaft auf Grund von Experimenten und Erfahrungen am Krankenbett darüber gestritten, ob, respektive wie viel von der Haut eines Menschen fehlen kann, ohne daß der Betreffende stirbt. Es giebt z. B. Verbrennungen der Haut, welche dadurch, daß ein großer Theil der Haut zerstört wird, zum Tode sichren. Es ist also eine physiologisch interessante Frage, ob ein Huhn ohne Flaum leben kann, ob es also genossen werden kann. Diese Frage wurde von einem Rabbi dahin gelöst, daß er durch Experimente feststellte, daß, wenn das betreffende Thier warm gehalten wird, mit warmen Umschlägen oder aus andere Weise, es leben könne, also nicht trefe sei. Die Medizin des Talmuds förderte durch diese Untersuchungen, besonders die auch durch sorgfältigen Oeffnungen der Thiere, die Kenntniß der Knochenlehre wie der Eingeweidelehre in erheblicher Weise. In Bezug aus die geistige. Thätigkeit waren die Gelehrten des Talmuds einig darüber, daß der Verstand im Gehirn sitzt, während, wie Sie wissen, in der Bibel noch der Verstand ans dem Herzen und den Nieren kommt, der Zorn aus der Leber, das Lachen aus der Milz — Anschauungen, welche sich in gleicher Weise im Homer bei den alten Griechen finden. Es finden sich ferner im Talmud Beweise dafür, daß die Gelehrten wußten, daß Lähmungen aus dem Rückenmark herrühren können, daß die Epilepsie eine Krankheit des Nervensystems sei, während bei den Evangelisten noch angenommen wurde, daß die Epilepsie eiir Besessensein darstellt, eine vom Teufel hervorgerufene Krankheit. Auch in der Chirurgie waren die Gelehrten des Talmuds bewandert; man nähte bereits Wunden, man machte Aderlässe, und man machte auch Betäubungen bei größeren Operationen, um den Kranken den Schmerz nicht fühlen zu lassen. Man fertigte künstliche Zähne an, und man machte auch künstliche Beine! Vor allem wurde nicht versäumt, bei Krankheiten die Prognose zu stellen, d. h. die Voraussage, ob eine Krankheit heilbar sei oder nicht, und damit die klinische Anschauung gefördert. Einen dieser talmudischen Sätze über Medizin gestatten Sie mir hier mitzutheilen. Es heißt dort: „Jede Krankheit wird geheilt, wenn derLeib frei ist, alle Schmerzen werden geheilt, wenn das Herz nicht betheiligt ist, alle Leiden, sofern sie nicht vom Kopf ausgehen und alle Uebel — abgesehen das Nebel einer bösen Frau." Vergleicht man die Medizin des Talmuds mit der der Griechen, speziell des Hippokrates, so erscheint dieselbe allerdings insofern als ein Fortschritt, als Hippokrates im Wesentlichen sich mit der Erkennung der Zeichen der Krankheit befaßte, während hier, wie ich das schon ausgeführt habe, ein tieferes Eindringen in den Verlaus und Ausgang der Krankheit stattfindet. In den nun folgenden Jahrhunderten sehen wir die jüdischen Aerzte sich ausbreiten in der Türkei, in Aegypten, in Frankreich, besonders in der Provence, in Italien, Spanien, in Portugal. Allerdings waren die Aerzte jener Zeit in der Regel nicht blos Aerzte, sie beschäftigten sich auch mit anderen Wissenschaften, speziell eine große Anzahl derselben mit Astronomie und Mathematik. Sie betheiligten sich auch als Lehrer und als Leiter an den öffentlichen Instituten, und zwar denjenigen, welche von den Christen und Arabern ausgingen. Sv ist als eine besonders hervorragende Leistung der Juden jener Zeit hervorzuheben ihre wesentliche Betheiliguug an der Universität, speziell der medizinischen Fakultät von Montpellier. Die Sprache, in der sie schrieben, war sehr verschieden. Einzelne schrieben Persisch, Andere hebräisch; Diejenigen, die selbständige Werke lieferten, schrieben meist arabisch. Nur ein Theil und das ist ja selbstverständlich — von den Werke», die aus unsere Zeit gekommen, sind selbständige Werke der betreffenden j jüdischen Aerzte; ein großer Theil derselben sind Kompilationen, z speziell aus den Werken des Hippokrates und Galen. In jener! Zeit erreichten die Aerzte in den genannten Ländern eine hervor-! xagende Stellung; in sehr vielen wurden sie Leibärzte der bei treffenden Fürsten; ja inan sagt, daß z. B. irr Italien in jener Zeit kaum ein Fürst und kaum ein Bischof war, der nicht seinen jüdischen Leibarzt hatte. Unter den Aerzten jener Zeit gei statten Sie mir, einen besonders hervorragenden hervorzuheben:! Moses Maimvnides.; Maimvnides wurde im Jahre 1165 in Cordoba in! Spanien, das damals unter maurischer Herrschaft war, geboren. Da erließ im Jahre 1165 Abdul Mumen einen Befehl,! daß alle Christen und Juden aus dem Lande herausmüßten, sofern sie nicht zum Islam überträten. Maimonides gmg, da er seinem Glauben nicht untreu werden wollte, nach Fez und später nach Aegypten und ließ sich hier in Altkairo nieder. Er handelte dort zuerst mit Edelsteinen und alten Münzen und sicherte sich dadurch seinen Lebensunterhalt, während er gleichzeitig studirte. Im Jahre 1179 wurde er Leibarzt des Sultans.! Er hatte als solcher die Pflicht, alle Tage nach dem Palais! des Sultans zu kommen, und wenn Jemand dort krank war, I mußte er den ganzen Tag bis zum Abend bleiben. Es wird! erzählt, wie er auf dem Wege von dem Palais des Sultans! nach Altkairo - und wer die Gegend keimt, wird wissen, daß es etwa drei Viertelstunden Wegs ist - von den Kranken am i späten Abend noch umlagert wurde und bis in die späte Nacht hinein auf der Straße seine Rezepte verschrieb. Gerühmt wird von ihm, abgesehen von seiner Wissenschaft, sein hervorragend humanes Wesen. Er starb im Jahre 1204; seine Leiche wurde nach Palästina gebracht und dort beerdigt; eine dreitägige Trauer und Fasten wurde für alle Juden angeordnet. Was die Arbeiten des Maimonides betrifft, so gehören sie nur zum Theil der Medizin an. Ein großer Theil ist philosophischen Inhalts, und ich möchte in dieser Beziehung hervorheben, daß Maimonides auf dem Boden des Aristoteles stand, daß er meinte, daß alle geistige Thätigkeit in erster Reihe von den Sinnen! ausgeht. Er nahm auch an, daß es eine Wissenschaft außerhalb des Glaubens giebt, d. h. also, daß nicht alles menschliche Wissen aus dem Glauben entspringe, wie die orthodoxe Kirche aller Zeiten angenommen hat. Diese letztere Lehre war es auch, welche ihm die Feindschaft der orthodoxen Rabbinen

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