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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
Seite 106 (sequence 12)
Language
German
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106 Schauerlich aber war?s, wie den ganzen Sabbath vvn dem Unglück gesprochen wurde. Wir Kinder wagten nicht, nnsere gewohnten Spiele zn spielen; es durfte keine Lustigkeit laut werden. Die Frauen aus den Bänken vor den Häuser» hatten nichts anderes zu reden und die Männer, die i» Rädchen auf der Straße standen, ebenso. Man hörte kein Lachen und Necken wie sonst am Ruhetage. Die Angehörigen der Braut und des Bräutigams gingen in Werktagskleidern umher, denn sie dursten sich nicht sabbathlich schmücken; sie mußten bereits trauern um den Todten. Aus dem Hause der Braut kamen Gespielen, die sich schon des Tanzes gefreut hatten, zögernden Schrittes, und als Verwandte ans Dettensee kamen, hörte man gellendes Schreien und Weinen aus dem Hanse der Braut." .... „Dort am Waldesrand ist der jüdische Kirchhof, „Gntvrt" genannt, von lebendigem Zaun umgeben. Es ruhen da Biele, die ich kannte; denn Mühlen war eine Filiale von Nordstetten." .h „Warum muß ich auf der Schwelle meiner Heimath immer zuerst über ein Bitterlich hinweg? Da steht am Wege ein steinernes Kreuz, die Jesuiten haben es bei ihren Missionspredigten im Jahre 1856 errichtet, und es ist gestiftet vvn Johannes Pfeffer und seiner Ehefrau M. Anna Zahn. Aus der Vorderseite des Sockels steht die Inschrift: „Wir predigen Christum, den Gekreuzigten, der den Inden ein Aergerniß, den Heiden eine Thorheit ist. (1. Korinther 1. 23.) Warum just diesen Spruch des Apostels hierhersetzen an den Eingang des Dorfes, wo Inden und Christen in friedlicher Gemeinschaft leben? Ist das Liebe, ist das Andacht, wenn zugleich Aufstachelung des Gemiithes gegen Andersglaubende gegen Andersbeteude sich daran schließt? Freilich sagt mir der wohlwollende Dorspfarrer, daß Niemand mehr den Spruch hier lese; aber müßte nicht der Apostel selbst erschrecken, wenn er die ausgerissene Stelle ans seinem Brief hier sähe? Ist denn heute noch wahr, daß Jesus den Inden ein Aergerniß ist? Die ungebildeten Juden hören den Namen Jesus mit dem stille» Schmerze, daß sie in diesem Namen unsägliches Leid erfahren mußten und noch erfahre». — Die Darstellungen der Wissenschaft des Judenthmns sowie die gebildeten Inden selber erkennen die hohe Reinheit Jesu, ohne sich zn seiner Göttlichkeit zn bekennen. (Gleich der Mehrzahl der gebildeten Christen. D. Vers.) Jener Ausspruch des Apostels Paulus ist mir llmdeutung der Stelle Jesaias 8, 14. Heute hat sich im Volk eine religiöse Friedsamkeit ansgebildet, auch in den Dörfern. In meinem Heimathdvrfe und weit umher leben Inden und Christen in guter Eintracht." . . . . . Drei Jahre später kam Auerbach wieder ... in einem mit den Palmen des Südens bekränzten Todtenschrein schlummernd — wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag - in sein stilles Heünathdorf. Aus ganz Deutschland und weit darüber hinaus strömten sie herbei, die führenden Geister und mischten sich in die bunte Menge der Schwarzwälder Dorskinder, die ihrem Vater Auerbach die letzte Ehre erweisen wollten. Das war eine Wallfahrt nach dem kleinen Nordstetten! —20 Jahre sind seitdem dahin, und wenn auch Neue und Andere kamen und zum Theil besseres schufen, das zweifellose Verdienst, daß Auerbach derLitteratnr ein neues, unbekanntes Land h Seite 29k. entdeckte, neue Wege schuf, wird ihm auf ewig einen ehrenvollen Platz in der Geschichte sichern. Uns war und bleibt er noch mehr: das glänzende Beispiel eines jüdischen Deutschen — durch und durch deutsch denkend und empfindend, dabei charaktervoll und aufgeklärt als Jude. Vom „Zickzack-Kurs" der Kulturgeschichte hat das Wort vom Zickzackknrs der Politik aufgebracht. Es giebt auch solche Windungen in der Kulturentwickelung. Die Geschichte des Antisemitismus bringt dafür vielfältige Beweise, und die an dieser Stelle von anderer Seite gewürdigten Verhandlungen der bayerischen Kammer bestätigen die These auss Neue. Vor etwas mehr als 50 Jahren hat dieselbe Körperschast sich für die Gleichstellung der Inden ausgesprochen — unter dem Widerspruch jener allezeit sich gleichbleibenden Parteirichtnng. die jetzt Herr Dr. Heim führt. Auch damals wnrden diese Schwarzseher nicht müde, all die llebelstände ansznmalen, welche die Entfesselung der Juden vom Joche des Mittelalters herbeiführen würde. Und damals schon gab es überlegene Geister, welche die Unglücksraben gebührend verspotteter!. So brachten im Jahre 1850 die Münchener „Leuchtkugeln", entnommen aus dem „Freiinüthigen" von W. Alexis, Jahrgang 1850, Nr. 39 (April 1850), unter der Uebersehrift „Schauerliche Folgen der Judenemanzipation! Nach der historisch-politischen Anschauungsweise sür das katholische Deutschland" folgende vier Zukunftszeitbilder: „1. Auf dem Lande. Die Inden haben infolge der Emanzipation den sümmtlichen bayerischen Grundbesitz an sich gebracht. Die letzte» Christen ziehen „hilflos, arm und nackt", wie das Köhlerkind Griseldis, in die Fremde. 2. Ans dem Katheder. Die jüdischen Gelehrten haben sich fast sänuntlicher Lehrstühle der bayerischen Universitäten bemächtigt; nur ein zahmer Theologe verirrt sich noch hier und da in eine römisch katholisch-apostolische Nvrlesnng. 3. Ans den Barrikaden. Die Juden, noch nicht zusrieden mit dem glänzender' Erfolge der Emanzipation, machen in ihrer angeborene! Oppositionsivnth eine neue Revolution. 4. Auf dem Throne. Die Inden siegen in dem Kampfe, vernichten den christ lichen bayerischen Staat und machen den bis dahin erschienene» Messias zum König von Bayern und eventuell zum deutsche:: Kaiser." Die Bilder sind in dem derben politische» Geschmack de damaligen Zeit gehalten und inuthen uns nicht gerade be sonders an. Mit der antisemitischen Rhetorik halten sie im Tone mindestens noch, den Vergleich aus und Persifliren dere» Phantasmen auch heute noch gar nicht so übel. Alles fließ! die Zeit auch. Wie das Wasser aber seine Physikalischen Ausnahmelizenzeu hat, so auch der Zeitenstrom — er wendet sich zuweilen wiedee rückwärts — in der Entwickelung wenigstens die ans seinem endlosen Rücken daherschrviunnt. 8.

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