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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · p. Seite 113

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 113 (sequence 7)
Language
German
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So kam es, daß diese Anschauung gar Bielen bewußt oder unbewußt eingeimpft worden ist, und da bekanntlich nichts mehr verführt als das Beispiel, so ist es natürlich, daß, als viele Leute die Gesellschaft der Juden, beeinflußt von all' diesen Gründen und Scheingründen, mieden, sich noch mehr fanden, die das Gleiche thaten, ohne zu wissen warum. Daß viele unserer Glaubensgenossen, die es zu einer geachteten sozialen Stellung, sei es durch ihre hervorragende Position im Handel und in der Industrie, oder durch ihre Leistungen ans dem Gebiet der freien Berufe und Künste, brachten, nichts Eiligeres zu thnn wußten, als aus dem Judenthum auszutreten und es deutlich merken ließen, daß sie sich schämten, ihm angehört zu haben, trägt natürlich nicht dazu bei, unser Ansehen bei unseren Gegnern zu erhöhen. Ich kann mich nun hier mit der Widerlegung der von den Antisemiten ausgestellten Rassentheorie nicht anfhalten. Die Vorwürfe der Antisemiten interessiren uns heute nur so weit, als sie meines Erachtens eine gewisse thatsächliche Unterlage haben. Und, so sehr auch unsere Gegner über das Ziel hinausschießen, so schändlich und verkehrt ihre Verallgemeinerung ist, so niedrig und unlauter mitunter ihre Motive sind, wir müssen zugeben, daß in unseren Reihen verschiedene und tiefwurzelnde Mißstände herrschen, deren Beseitigung einem Jeden, der es mit dem Judeuthum ehrlich meint, ans Herz gewachsen sein muß. Für den in unseren Kreise» hi« und da dominirenden Materialismus und Mammonismns darf uns die Entschuldigung nicht genügen, bei vielen unserer christlichen Mitbürger — ipeziell der Erwerbsstände — sei es ebenso. Nein, eine Lebensanschaunng, die als das höchste Ziel des menschlichen Strebens die Anhäufung von Neichthümern ansieht und zur Erlangung derselbe»! höchstens die kriminell strafbaren Wege meidet, der aber, wenn es sich nm Geldeswerth handelt, Ehre und Moral fremde Begriffe sind, ist unterallen Umständen verdammenswerth. Der Einfluß der Gesammtheit muß in dieser Hinsicht auf den Einzelnen läuternd und bessernd wirken, damit solche Auschanungen und ihre betrübenden Folgeerscheinungen iiumer mehr verschwinden! Wenn bei Erörterung der Leistungen der Inden von unserer Seite die Thatsache angeführt wird, daß wir doch unsere militärischen Pflichten erfülle» und stets erfüllt haben, o heißt es regelmäßig mit Geringschätzung und Hohn: „Sv eid Ihr auch Soldaten!" . Die Geschichte der letzten Kriege, die Antheilnahme so zahlreicher Inden an denselben, auch als Freiwillige — ich erinnere an den amerikanischen Bürgerkrieg — die vielfachen Auszeichnungen für Tapferkeit auf dem Schlachtselde, die Beförderung einer großer: Anzahl unserer Glaubensgenossen zu Offizieren in allen Armeen — selbst in der preußischen und in der russischen — während der Kriege, gebe,» uns das Recht, diese Angriffe entschieden als unbegründet zurückweisen zu dürfen. Aber ein gewisser berechtigter Kern stecht auch in diesen: Vorwurf. Die Statistik beweist, und jeder »»»befangene Beobachter muß zngeben, daß die physische Leistungsfähigkeit des Durchschuittsjuden immer noch geringer ist als die des Durchschnittschristen, so erstaunlich mich gerade hierin die im Laufe des letzten Jahrhunderts eingetretene Regeneration ist. Ich behaupte aber, daß bei der Erziehung der Kinder heute noch im Allgemeinen in den jüdische:: Familien zu wenig Beachtung ans die Entwickelung der körperlichen Kräfte, der Gewandtheit und Geschicklichkeit gerichtet wird; und doch ist kein Wort wahrer als das: mens sank» in corpore sano. Auch hier muß eine Wandlung eintreten. Erfreulicherweise hat sich die Erkenntniß dieser Mißstände ii: den letzten Jahrzehnten, ebenso wie die, daß für uns aus taktischen Gründen einige Zurückhaltung und Bescheidenheit im öffentlichen Auftreten geboten war, dnrchgerungen, und hierin sowie in dein stattgehabten Zusammenschluß der Juden erblicke ich so werthvolle, günstige Folgen des Antisemitismus, daß sie eine ganze Reihe der »ins zugesügten Nachtheile aufwiegen. Das Gesnhl der Zusammengehörigkeit ist erst durch den Antisemitismus wieder in uns erwacht, die Beschäftigung mit unserer Litteratur und Geschichte hat zugenommen, und als natürliche Folge hiervon ist der berechtigte Stolz a»f unser Judenthum wieder znm Vorschein gekommen. Ja, jedes Blatt unserer Vergangenheit weist so herrliche Bilder von unerschütterlichem Muthe, bervundernsiverther Ausdauer, edelstem Streben und wahrer Größe ans, wie die weniger anderer Völker, und es ist eine hohe Ehre, jener Geiueinschaft anzugehöreu, die schon vor Jahrtausenden die Trägerin des Gottesglaubens, der Erkenntniß und der Hninanität war und die sich seit jenen fernen Tagen bis heute, trotz aller Verfolgungen, trotz aller Anfeindungen und Verlockungen erhalten und lebenskräftig gezeigt hat. Dieses Gefühl aber muß uns hinwegheben über alle Widerwärtigkeiten und Zurücksetzungen, denen »vir zur Zeit ausgesetzt sind. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts hat gezeigt, daß die Fluthwelle der Reaktion mit »»»»sehlbarer Sicherheit jeden» Fortschritte folgte — aber von Fall zu Fall schwächer und wirkungsloser. So wird sich auch der Stnrn», der uns jetzt »nntvbt, legen, und dann wird das Gute, das er uns gebracht hat. die innere Vervollkommnung uuddie sittliche Läuterung, ihre Früchte tragen. Bei allen Nationen aber — in Ost und West, in Nord und Süd — »vird die stets wachsende Bildung und Aufklärung die uns »»»»gebeilden Bornrtheile, wenn auch langsam, dafür um so sicherer zertrümmern, und »vir dürfen ohne Bangen einer froheren Zeit entgegen sehen. Der in Bezug auf »rnsere Zukunft herrschende Pessimismus ist meines Erachtens nicht berechtigt! Das aber, was an uns ist, beizntragen zur baldigen Zertheilnng der uns uinhüllenden feindlichen Nebel, ebensowohl durch das Streben nach Vervollkommnung und Veredelung

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