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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
Seite 107 (sequence 13)
Language
German
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Wenn alle Anstrengungen in dieser Richtung erfolglos bleiben, so ist es wirklich nicht die Schuld der „Seligmacher" denn was diese alles anstellen, zu welchen Mitteln sie greifen, das klingt schier unglaublich. Wenn man von Allennach Delanceystreet einbiegt, so sieht man sich Plötzlich von einigen „Gotteshäusern" konfrontirt, deren Denomination festzustellen dem Uneingeweihten sehr schwer fallen dürfte. Eine Art Tabernakel, ohne Thurm, aber mit einem schlichten Kreuze über der Thür. Darunter in englischer Sprache: „Alle Willkommen." Rechts und links von den weit offenstehenden Eingangsthüren zwei schwarze Schilder von riesige» Dimensionen, darauf in weißen, hebräischen keltern wörtlich folgende Legende: „Hier werd' jeden Schabbes und jeden Sonntag gedroschent. Kimt's herein und hört's! 6:s kost Eich nix un cs kann Eich nix schaden. Kimmt zu uns, mir lieben Eich, dann wir stammen auch ab von Israel!" Und rings herum — Synagogen, Chassidim — Betschulen. — — Mr. Isidor Kochmanu war Rebbe einer dieser Chassidim- Zchulen. Ein gewitzter, hebräisch gebildeter Manu von etwa!0 Jahren, war er seines Zeichens — Schuster. Gleichzeitig war er Rebbe der Allenstreeter Schul', als welcher ihm auch die Ausgabe zufiel, die Jugend seiner Gemeinde in die Mysterien unserer Religion einzuweihen, mit dein Ales Bes eginnend und mit der Mischnah und bei befähigten Schülern mit dein Talmud endend. Und dieser Pflicht erledigte er sich de» Abend von 8 bis IO Uhr. Unten, in einem Keller der lllenstreet, befand sich seine Werkstelle, dahinter lag ein für l nst-mcle-Nerhältnisse geräumiges Wohnzimmer. Hier veranuuelte sich die vorerwähnte Jugend, Alle zur selben Zeit. Da sah man kleine Bürschchen von sechs Jahren und Jüngmge von 16. Diesem Unterricht beizuwohneu, bereitete mir mnner lebhaftes Vergnügen, und wenn „Reb Kochmanu" ein Haar meiner Schuhe in Reparatur hatte, ging ich sicherlich um Uhr hin, nm sie abzuholen, bat ihm aber, sich in seinem luterricht nicht stören zu lassen, sondern wohnte demselben bis mn Schluffe bei. Sv auch an diesem Abend. Behaglich hatte ich mich auf .mein etwas holprigen Stuhle in eine Ecke zurückgedrückt und b etrachtete die Gruppe vor mir. Mir vis-s-ris saß Reb Kochulann, sein typisch semitisches Gesicht geröthet, so ganz bei der Sache, daß er meine Gegenwart längst wieder vergessen. Dicht neben ihm, an einem an Altersschwäche leidende» Tische, die ganz Jungen, au den Seiten des Tisches die „Bar-Mizwah- Bocherim" — wie er sie nannte, ihm vis-a-vis und mir den Rücken zukehrend, — die Alte». In der Mitte des Tisches eine nicht allzugut brennende, noch allzugut duftende Lampe. Und Alle so sehr — so rührend bei der Sache. „Alef — Ales," hebt eben ein feines Stimmchen an. — „Nü, weiter!" — „Bes." — „Weiter!" — „Gimmel." — „Weiler, weiter!" — „Daled" — „Weiter!" „Weiter weiß ich uich^Rebbe," kommt es weinerlich. „Nu, was fressen die Pferd, Du Chammerchen!" Ein Lächeln gleitete über das Gesicht des Kleinen. „Hei!" ruft er erfreut. Jetzt sind die „Bar-Mizwah"Jüngelchen daran. Einer derselben übersetzt eben einen Vers mit den Worten: „Mit nichten sollt ihr von der Frucht dieses Baumes essen," oder so ähnlich. Unserem Rebbe ist das aber viel zu hochdeutsch. „Red Mammeloschen, meint er. „Mit nichten sollst du —, worum nich gleich mit Neffen?" Einer der Aeltereu ist eben im 3. Kapitel Genesis auf die Frage — Ajekko — Wo bist Du?" gekommen. „Was ist zu^bemerken bei der Stell'?" fragt der Rebbe. Der Schüler schweigt. „Chammer, das ist der Anfang von de Orientalische Frag!" N1N' N'VIN .1Ü2N21 Litt »Gott, hilft Menschen und Thiere", übersetzt jetzt einer der Kleineren. „Hu, .hob' ich letzten Schabbes einem Asses-Ponim ansbezahlt!" Nebb' Kochmann hat mich ganz unvermittelt angesprochen. „Kommt ^letzten Schabbes ü Fremder in unsere Schul! Der Schammes weist ihm ä Platz, - aber nein, j neben 'n Rebbe muß er sitzen. Bringt ihn jder^Schammes^ richtig zu mir. Nu gut. Kaum sitzt er aber neben mir, fängt er auch schon an Schales zu fragen. Und Kasches — und was fer Kasches? Mieß is 'wer vor ihm geworden. Mit einmal kommt die Stell' do: ,,N1N' v'VIll 7ILN31 218" „Rebbe, worum steht hier der 2N8 «eben dem 7IS2N2?" fragte mich Jener. „Weiß ich?" sog ich. „daran hat der - Schanunes Schuld. Hab' ich ihm nich gut-— —" Rebb' Kochniann hat sich plötzlich unterbrochen. Wüster Lärm, Pfeifen, Johlen, ja, sogar ein„l-^ueli bim!" ertönt von der Straße her. Die Unterrichtsstunde ist jäh unterbrochen, Lehrer und Schüler sind auf die Straße geeilt. So auch ich. Schon in der Werkstätte hörte ich aus dein Gelärme den vorwiegenden Schrei „Meschumed" heraus. Und draußen bot sich ein eigenartiger Anblick. Die Straße '.war mit Männern, Frauen und Kindern jeden Alters derart gefüllt, daß an'ein Fortbewegen gar nicht zu denken war. Sic geberdeten sich wie toll, sprangen, spieen aus, schrieen sich gegenseitig an und gestiknlirten, während das ununterbrochene Geheul „der Meschumed — der Meschumed" immer neue Menschenschaaren anlockte. Den Mittelpunkt des Menschenknäuels bildete ein kleines, mit einem abgemagerten Pferdchen bespanntes Wägelchen, ans dem ein noch junger Mann stand, lieber sich und zu seinem Schutze hatte er einen enormen, am Wagen befestigten Leinwandschirm gespannt, denn von den umliegenden Fenstern und höheren Steintreppen wurde ein ununterbrochenes Bombardement von faulen Eiern, ebenso jsaulen Tomaten, Aepfeln und allerhand Unrath ans den jungen Mann gerichtet.

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