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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
Seite 104 (sequence 10)
Language
German
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104 Dankbarkeit und Sympathien bekundet, so zag man ihm jetzt mit Musik und Fahnen bis Altenessen entgegen, führte ihn iin Triumph bis aufs Nathhaus, wo er vom Balkan ans znr Menge sprechen musste. Und nach eine uns Juden besonders angehende Episode aus jenen Tagen seihier der Vergessenheit entrissen. Da die jüdischen Schulkinder durch die Gefangennahme Btnmenselds verwaist waren, ordnete der damalige Pfarrer von St. Gertrud, der Msgr. Dr. Beising, ihre Ueberweisung in die katholischen Volksschulen all. Die jüdische Gemeinde hat die edle Thal des vorurtheilsfreien Geistlichen, deren es auch in der katholischen Kirche Gottlob zu allen Zeiten gegeben hat, nicht vergessen. Kein Ehrentag des über 90 Jahre alt gewordenen, vom päpstlichen Stuhle wiederholt ausgezeichneten Mannes und Gründers des voll Juden unterstützten „Franz Sales-Hauses für idiotische Kinder der Nheinprooinz" ging vorüber, ohne das; sich ihm auch die jüdische Gemeinde mit Glückwünschen und Ehrengaben nahte. Spater, in bell Tagen des Kulturkampfes, stand Vtnmeufeld auf Seiten der preußischen Staatsregiernng und zog sich besonders durch sein mannhaftes Auftreten iin „Deutschen Verein", dessen zweiter Vorsitzender er war, die Gegnerschaft der katholischen Mitbürger zu. Eine gewisse Mißstimmung griff Platz, hatte aber teige tiefergehenden Folgen, weil BLumenfelds Ehrenhaftigkeit nlld Uneigennützigkeit im politischen Kampfe zn offenkundig waren. Tagegell hatte er mannigfache Anerkennungen, so, als er beim Besuche Falts, des Munsters der Maigeietze und des neuen Nolksschnllehrerreglements, zum Sprecher der nationalen Parteien wie auch der Lehrerschaft Essens nominirt wurde; so, wenn ihn seine Vereine immer wieder zrun ersten, oder, weil er dies oft ablehute, zum zweiten Vorsitzenden beriefen. In den letzten Jahrzehnten hat er es miterlebt, daß die Giftpflanze des Antisemitismus ans dem in Parteiungen zerrissenen Deutschland emporwncherte und in katholischen wie protestantischen Gegenden gleich günstigen Nährboden fand. Wenn die Sehmntzwellen dieser schmachvollen Bewegung die Essener Gemeinde wenig berührten, so war dies zum guten Theil Btnruenseld zn danken, dessen Bürger.tugenden und Gemeinsinn sich so oft zn Nutz und Frommen der gesummten Bürgerschaft bewährt hatten. Wichtige Fnstilnte der Stadt und große, mitglicderreirhe Vereine waren voll ihm mitbegründet worden und durch seine große Arbeitskraft zur Blüthe gekommen. Wir nennen die Essener Fortbildungsschule, den Mannergesangverein, die Lehrer-Wittwen- und Waisenkasse für den Stadt- und Landkreis Essen, wir nennen vor allem den Gewerbeverein voll 1^m>. In letzterem, dem er Jahre lang, zuletzt als Ehrenvorsitzender, Vorstand, hielt er zahlreiche äußerst belehrende und anregende Vorträge ans allen Wissensgebieten, denen ein zahlreiches Publikum von Gebildeten lauschte. Dort war es auch, wo er oft die schwierigsten Debatten zu leiten hatte und sich so recht als Kulturträger iin Diesterwegschen Sinne bewährte. Seine liebe Marks-Haindorf-Stiftirng berief ihn ins Kuratorium und als Prüsnngskonlmissar für Bibel und hebräische Sprache, den Deutsch-Israelitischen Gemeindebnnd förderte er als Deteglrter, der von drei wackeren westfälischen Lehrern, Treu, Lefmann ijetzigem Professor für Sanskrit in Heidelbergs und Kronenberg, gegründete „Verein israelitischer Lehrer Westfalens und der Nheinprovinz" wurde Io Jahre laug (bis 1894) voll ihm unter richtiger Gleichlverthnng seiner ideellen wie materiellen Interessen und im Geiste des Friedens geleitet, kurz eine Arbeit voll ihm bewältigt, die für zwei, ja drei Dnrchschnittskraste allsgereicht hätte. Kein Wunder, daß seine Jubel- und Ehrentage, die ihm das höhere Atter brachte, eine Fülle voll Liebe und Dankbarkeit zeitigten. Vor allem war sein goldenes Amtsjubiläum eine Art Volksfest, an dem sich vom Oberbürgermeister herab alle Kreise der Bürger-schau zahlreich betheiligten. Die Regierung hatte seine potitischen Verdienste besonders im Kriege 1870/71 mit zwei Denkzeichen, seine Lehrthätigkeit mit zwei weiteren Orden belohnt. Adressen. Diplome, Ehrengaben füllten die bescheidenen Stübchen seiner Wohnung, eine „Blmnenfeldstiftung" wird seinen Namen bei kommenden Geschlechtern wach erhalten. Er selbst aber ist wach gewesen, man möchte sagen, bis ihm der Tod die Allgen zudrückte. Erst 1894 gab er seine letzten öffentlichen Gemeindeämter ab, verschmähte es aber nicht, selbst dann llvch die Nendautnr und das Sekretariat Weiterzufuhren, und das bis zur letzten Krankheit. Der 21. Dezember 1901, sein 80. Geburtstag, verlies voll trüber Ahnungen; der Kranke durfte der Schonung wegen nichts mehr von allen ihm bereiteten Ehrungen ersahren. Am 9. Januar d. I. ging die reine, dem Himmel zngetehrte Seele znr Ewigkeit ein. Mall hat selbst in der Großstadt selten eine so allgemeine Trauer erlebt, selten so großartige Kundgebungen für einen jüdischen Lehrer und Prediger, als da man ihn zur Ruhe trug. Tie Gemeinde hatte eilt Gefühl der Verlassenheit, der Vereinsamung; mall möchte klagen wie die Altert beim Heimgang ihrer Besten «in Sota IX.» Geschwunden ist weiser, treuer Rath; geschwunden auch der hoheitsvolle Glanz. Uns bleibt nur ein Schlußwort übrig. Ein Mann, der gewissermaßen die drei Kronen auf seinem Haupte vereinte, die der Thora als Lehrer, des Prieslerthums als Prediger, des Herrscyeramts als an der Staatssouverärntät theiluehmender Volksmann, der hinterläßt ein reiches Erbe. Blmnenfeld ha^ als Lehrer und für seinen ganzen Stand bewiesen, wie man diesen nicht durch künstliche Titel und Würden, noch weniger durch die Schmälerung fremder Ehre, sondern allein durch Selbstachtung und Tüchtigkeit zn höchstem Ansehell bringen kann. Er hat als geistlicher Führer weise Selbstbeschränkung geübt, nlld als er die Zeit für gekommen hielt, selbst für Einrichtung eines Rabbinats in seinem alten Amtssitze gewirkt, damit der dringenden Forderung der Gegenwart gemäß auch die rein theologische Wirksamkeit iin Hanptamte sich entfalten könne. Und er hat den Beweis geliefert, daß gemeinnütziges Wirken im Dienste der gelammten Bürgerschaft, wo es möglich und allgebracht ist, aufs Wohlthätigste zurück wirken kann auf die Stellung der Gemeinde gegenüber den anderen Bekenntnissen. Nicht Jedem wird alles wie unserem Blumenfeld vergönnt sein, nicht Jedem wird es gelingen. Dagegen kann nach der vierten Krone, die Btnmenfeld schmückte, der des ^112 jeder Lehrer und Prediger streben, nlld soll es umsomehr, ans desto ausgesetzterem Posten er steht. Wir meinen damit, er kann im Geiste der Sauftmuth und des Friedens wirken, Niemanden absichtlich kränkelt. Allen nach Kräften hilfreich beistehen; jede gute und nützliche Sache allein um dieser selbst willen, nicht der persönlichen Ehre wegen unterstützen. Sv war Blmnenfeld. Seine Bescheidenheit war seine Größe, seine Weisheit, das; er das rechte Maß in allen Dingen suchte, idealsten Sinn mit Praktischem Blick einte, energisch in der Thal, fein und edel in Wort und Umgangsformen war, eilt Feind hohlen Phrasenthums, immer auf den Kern der Sache dringend. So habe auch ich ihn noch gekannt, der ich vor acht Jahren sein Nachfolger im

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