Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1902)
- Date
- 1902-03-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 16. Berlin, 7. Mär; 1962. eitung öes Zuöenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, I Post oder direkt von der Expedition in Berlin I unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. I Nedaeteur: Gustav Karpeles.! Begründet von Nabbiner Dr Ludwig Phillppson-Lonn. Verlags-Grpedijion: Berlin, Jerusalemerftr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Zudenthums", Berlin I 8W., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. I Inhalt. Leitartikel: Die Heilung der Zeit. — Die Woche. — Ist der in Bezug auf die zukünftige Lage der Juden herrschende Pessimismus gerechtfertigt oder nicht? Von Joseph Baum in Wiesbaden. II. — Die Zuden in der Medizin. Vortrag, gehalten am 6. Februar 1902 im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur. Von Professor Dr. E. Mendel. — Die neueste Bibelübersetzung. Besprochen von Dr. A. Berliner. 1. — Keuittetonr Assimilirt. Von Oscar T. Schweriner. II. — Sprechsaal. — Briefkasten -er Ridaktiori. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Schildberg, Breslau, Hannover, Papenburg, Stadtlengsfew, Düsseldorf, Stuttgart, Wien, Stockholm. — Bon Nah und Kern. Die Heilung der Jert. Berlin, S. März. sch^^nr den aufmerksamen Beobachter dessen, „was unter der Soime geschieht", der mit sinnendem Blick die geschichtlichen Ereignisse der Jahrhunderte mit einander vergleicht, erscheint nichts trauriger im Bereiche der Menschheit als der alte, verzweifelte Kampf der Maral mit den eiitgegenstehenden Mächten der Finsterniß. Sie scheint zu einer Sisyphusarbeit vernrtheilt zu sein. Sv oft sie sich um einige Schritte ihrem Ziele nähert, wird sie voll lauernden Unholden znrückgeschlendert. Ans ihrer Ohnmacht erwacht, treibt es sie unwiderstehlich immer von neuem, den Dornenpfad ihres Schmerzensganges eniporzusteigen. Nicht selten begleiten sie, als ihre Paladine, warm empfindende, mitfühlende Menschen, >u Schutz und Trutz gegen Bosheit und Tücke. Doch zu Zeiten gähnen ihr jähe Abgründe entgegen, und wehmüthigen Blickes schaut sie hinüber zum fernen, lichten Ziele, gebeugt von der Zorge, die Hindernisse zu überwinden. Auf diesem Stadium rblicken wir gegenwärtig die Moral, dieses glänzende Zeugniß and Wahrzeichen des göttlichen Ursprungs des Menschenzeschlechts. Es giebt nicht viele Periode» der Weltgeschichte, in denen ae so offen und frei und bewußt verhöhnt und verunglimpft wurde, als dies in der Gegenwart in weiten Kreise» geschieht, lud es sind gerade nicht jene Kreise, denen Manche aus lorurtheil, weil sie nicht nach Knigges „Umgang mit Menschen" uch verbeugen und koinplimentiren gelernt, rohe Ausschreitungen utrauen, sondern in manchen gebildeten Klaffen hat eine Berrohung Platz gegriffen, die geradezu haarsträubend ist. Im gesellschaftlichen Leben galt vormals die Bezeichnung eines Menschen als eines „Gebildeten" für eine»! Ehrentitel, der > berall besondere Achtung. Sympathie und Vertrauen weckte. Jetzt hat eine solche Bezeichnung ihren Nimbus eingebüßt, der Janber ist geschwunden, und es ist nur der öde Begriff eines .modernen" Menschen übrig geblieben, der sich mit seinem Moral- und Ehrenkodex über, vieles hinwegsetzt, was der Moral und Religion dem Rechte, der Wahrheit und der guten Sitte als heilig gelten. Eine der schönsten Btüthen am Lebensbanm des Volkes war von jeher die studirende Jugend. Sie vergegenwärtigt uns die ewig sich erneuernde Kraft und die immer sich verjüngenden Ideale im Leben der Nation. Wenn aber „ideal sein", als welches man gewöhnlich die Jugend und besonders die studirende mit Recht bezeichnet, heißt: das von begeisterten Empfinden verklärte und getragene Streben in der Nacheiferung und Verwirklichung eines hohen Musterbildes der intellektuellen und moralischen Vollkommenheit, dann müssen uns jene Hörer an der Universität der Metropole des deutschen Reiches, die. wie dies vor kurzem der Fall war, in ein wüstes Freudengetrampel ausbrachen, als während einer Vorlesung der Professor bei Nennung eines Autors mit jüdischem Namen nebenbei bemerkte, daß es derselbe sei, der vor wenigen Jahren ermordet wurde, als ein unfaßbares psychologisches Näthsel erscheinen. Anderseits ist der Einfluß der geistigen Verrohung, wie sie schon seit Jahren von antisemitischen Neichstagsabgeordneten n»d in der antisemitischen Presse systematisch aufgezüchtet wird, nicht zu verkennen. Wenn im deutschen Reichstag Abgeordnete noch immer den alten Blödsinn eines Ritualmordes oder den geschmacklosen, rohen Scherz vom „rechtzeitigen Zuklappen des rothen Meeres" und sonst dergleichen, jeden Gebildeten anwidernde Redensarten gegen einen beträchtlichen Theil deutscher Staatsbürger, ohne einen Ordnungsrus befürchten zn müssen, sich leisten zu dürfen, dann ist eine Uebertragnng und Ansteckung unreifer Jünglinge nach dieser Richtung hin nicht zu verwundern. In den Augen der besser gebildeten Welt können derartige Ausbrüche dem Judenthum nichts schaden, sie erwecken vielmehr außer der natürlichen Sympathie sür die Beschimpften und Bedrängten den Abscheu und Widerwillen gegen die Angreifer. Tief zn bedauern ist es aber, daß unter solchen Vorfällen das Ansehen Deutschlands vor dem Auslande zn leiden hat, da sie den Hohn und Spott Derer wecken, die darauf lauern und eine Freude daran haben, am deutschen Charakter Blößen zu entdecken und diesen unter der Gegenüberstellung mit dem alten Epitheton des deutschen Volkes als „Volk von Denkern und Philosophen" dem Hohngelächter preiszngeben. Den ständigen Anlaß hierzu bietet auch in reicher Fülle die antisemitische Presse, die mit ihrer unglaublichen lendenlahmen Moral und Logik, die urtheilsunfähigen Leser zn verwirren und mit ihrem Zähnefletschen die wildesten Instinkte zu erregen geeignet ist.