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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · p. Seite 108

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
Seite 108 (sequence 14)
Language
German
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Dennoch suchte er seinen Posten zu behaupten; wieder und immer wieder öffnete er den Mund zu einer Allsprache, und wieder und immer wieder wurde er durch das wilde Geschrei „Meschumed, Meschnmed" niedergeheult. „So hört doch!" „Meschnmed, Meschumed" „Ich bin kein Meschnmed, ich bin Euer Freund, laßt" — „Meschumed, hviloll tum, Meschnmed" — Mit Mühe und Noch und dem ausgiebigsten Gebrauche meiner kräftigen Ellbogen war es mir gelungen, mich bis in die Nähe des Mannes zu arbeiten. „So fahren Sie doch tos!" schrie ich ihm zu. „Sehen Sie denn nicht, daß Sie sich in Lebensgefahr befinden!?" „Jehudim sind keine Mörder, ich bin in keinerlei Gefahr," gab er mir mit größter Seelenruhe zur Antwort. Tie Nächststehenden hatten die Antwort gleichfalls gehört, sie schien ihnen zu imponiren. Jedenfalls riesen fehl mehrere Stimmen: „Fahren Sie weg, Mister, es kann ä Unglück passiven." Wie die Sache noch geendet hätte, läßt sich schwer ausdenken, es ist deshalb als wahres Glück zu betrachten, daß sich endlich die Polizei blicken ließ. Mit ihren Knüppeln Jeden auf den Schädel schlagend, der sich nicht schleunigst ans dem Staube machte, hatten die Schutzleute bald unseren Helden und seinen Wagen erreicht. Einer packte das Pferd beim Zaume, je Einer pflanzte sich zu Seiten des Wagens ans. und fort giug's zur Polizeiwache, während der Schwarm sich nach und nach verlies. Nach etwa drei Stunden kam der junge Mann aus der Wachstube Heralls. Pferd und Wagen waren als Bürgschaft für sein Erscheinen vor Gericht am folgenden Tage zurnckbehalten worden. Ich hatte die Zeit über geduldig an der Ecke gewartet, jetzt gesellte ich mich zu dem Jüngling. Beim Scheine der Straßenlaterne konnte ich sein Gesicht beobachten: bewegt, lebendig sprach er ehrlich, offen, durchgeistet, mit großen, dunklen, durch eine Brille geschützten Augen. Er mochte etwa in meinem Alter, d. h. 2Z Jahre alt sein. Für einen Inden hätte ich ihn nicht gehalten. Seine Stimme klang weich, erregt, voll Herzell kommend, nach den ersten Worten scholl erkannte man den Mann voll Bildung. Er wohnte im Hinterrannle eines jener „Gotteshällser" und lud mich freundlich ein, mit ihm zu kommen. Ich folgte der Einladung, und bald sahen wir uns in seinem dürftigen Kämmerlein gegenüber. Mar Loewenthal war ein Schwärmer, das hatte ich bald heraus. „— Und ich sage Jlmen, Assimilation ist die einzige Rettung, der einzige Ausweg," meinte er eben. „Wir brauchen ja unsere Religion nicht direkt zu verleugnen, wir müssen uns nur den Anderen nähern, intimer mit ihnen verkehren, uns lllit ihnen verschwägern kurz, nach und nach in ihnen ansgehen —" „ und so unsere herrliche Vergangenheit Preisgebell, unsere Individualität, die wir uns Jahrtausende glücklich bewahrt, verloren geben; dem unaussprechlichen Stolz, Jude zu seiu — ein direkter Nachkomme Davids zu sein, entsagen-" unterbrach ich. Er lachte höhllisch auf. „Stotz, Jude zu sein! Sind Sie's? Dann wohl Ihnen. Auch ich bin es. Aber wie viel Andere noch? Biele, glaubell Sie? Oh, wie gewaltig irren Sie da — leider! Oh, die Tausende, die sich ihrer semitischen Physiognomie, ihres jüdischen Namens, ja — ihrer jüdischen Eltern schämen. Die Hunderttausende, die ihre jüdische Abstammung als eine Belastung, einen Erbfehler, eilten Fluch empfinden, weil ihnen ihre Karriere verdorben, ihnen gewisse Kreise verschlossen bleiben, weil sie nicht Offiziere werden, ja - weil christliche Mädchen nicht eben so gern mit ihnen Poussiren wollet!, weil die anderen Studentenverbindungen sie nicht anerkennen, well -- oh, was weiß ich, warum noch. Die Gründe, triftige und unsinnige, sind Legion. Sie glauben, ich sehe zu schwarz? - Mein lieber Freund, ich habe in Deutschland studirt — in Leipzig — und nicht ein jüdischer Kommilitone, der die Thatsache daß er Jude sei, nicht verwünscht hat. Wohlverstanden, er schämte sich dieser Thatsache nicht, im Gegentheil, er fühlte sich - und mit Recht — ein Märtyrer, aber wenn nicht just er zum Märtyrer geboren wäre, wär's ihm angenehmer gewesen." (Schluß folgt.) Sprechsna l. Geehrter Herr Redakteur! 6^ uf die Anfrage des Herrn Dr. H. Tietz wegen des voll Dr. gebrecht 1- Znntgetheilten Schnitzers von Brixtors glaube ich Auskunft geben zu können. In seinem Noxikon IRImnäienm—liubb'miemi! I-.'. ^.'8!. übcrscht er: X.-O22N XL?'"!' '21 N> *128 indem er beide verschiedene Sätze irrihüllllich in einen zusammeufaßt, folgendermaßen: „^nuetus (liÄejpollw Nubbinorum nl^olnto Teaelräu l,oe i!i..^t ole." Der so gelehrte Bnxlorf, dessen Verdienst um die Lexikographie des Talmuds trotz dieses Schnitzers, nich zu bestreiten ist, hat also das Kaddischgebet als eine Person angesehen Berlin, 18. Februar 1902. A. Levy. städtischer Lehrer. 4 Geehrter Herr Redakteur! Alm Anschluß an einige ähnliche Mittheilrmgen will ich hier ein köstliche Probe eines Schnitzers in Iielumei^ an führen, die sie! in der vom Licentiaten der Theologie. Doktor der Rechte und Phi losophie, Dr. A. Human verfaßten „Geschichte der Juden im Herzog thum Sachsen-Meiningen — Hildbnrghansen" W. Heft der Schlüße des Vereins snr Sachsen-Meiningische Geschichte und Landeskunde Hildbnr'ghansen 1898), S. 127 findet. Daselbst ist nämlich n. a. wärt lich zu lesen: oren beten vorn lateinischen oruro, davon orou jm><w äe-w!> der heilige Schrank in der Synagoge! Hildeshei m, 14. Februar 1902. Dr. Lewinsky. Sehr geehrte Redaktion! Arn Nr. 7 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" mac!! Tr. Tietz auf eineu „Schnitzer" Bnxtorfs l aufmerksam, da Le! terer die bekannten zwei Worte 2^,2 mit ^untissimu' <l i e i p u l o i n m übersetzt hat. Nun möchte ich hier auch erwähne! daß ein anderer, nicht minder bekannter christlicher Professor tu: Hebräischen, nämlich Z a rh arias Eon r adus siebte in Offenbach w > 1720) dieselben zwei Worte in einem seiner Werke mit srrnetns o.-> <! i L eip ul u >l u zi ^1 ro r u n, übersetzt hat. Der fragliche gelehnc Professor verwandelte demnach den Kadisch nach dem „Lernen" in ennn geheiligten Schüler, und machte daher einen ergötzlichen „Schnitzer Zloillel'iorc <!<>!!<.-8'o. NmnäLMü', den 24. Februar. Dr. I. Chotzner Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.

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