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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 112 (sequence 6)
Language
German
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112 Wie dann die reaktionäre Strömung zum Stillstand kam und dieJdeen derFreiheit und des Fortschritts in den Jahren 1847/48 aufs Neue zum Kampfe riefen, wie endlich da das erlösende Wort für die Inden fiel, wie uns da nach erbittertem Streite die Emanzipation, die bürgerliche Gleichberechtigung zn Theil wurde, das brauche ich nicht zu schildern, das wissen die Aelteren unter uns zum Theil noch aus eigener Anschauung, daS hörten wir Jüngeren aus den Erzählungen unserer Väter. Und ebenso wissen wir, wie auch aus 1848 eine kurze aber heftige Reaktion folgte, und wie dann nach und nach die inneren Fragen in den Hintergrund traten vor der Wichtigkeit der Ereignisse der äußeren Politik. Die 50er, 60er und 70er Jahre mit ihren gewaltigen staatlichen Umwälzungen verkitteten uns Juden dann fester und fester mit unseren christlichen Mitbürgern, die Vorurtheile schwanden, die Schranken im gesellschaftlichen Verkehr fielen mehr und mehr, das unermüdliche, geistige Vorwärtsstreben der Juden verschaffte ihnen angesehene Stellungen in den verschiedenartigsten bürgerlichen Berufen, ihr Familiensinn und ihre Sparsamkeit brachte sie zu Wohlstand, sie gehörten bald zahlreich zu den ersten Großkaufleuten, der rastlose Eifer und die Tüchtigkeit einer Reihe von Bankfirmen ließ diese in die Reihen der baute llrmque und der Finanzaristokratie aufrncken, man lauschte ausmerksam den Worten jüdischer Abgeordneter in den Parlamenten, und jüdische Aerzte, Juristen, Gelehrte und Künstler errangen sich durch ihre Leistungen allgemeine Werthschätzung und Achtung. Auf dem Boden vollkommener bürgerlicher Freiheit und Gleichheit entstanden auch in den westlichen Staaten jüdische Handwerker und Landwirthe, obwohl gerade diese Berufe jahrhundertelang den Juden durch die Gesetzgebung völlig unzugängig waren. Und bei dem unverkennbaren Zusammenhang der Judenfrage in allen Kulturstaaten zeigten sich die gleichen Erscheinungen nicht unr in unserem Vaterlande, sondern auch — mehr oder weniger — in allen europäischen Grvßstaaten. 1878 brachte dann der Berliner Kongreß auf Betreiben Disraelis, den kein Geringerer als Bismarck unterstützte, den rumänischen, serbischen nnd bulgarischen Juden eine bedeutende Besserung ihrer Lage. Diese günstige Entwickelung schien ihren Fortgang nehmen zu wollen, als gegen Ende der 70 er Jahre bei uns hier in Deutschland eine von skrupellosen Hetzern in Wort und Schrift geschürte Gegenbewegung austauchte, die gar bald den Namen Antisemitismus erhielt. Dieser Antisemitismus sprang mit unheimlicher Schnelligkeit nach Rußland über, bedeckte dort einen Weg mit Blut und Leichen, und erschien dann in Oesterreich, um auch hier maßlos auszuarten. Die Entwickelung, die er in den beiden letzten Jahrzehnten genommen hat, kennt ein Jeder von uns. Sehen wir uns diesen heutigen Antisemitismus näher an. Eine geschlossene, geistige Bewegung, deren Gründe die große Masse überzeugt hätten, ist er nicht - nein, er ist ein Konglomerat der verschiedenartigsten Anschauungen, die nur der eine gemeinsame Gedanke verbindet, der Haß gegen »ns Juden. Der Unterschied zwischen seinen diversen Richtungen ist jedoch ein sehr großer! Von dem religiösen Antisemitismus, der im Mittelalter seine Triumphe feierte, will ich schweigen. Wenn nicht die I ans religiösem Aberglauben herstammenbe wahnsinnige Blutmordbeschnldigiiiig wäre, könnte mau meinen, er sei verschwunden. Anders ist es mit dem politischen und wirthschaftlichen Antisemitismus. Die niedrigste Abart desselben, der Geschäftsantisemitismus also der Antisemitismus Derjenigen, die ihn lediglich des Brod erwerbs und des geschäftlichen Vortheils willen pflegen, wie es ein Theil der bezahlten Agitatoren, Redakteure, anti semitischen Gastwirthe rc. thut. ist nicht werth. daß man siel mit ihm beschäftigt. Er kann ja auch nur floriren, so laug« der allgemeine Antisemitismus blüht. Der politische Antisemitismus, derjenige also, der in den Parlamenten seine Vertretung hat und zielbewnßt danach strebt, die Rechte der Juden einzuschränken, die Emanzipation aufznheben und die früheren Zustände herbeizuführen, hat. abgesehen von der Rassenfrage, auf die ich noch näher zu sprechen komme, rein wirthschastliche Gründe. Für einen großen Theil dieser Antisemiten ist der Begrisi Kapitalismus identisch mit Judenthum. Für jeden Auswuchs des Kapitalismus machen sie die Juden in ihrer Gesammthei! verantwortlich, als ob jeder Jude ein Kapitalist wäre und als ob es christliche Kapitalisten überhaupt nicht gäbe! Daß die Bekämpfung der Schäden des Kapitalismus nur durch ein Vorgehen gegen alle Kapitalisten ohne Unterschied ihres Glaubens und ihrer Stammeszugehörigkeit möglich ist sehen die Bekenner dieser Richtung nicht ein oder wollen ec nicht einsehen, und von ihnen gilt daher mit Recht das Wördes Abgeordneten Singer: „Der Antisemitismus ist der Sozia lismus der dummen Leute! " Ein anderer Theil dieser wirthschaftlichen Antisemiter hebt, voll Neid über die durch Fleiß, Sparsamkeit und Tüchtig keit von ihren jüdischen Konkurrenten erzielten Erfolge, stetden durch den großen Antheil der Juden am Handel erklär lichen Umstand hervor, daß sie an Vergehen nnd Verbrecher gegen das Vermögeil verhältnißmäßig mehr betheiligt sind all die Christen. „Die Geschäftsgewandtheit, Schlauheit nnd Skrupellosigkei der Juden wird mit der Zeit noch alles mobile nnd imniobill Kapital in ihre Hände bringen, " so lautet der ewige Refrain dieser Antisemiten und deshalb, so sagen sie weiter, sei es ein Existenzfrage für die Christen, die Juden ohne Unterschied - denn wer könnte die ungefährlichen von den gefährlichen unter scheiden — unter Ausnahmegesetze zn bringen, ihnen mindestem gewisse politische und wirthschastliche Einschränkungen aufzr - erlegen, also ihnen, z. B. wie in Theilen von Rußland, de i Erwerb von Grundeigenthum zu verbieten. , Selbstverständlich wollen die Verfechter dieser Ideen nichtdavon wissen, wenn man ihnen zeigt, daß genau dieselbe > Vorwürfe, die sie gegen die Juden erheben, auch auf de i christlichen Kaufmannsstand Anwendung finden könnten. Die hohe Antheilnahme aber der Inden am Handel i t I eine Konsequenz der ihnen im Mittelalter anfgszwungene 11 Entwickelung, und kein billig und logisch denkender Mensch kann ihnen daraus einen Vorwurf machen. I Die Befürchtung endlich, daß alles Kapital in die Hände I der Juden käme, steht auf derselben Höhe wie die Bc- I hauptung.daß, wenn ein normaler Mensch vom 1. bis 20. Leben--1 jahr 1,60 Meter hoch wachsen, er in 40 Jahren 3,20 Meter e I reichen würde. I

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