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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-03-07 · Heft 10 (7.3.1902) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 10 (7.3.1902)
Date
1902-03-07
Page
Seite 110 (sequence 4)
Language
German
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IIO Wir sehen also, daß es traurige, moralisch krankhafte Zustände sind, die uns fast gespenstisch mit hohlen, fiebernden Augen entgegenstarren. Angesichts solcher Zustände muß sich Jeder, dem die Zukunft der Menschheit am Herzen liegt, ernstlich die Frage vorlegen: Wie lassen sich dieselben heilen, nnd durch welche Mittel kann man dieser um sich greifenden Korruption endlich Einhalt thun? In erster Reihe ist die Schule dazu berufen, hierin Wandel zu schaffen. Mitten in dem wogenden Kampf der Tagesmeinungeu und dem Wechsel wissenschaftlicher Weltanschauungen muß sie den alten biblischen Grundsatz unbeirrt festhalteu: „Gottesfurcht ist alles Wissens Anfang, verkehrte Gemüther verachten Weisheit und Zucht." Gottesfurcht ist das erlösende Wort zur Besserung der Zustände. Aus Gottesfurcht unterläßt ein Mensch, dem Anderen Unrecht zu thun, aus Gottesfurcht scheut sich ein Mensch, dem Anderen Liebe und Gerechtigkeit zu versagen. Gottesfurcht deckt sich daher mit der Moral nach jeder Richtung. Was dabei noch jede Religion aus ihre besonderen Dogmen, Symbole und Gebräuche beziehen mag, kann und darf, wenn sie anders eine wahre Religion ist, nur dazu beitragen, die Moral in den Herzen der Menschen zu befestigen und weiter zu entwickeln. Nicht selten ergehen sich aber auf Grund der Dogmen, Symbole und Gebräuche manche nichtjüdische Seelsorger in ihren Predigten in einer so maßlos heftigen Polemik gegen andere Religionen und Andersgläubige, daß unter diesem Fanatismus der moralische Werth einer solchen Erbauung gänzlich verloren geht. So konnte man in einer der vornehmsten Kirchen der Reichshauptstadt am ersten Weihuachtsfeiertage des Jahres des Heils 190t unter einem Texte, der den Segen des Friedens unter den Menschen kündet, die mit großem Pathos gesprochenen Worte mit Bezug auf das vorher genannte Israel von der Kanzel herab vernehmen: „Es ist nicht zu begreifen, wie der Herr seine Feinde mitten in der christlichen Gemeinschaft bestehen läßt." Diese Worte haben zwar als ein längst unzeitgemäßer fanatischer Ausbruch die zahlreichen Zuhörer sichtbarlich kalt gelassen, aber das entzündliche Gemüth der Jugend, der die Erfahrung fehlt, um eine» solchen Ausspruch als völlig haltlos zu erkennen, äußert sich infolge davon alsbald in Schimpf und Spott gegen Juden, sowohl in der Schule, als auch zumeist aus offener Straße. Vor einigen Tagen hat der bekannte Breslauer Professor Hermann Cohn im Bürgersaale des Rathhauses Hierselbst vor den Mitgliedern des Vereins für Schulgesuudheitspflege einen Vortrag gehalten, in welchem er das erschreckende Ueberhandnehmen der Kurzsichtigkeit der Schulkinder von Klasse zu Klasse aufwärts feststellte. Die moralische Kurzsichtigkeit ist aber ein noch verhängnißvolleres Uebel für die Jugend, wenn sie darin aufwüchst. Mit der harmonischen Erziehung der Schuljugend, bei der die moralische Einwirkung einen Hauptfaktor bildet, würden viele trübe Quellen sozialer Uebel, unter denen der Antisemitismus eines der schwersten ist, die die menschliche Gesellschaft Niederdrücken, verschüttet werden und die Heilung der Zeit könnte beginnen. Me Woche. Berlin, 5. März. n einer der letzten Sitzungen des Landtags lenkte der fortschrittliche Berliner Abgeordnete Kreitling die Auf» merksamkeit des Ministers des Inneren auf die neuesten nnfläthigen Hetzreden des Dreschgrafen Pückler und ersuchte ihn, dem öffentlichen Skandal, zu dem diese Art von Agitation längst ausgeartet sei, ein Ende zu machen. Leider blieb diese Aufforderung ohne jede Erwiederung. Es wurde darauf ein Schlußantrag angenommen. Nach den Mittheilungen politischer Blätter hatte Herr Kreitling namentlich die letzte Rede des Dreschgrafen im Auge, in der derselbe u. a. sagte: „Deutscher Kaiser! Sei hart gegen die Ratten, namentlich gegen die goldenen. Schon hat es '/.12 geschlagen, um 12 Uhr geht das Reich zu Grunde. Willst du warten, bis es noch mehr Judengenossen giebt? Siehst du nicht, wie deine Beamten und Offiziere von den Juden geschunden werden bis aufs Blut? Die Höflinge sind Judengenosfen und Jammerlappen, wie auch die Behörden und die Gerichte längst unter dem Einfluß der Juden stehen. (Tosender Beifall.) Ich hätte für mein forsches Auftreten gegen das Judenpack eher einen hohen Orden verdient, als eine Verurtheilung. (Bravo.) Der König sollte die Behörden anhalten, Spitzbuben und anderes Gesindel zu verhaften, aber den unschuldigen Pückler (! t!) unbehelligt zu lassen. Sollte sich wieder einmal ein Polizeikerl herausnehmen, mich verhaften zu wollen, schieße ich ihm eine Portion Schrot in den Bauch. Landgraf — Landgraf — Landgraf! Du gehst einem dunkeln Schicksal entgegen! Es wird endlich Zeit, daß die Fürsten Buße thun, im Sack nnd in der Asche. Wir aber müssen endlich einmal anfangen, auf die Judenbande wirklich loszugehen. Wenn euch auf dem Heimwege schwarz' gelockte Jünglinge und Damen begegnen, tretet auf sie zu und gebt ihnen — Patsch, patsch -- rechts und links ein paar Ohrfeigen, hebt dann den Fuß und versetzt den Schwarzgelockten noch einen tüchtigen Fußtritt. Aus diese Weise muß der Anfang gemacht werden. (Mit Pathos.) Mein Vaterland, wache auf!" (Tosender Beifall.)" Den Wunsch, daß diesem Treiben ein Ende gemacht werde, sollten eigentlich die Vertreter aller Parteien hegen und aussprechen. Die Hilferufe der jüdischen Wissenschaft scheinen doch in weiteren Kreisen Eindruck gemacht zu haben. Auch in orthodoxen, wie eine Nachricht aus Frankfurt a. M. zeigt, nach welcher dort eine „jüdisch-litterarische Gesellschaft" begründet wurde, die sich die Aufgabe gestellt hat, streng wissenschaftliche Bestrebungen zu fördern, die geeignet sind, die Erkenntniß der Wahrheit des überlieferten Judenthums zu vertiefen. In einem durch das provisorische Komitee zur Ver sendung gelangenden Cirkular heißt es n. a.: „Schon die ersten Anfänge einer aus genüge»,den Kenntnissen be ruhenden strengwissenschaftlichen Forschung haben herrliche Resultat ergeben, die unsere Ueberlieferung allseitig bestätigen. Auf diesem Wege wollen und müssen wir fortschreiten. Unsere Gesellschaft wil! gesinnungsverwandte Gelehrte zum Forschen anregen und sie mü Andere, die nicht erst auf die Anregung warteten, ermuntern und i, Stand setzen, die Frucht ihrer Studien der weiten Oeffentlichkeit zr unterbreiten. Bücher, die jüdisch-wissenschaftliche Gegenstände zun Inhalt haben, werden heute wenig gelesen und gekauft, und darum vor allem nicht in genügender Zahl geschrieben. Zur Ermunterunjz und Förderung der Gelehrten gehört es, ein theilnehmendes und auf merksames Publikum zu schaffen. Auch dieses sei ein Ziel für uns Die Mittel zur Erfüllung dieser großen Aufgabe wird eine ziel bewußte Vereinsleitung zu finden wissen, sobald sich unserer Gesellschaft eine genügende Zahl von Gesinnungsgenossen angeschlosseu hat. Duröausgesetzte Preise für hervorragende Leistungen, durch Zuschüsse be? Herausgabe von wissenschaftlichen Werken, durch periodisch erscheinend;' Aussätze denken wir zunächst auf die Gelehrtenwelt einzuwirken; unser

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