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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
Seite 103 (sequence 9)
Language
German
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Keine Woche vergeht, ohne daß man Aufforderungen erhält, der leiblichen Roth zu steuern in den verschiedenen Kreisen der Stadt, in fernen Ländern; Geist und Kunst durch Vorlesungen und Konzerte wird in den Dienst solcher Wohlthätigkeit gestellt, des Geistes selbst gedenkt selten Jemand. Hungernde Studirende finden zwar Stipendien, darbende Gelehrte ihr kümmerliches Brod, solches aber wird gereicht nicht wegen, sondern trotz des Geistes. Es ist sehr schon, wenn unsere Reichen, nicht etwa durch letztwillige Verfügungen, sondern in voller Lebenskraft — der Spendensfrohe soll sich seiner Gabe freuen und durch ihren äußern Erfolg noch innerlich beglückt werden — große Stiftungen machen zum Ausbau und Fortbetrieb von Kranken- und Waisenhäusern, Siechen- und Altersversorgnngsanstalten, Genesungsheimen und Lungenheilstätten. Daß es derartige jüdische Anstalten giebt, ist gut, aber nicht unbedingt nöthig. Die Gemeinde erhält sie, gewährt ihren Zuschuß, die Glaubensgemeinschaft wurde jedoch nicht untergehen, wenn solche Anstalten nicht beständen. Die Kommunen und Privatwohlthätigkeit würden hier eingreifen müssen. Aber eine Pflege des jüdischen Geistes, der Wissenschaft, muß von den Einzelnen ansgehen und gerade von den Reichen, dazu ist weder der Staat da, noch die Konunnne und, streng genommen, auch nicht die jüdische Gemeinde. Gedenket des Geistes! Nicht etwa in dein Sinne, daß ihr euch erinnert, ein paar alte Schmöker zu besitzen, und daß ihr euch dieser entledigt oder daß ihr bei Gelegenheit eines Festes eine kleine Gabe in den Bibliothekskasten, statt in einen Almosenkasten werft! Bedenkt vielmehr, daß hier eine Anstalt erblühen soll, die euch allen zu der größten Ehre gereichen kann und soll. Groß geworden ist das Judenthuur durch seine Lehre, hier gilt es eine Anstalt zn schassen, die die Mittel bietet, die Lehre zu erhalten, zu vertiefen und auszudehnen. Für die gewöhnlichen Ausgaben, die Bezahlung der Beamten, Miethe, Anschaffung von Büchern in müßigen Grenzen reicht der Etat aus, der von den Gemeindebehörden gewährt worden ist. Damit kann man Anständiges leisten, nichts Großes. Gar häufig erscheint ein Katalog, findet eine Auktion statt, in denen seltene und theure Bücher angeboten werden, die aus Mangel an Mitteln der Bibliothek entgehen müssen, und von denen manche, einmal anfgegeben, überhaupt nicht wieder zu beschaffen sind. Bei Todesfällen bedeutender Gelehrten gewährt nur eine augenblicklich zur Verfügung stehende Summe die Möglichkeit, diesen Schatz anzukanfen, damit er nicht ins Ansland wandert, nach Amerika, das sich allmälig zu einer Verschlingerin deutscher Bttcherschätze ansgebildet hat. Es wäre sehr schön, wenn diese Zeilen die Wirkung hätten, unsere Neichen auf ein neues Feld zur Betätigung ihrer Spendenfrendigkeit hinzuweisen. Ich sage absichtlich nicht: Wohlthätigkeit. Durch Wohlthnn erfreut, unterstützt man Andere; diese Spenden gellen der eigenen Erhöhung, der Kräftigung der Gemeinschaft, der man augehört, der Stärkung des geistigen Bandes, das uns Alle umschlingt. Eine jüdische Bibliothek ist kein überflüssiger Ballast, kein entbehrlicher Zierrath, sie ist eine Notwendigkeit. Ein Arsenal 'oll sie sein zum Verständnis; der Vergangenheit, zur Begründung ruhiger Daseinsberechtigung, zur Ausrüstung für den Kampf um die Zukunft. Eine derartige Spezialbibliothet kann nur dann Gedeihliches wirken, wenn sie in ihren engen Grenzen vollständig ist. Bei kleinen Mitteln würde die Vervollständigung der Sammlung Jahrzehnte dauern. Jede Vermehrung der Büchermassen erfordert Erweiterung des Raumes. Eine wissenschaftliche Allstalt bedarf großer Büchermassen, wohlausgestatteter Lesesäle; sie kann solche nur in einem eigenen, feuersicheren Hause finden. Zu solchen Dingen genügen die gewöhnlichen Mittel der jüdischen Gemeinde nicht. Mögen die Reichen, die des Spendens Gewohnten all Stelle der Gemeinschaft treten! Es handelt sich um Fonds zur Allschaffung größerer Sammlungen, zur Erwerbung besonders kostbarer Werke. Es handelt sich um große Summen zur Herstellung und würdigen Ausstattung eines Bibliothekgebälldes. Es ist sehr schön, Noth zu lindern llnd Kranke zu pflegen, aber was nützt der kraftstrotzende Körper, wenn der geistige Inhalt fehlt? Gedenket des Geistes! Moses Blnmenfeld. Ein Gedenkblatt. Voll Rabbiner Dr. Samuel-Essen. II as letztgenannte Verdienst,, die Achtung und Anerkennung bei den Andersgläubigen, war nicht das kleinste. Um es sich zn erwerben, kam ihm ein neuer, nicht häufig - anzutreffender Vorzug zu Hilfe, das war seine hervorragende,! allgemein allerkannte Tüchtigkeit in politischen, überhaupt in öffentlichen Angelegenheiten. Ein jüdischer Lehrer und Prediger als politischer Führer mitten nn Parteigetriebe, das war aller-! dings eine Besonderheit. Das Sturmjahr 1848 hatte auch unfern! Blnmenseld politisch mündig gemacht; die Liebe zn jener höchsten Kunst, über Wohl und Wehe des Staates zu wachen, blieb ihm bis ans Ende treu. Alls der Volksströmung von 48 als königstreuer Demokrat hervorgegangen, klärte sich fein politisches Bekenntnis; derart, daß er im nengeeinten deutschen Kaiserreiche Vertrauensmann der alten nationalliberalen Partei ward, sich ill Vereinen und Versammlungen an den öffentlichen Debatten über die allgemeine Lage und über schwebende Tagesfragen! betheiligte, ein gewichtiges Wort bei der Aufstellung der! Kandidaten für den Reichs- und Landtag mitjprach, die Einen ans den Schild hob, die Anderen mit der ganzen Leidenschaftlichkeit des politischen Gegners bekämpfte. Und auch ein Letztes fehlte nicht, das politische Martyrium. Als die berüchtigte Spionage voll Ende 48 einsetzte, fand sie auch Blumenfeld ge-! nügend kompromittirt, um ihn im Dezember seines Amtes zu entsetzen und in halbjährige Untersuchungshaft nach Münster abznsühren. Er theilte sie mit einem anderen wohlbekannten Essener, Friedrich Hammacher. dem hochverdienten Senior der nationalliberalen Partei, und die enge Freundschaft, die Blumenfeld bis zuletzt mit diesem wackeren Parlamentarier unterhielt, war intimer und folgenreicher, als man draußen im Lande wußte. Als endlich, Anfang 50, Beide nebst mehreren anderen Gesinnungsgenossen vor ein Schwurgericht in Hamm zur Abnrtheilung gestellt wurden — sie sollten zum Ungehorsam gegen die Gesetze und Unbotmäßigkeit der Soldaten gegen den Ruf des Königs gerathen haben, — schrumpften die unterm Verj größernngsglase der Furcht gesehenen Schuldmomente in nichts zusammen, und wurden sämmtliche Angeklagte nach glänzenden Verteidigungsreden freigesprochen. Der Jubel der Essener war groß. Hatte man vorzugsweise Vlumenfeld während seiner Haft durch zahllose Briefe und feierliche Ergebenheitsadressen

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