Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- Seite 105 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Predigtamt wurde. Darum fand er >u mir fniien Bewunderer, ich in ihm, ich sage es mit Stolz, einen Freund und Förderer. Friede und Freude gingen von ihm ans, denn er war ein ganzer Mensch; er war ein kluger Werkmeister seines Lebens gewesen, und ein glückliches Greisenalter krönte das Werk. Dazu segnete ihn Gott in seinem Hanse, denn fast .',0 Jähre hiudnrch stand ihm seine nein verwittwete Lebensgefährtin liebreich und tren sorgend zur Seite; seine Kinder - 'ein einziger Sohn ist Mitinhaber einer Berliner Grvsrsirnia— inehrten seines Hauses Ehr' und Glanz. Sein Name Mose ward znm Sinnbild, denn er war eine Art Mose seiner Gemeinde. Keiner hat wie er der Gemeinde ihr Gepräge gegeben. Keiner ihre Entwickelung so entscheidend bestniunt. Wenn in größerem Kreise oder in vertrauter Unterhaltung sein Auge ,n dem immer gern gehörten Worte erstrahlte und das Antlitz jugendlich erglühte, dann mußte man des Gvttesmannes denken, von dem es heißt: Und Mose wußte nicht, daß sein Antlitz Strahle» warf! Und wenn er zur Beschließnng eines Thorabuches oder am Frendentage der Thora zu ihrem Beschlüsse aufgerufen ward, und wenn ihm an diesem Tage vorgelesen ward: Mose war 120 Jahre alt, sein Auge war nicht trüb geworden, sein Mark nicht geschwunden, wer verglich da nicht den edlen Greis mit dem ersten großen Träger seines Namens! Nun ist das inhaltsreiche Buch dieses Lebens geschlossen; die Inschrift aber könnte lauten: „Siehst du einen Mann geschickt zu seinem Werke, vor Könige mag er sich! stellen!" Stellen kann er sich auch vor den Richter Nachwelt und vor den König aller Könige, den Höchsten im Himmel! Gin Nachmittag brr Berthold Auerbach. (NU Eri litt erilll g sb la tt au den Geburtstag (28. Febr.) Voll L. Lev i-Stuttgart. war eia herrlicher Augustmorgen. Der tiefblaue Sommer-Himmel und ein freier Tag gestatteten nur, meinen Liebiingsweg nach dem nahegelegeuen, mitten m würzigen Tannenwäldern geborgenen Badeort Niedern an m nehmen. Es zog mich diesmal um so mehr nach dein Schwarzwalddyll hin, als ich dort meinen berühmten Landsmann, den uit meinem Vater von frühester Jugend an befreundeten 'erthold Auerbach zu finden hoffte. Je näher ich — den harzduftenden Tannenwald durch-- streitend - dem Aufenthalt des Schwarzwalddichters kam, esto lebhafter beschäftigte sich meine Phantasie mit alt den at urwüchsigen Gestatten der „Dorfgeschichten", deren Konuren so scharf gezeichnet sind wie die Tannen da oben an der ^alde, deren Wipfel sich heute von dem reinen Horizont irr mvergleichlicher Schöne abhoben. Dann wieder sah ich im Paldesdunkel die Schatten ans dem „Landhaus am Rhein" -uftauchen und all mir vorbeihnscheu, Dann nmgaukelten nch die Geister des „Spinoza"; ein Erdbeeren suchendes Kind üt kurzem Röekchen und nackten Jachen zauberte mir die Gestalt des „Barsttszele" vor. So kam es, daß ich - ohne lgentlich zn wissen wie, - an deill Hofthor der Villa „Steiner" ("gekommen war. Ich war am Ziel. Das Herrenhaus liegt >!i dem Abhang der Berghalde mitten in einem Kranz von hochstämmigen Tannen und Fichten, zwischen weichen der Waldesboden mit dem grössten Raffinement gärtnerisch angelegt ist, ohne daß der Charakter der urwüchsigen Waldvegetntion verwischt worden wäre. Geheimerrath Dr. Kilian Steiner, nicht nnr einer der hervorragendsten Großindustriellen und Rationalökonomen Süddeutschlands, sondern auch ein Freund und Förderer der Knust, Wissenschaft und philanthropischer Bestrebungen, hat sich hier ein Sommerhaus errichtet, das ein Unikum genannt loerden dars -eill Schwarz, waldhans im idealsten Sinne des Wortes. Hier, bei seinem Freund nud Verehrer und dessen Falllilie verbrachte der Dichter die Sommermonate. Ich traf es glücklich: Auerbach war eben im Begriff, einen Spaziergang durch den nahen Wald lleckaranflvärts zll lllaeheil. Da stand er vor mir, von dem ich so oft wachend geträumt, dessen Worte sich so oft tief in meine Seele eingrnbeu — ein wohlbeleibter älterer Herr, mittelgroß, mit grauen Haaren und silberweißem Bollbart, die markanten Züge voll einer edlen, hohen Stirn überwölbt. Unter den grauen, buschigen Brauell glänzte ein Angenpaar, so müd und menschenfreundlich, tief, unergründlich und so weit, weit hinausschauend.Ueberaus liebenswürdig nud bescheiden, griff er jeden Gesprächsstoff gern ans und ging dabei mit besonderer Liebe auf das dortige Banernteben eilt. Durch den moosigen Tannenwald dahinwandelnd, erzählte er mit sichtlichem Behagen, nicht ohne dabei auf die Psychologie der Bauern hinzndenteu, voll einem lustigen Vegeguiß mit einem Niedernauer Alten. Dieser kam Tags zuvor etwas schüchtern ans den vom Bauernvolk instinktiv hochgeschätzten Dichter zu und bat ihn nlll Hilfe ill der Noth:> es sei ihm von einer Ränbergeschichte, die er für U) Pfennig voll einem Kolporteur erstanden, das lebte Blatt weggerissen worden; nun wisse er den Ausgang der Historie nicht; ob nicht der „Herr Doktor", der doch ein Dichter sei, ihm sagen könne, wie jene Mocdgeschichte allsgehe? Bemerkenswert) war es, 'Auerbach voll seiner Heimath sprechen zn Hörer:. Er erinnerte sich mit seinem staunenswertsten Gedächtnis all die unbedeutendsten Personell und Dinge. Mit Sehnsucht erwartete er den Tag, all welchem er sein Nordstetten, den Schauplatz seiner Jugendstreiche und „Dorfgeschichten", besuchen konnte. Die sinkende Sonne ermahnte zur Rückkehr vom Walde, und bald darauf nach herzlichem Abschiede wanderte ich wieder durch die Thalschlncht der Heimath zll — immer noch den Dichter mit seinen glänzenden, wohlwollenden Allgell vor mir sehend; und so sehe ich ihn hellte nach 2:> Jahren, während ich dies schreibe, im Geiste vor mir. Seinen Besuch in Nordstetten führte er einige Wochen später ans. Mit welchen Gedanken er die alte Heimath betrat, das sagt uns ausführlich sein Aufsatz „Ein Tag ill der Heimath". (Deutsche Rundschau, Maiheft t880.) Seite 2nö heißt es da: „Station Mühlen?" ruft der Schaffner. Da ist die Brücke, auf der ein Bruder des „Knh-Herschel" am Freitag Nachmittag ertrank, als er voll der Uebecschwennnnng sich nicht abhalten ließ, über die unter Wasser stehende Brücke zu seiner Braut zn reiten. Er sollte den Dienstag mit ihr getraut lverdeu, ulld lllorgell, am Sabbath, war Vorfeier, das sogenannte „Spinnholz".'> y Nt au erklärt das Wart gewaltsam aus dem Hebräischen ^2^- „au welchem sich der Sahn srent".