Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- Seite 114 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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N4 wie durch muthigeS und kraftvolle-Kämpfen für unsere Rechte, für Aufklärung und Freiheit, dawird unS leicht sein im Hinblick auf das Goethesche Wort: Feiger Gedanken — bängliches Schwanken, Weibisches Zagen — ängstliches Klagen Wendel kein Elend -- macht uns nicht frei. Allen Gewalten — zum Trutz sich erhalten, Nimmer sich beugen — kräftig sich zeigen Rufet die Arme der Götter herbei! Die Juden in der Medizin. Vortrag, gehalten am 6, Februar 1902 im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur. Von Professor Dr. E. Mendel. mMn keiner Disziplin, in welche die Juden Vertreter gesandt haben, ist diese Vertretung, sowohl der Zahl wie der Bedeutung der Männer nach, erheblicher gewesen als in der Medizin. Vielleicht haben die Juden aus Aegypten schon eine gewisse Vorliebe für diese Wissenschaft und für die Arzneikunst mitgebracht; wissen wir doch, daß die alten Aegypter bereits nach dieser Richtung hin sehr erhebliche Leistungen aufznweisen haben. Vielleicht war es auch die wunderbar schöne Natur, die entwickelte Flora in Palästina, welche die Juden auregte, die Pflanzen zu studiren, die Naturwissenschaften zu pflegen, und dann ihre Wirkung ans den menschlichen Körper, ihre Anwendung bei Krankheiten zu erproben. Vielleicht ist es aber auch das Beispiel Moses' gewesen, welchen wir ja als einen der hervorragendsten Hygieniker aller Zeiten kennen. Während für jene frühe Zeit diese Möglichkeiten ausreichen konnten, um die Vorliebe der Juden für die Medizin zu erklären, werden wir sehen, daß es in späterer Zeit andere, äußere Gründe waren, welche die Juden zur Medizin trieben. Wir werden sehen, daß speziell die Medizin des Talmuds von anderen Bestrebungen ausging, und wir wissen, daß späterhin im Mittelalter lind bis ans die neueste Zeit die Juden zur Medizin gedrängt wurden, weil, wenn sie überhaupt Wissenschaft treiben wollen, nur begrenzte Felder für sie übrig geblieben und ihnen in anderen Disziplinen als in der Medizin, die Möglichkeit verschlossen blieb, Praktisch zu Erfolgen zu kommen. Wenn ich mit der Geschichte der Juden in der Medizin beginne, so möchte ich von vornherein bemerken, daß unsere Kenntnisse nach dieser Richtung, bis vor wenigen Jahrzehnten sehr gering waren, daß wir besonders über die ältere Zeit wie über das Mittelalter recht wenig wußten, und daß es das Verdienst unseres allverehrten Prosessors Steinschneider ist, auch diese Wissenschaft besonders gefördert zu haben. Beginne ich nun mit Moses, so wissen wir, worauf ich vorhin schon aufmerksam machte, daß er ja ein hervorragender Hygieniker war, daß er besonders, wenn man die Zeit berücksichtigt, in der er lebte, die äußeren Verhältnisse, in denen er wirkte, mit hervorragender Sachkenntniß jene Maßregeln traf, welche nothwendig waren, um das Volk gesund zu machen und gesund zu erhalten. Wir wissen aber auch, daß er über einzelne Krankheiten ganz spezielle Kenntnisse hatte, daß er besonders über den Aussatz informiert war, daß er die weißen Flecke auf der Haut, welche in vielen Fällen den Aussatz inauguriren, sehr wohl zu beschreiben wußte. Nun, dieser Aussatz, die Lepra, war eine Geißel für die damalige Zeit, und Sie wissen, daß auch heute noch nicht bloS der Orient voll von Leprösen ist, sondern daß auch bei uns in Ostpreußen wie ganz besonders in Schweden und Norwegen diese Krankheit noch immer ihre Opfer fordert. Es hat seitdem zweieinhalb Jahrtausende gedauert, ehr wir die Ursache dieser Krankheit in dem Bazillus der Lepra kennen gelernt haben. Wenn wir dann in der Bibel weitergehen, ist besonders als hervorragender Arzt der König Salonu zu bezeichnen. Er soll ausgezeichnete Kenntnisse über die Pflanzen gehabt haben, er soll verstanden haben, Bestandtheile derselben gegen manche Krankheiten anzuwenden, und es wird behauptet, daß er ein Buch geschrieben habe über die „Heilung der Krankheiten mit gewöhnlichen Mitteln", daß aber nach seinem Tode die Leviten dieses Buch vernichtet hätten. Das ist die erste bekannte ärztliche Konkurrenz in der Geschichte. Denn die Leviten heilten mit Opfern und wollten begreiflicherweise die Konkurrenz des verstorbenen König Salomo nicht dulden. Es war ja zu jener Zeit der Glaube, daß die Krankheiten eine Strafe Gottes seien, und daß man, wenn man gesund werden wollte, Gott versöhnen müßte, ein allgemeiner, und daraus erklärte sich dann auch der Gebrauch, durch Opfer Gott zu versöhnen, und dies thaten die Leviten. Es wird ferner berichtet, daß die Propheten, unter ihnen besonders Elias und Jeremias, vielfach Kranke behandelten und auch Wunderkureu ausführten. Nach der Beschreibung nehmen wir an, daß es sich um Hysterische gehandelt hat, Scheintodte, Kataleptische. welche sie, wie dies auch jetzt noch geschieht, durch Suggestion geheilt haben. Aber diese Propheten verschmähten auch nicht gewöhnliche Mittel, und so wird berichtet, daß einer der Propheten einen syrischen General, der an der Lepra litt durch Bäder im Jordan geheilt hat, und ein Volksmittel, das auch jetzt noch gebraucht wird, das Auflegen von Feigen aus Drüsen u. s. w., wurde schon damals empfohlen. Auch hier gab es wieder eine Konkurrenz zwischen den Propheten und den Leviten. Es heißt, daß der König Achab air der Gicht gelitten hätte und ein Jahr später gestorben wäre; das wäre geschehen, „weil er nur die gewöhnlichen Aerzte und nicht dir Propheten zu Rache gezogen hätte". Nach der Zerstörung Jerusalems im zweiten und dritten Jahrhundert, werden eine Anzahl hervorragender Aerzte genannt. Ich will Sie mit der Namen hier nicht behelligen und nur äuführen, daß sichuntei ihnen ein Arzt befand Namens Samuel, der zugleich Astronom war. und der ein Augenwasser zusanunengestellt hat, das ziselier Zeit einen großen Ruhm erlangt hat. Samuel macht- Vielsache Sektionen, er kaufte Leichen, um diese Sektioneimachen zu können, und bildete sich dadurch in der Ana tomie aus. Wir kommen jetzt zu der Zeit des Talmuds, welcher be kanntlich l»l der Mitte des fünften Jahrhunderts abschließt. De Zweck der Medizin des Talmuds war ein wesentlich andere als der bisherige und der spätere. Es handelte sich hier in erster Reihe darum, festzustellen, ob bei^gewissen Krankheiteides Thieres dasselbe noch genossen werden dürfe oder nicht Krankheiten, welche schnell zum Tode sührten, und welche unheilbar waren, nannte man terefa, und Thiere, welche an diesen Krankheiten litten, wurden als teresot bezeichnet uni durften deswegen nicht genossen werden. Darauf richtete siä in jener Zeit die Erforschung der Krankheiten, auf die Frage ob eine solche Krankheit tödtlich sei, ob eine solche Krankheii unheilbar sei. Um das zu erläutern, will ich einige Beispiel-