Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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102 gerade stattnndenden Auktionen eine Anzahl seltener und kostbarer Bücher angeschafft. Durch eine solchesreieKommission konnte aber kein Gemeindeinstitnt begründet werden. Zur Errichtung des letzteren schuf man daher eine Gemeindekommission, die aus einem Mitglied des Vorstandes, zwei Repräsentanten und vier Mitgliedern der Gemeinde besteht. In dieser siebenköpfigen Schaar befinden sich zwei Kaufleute, zwei Universitätsprofessoren, je ein Oberlehrer und ein Arzt; auch unter den Kanfleuten sind Männer, welche den Werth der Bücher wohl zu würdigen wissen, auch bei der Leitung von Lesehallen Kenntnisse und Verdienste sich erworben haben. Eine solche Verwaltungskommission jedoch bedarf der Unterstützung durch Männer, denen die Wissenschaft des Jndenthums Lebensaufgabe ist. Man gab ihr daher einen wissenschaftlichen Beirath bei. Er ist zusammengesetzt ans einem Redakteur, der speziell die jüdische Litteratur und Geschichte zu seinem Arbeitsgebiet gemacht hat, zwei Rabbinern, einem Schulleiter und Herrn Sanitätsrath Neumann. Wenn ich den Namen dieses verehrten Mannes nenne, während ich sonst in dieser kurzen Betrachtung Bezeichnungen wähle, die ja freilich nicht ganz undurchsichtig sind, so geschieht es nicht blos deswegen, weil dem Alter Ehre gebührt, sondern weil dem Genannten, der selbst eine große Sammlung von Schriften und Blättern für die Geschichte des jüdischen Lebens zusammeugebracht hat, besonders wichtige Anregungen zuzuschreiben sind. In der Kommission, die im Laufe mehrerer Jahre vielerlei zu erledigen hatte: ein Statut für ihre Arbeiten, eine Benutzungsordnung, Miethsvertrag für das neue Lokal, Anstellung eines Bibliothekars und eines Dieners, standen sich hauptsächlich zwei Anschauungen gegenüber. Die eine ging dahin, eine gelehrte Anstalt zu begründen, bei der Auswahl der Bücherschätze also die talmudische Litteratur vorwiegend zu berücksichtigen und eine Centralstätte zu schaffen, in der die Wissenschaft des Judenthums eifrige Förderung erlangen könne; die andere bezweckte, dem Bedürfnis; der Gemeinde zu dienen, und da für diese die Geschichte der Inden im weitesten Umfange, dallebell auch die Belletristik, die Erkenutniß der schwebenden Fragen voll größter Bedeutung ist, die Ausgaben und Erklärungen der älteren Quellen hinter dem zurücktreten zu lassen, was der Augenblick erheischt. Die letztere Ansicht wurde von Herrn Neumanu mit jugendlicher Lebhaftigkeit vertreten und trug zunächst den Sieg davoll. Ein äußerer Umstand kam freilich diesem Siege zu Hilfe- Biete Monate hindurch war der unchtigste Berathuligsgegeustalld der Kommission nnd ihres wissenschaftlichen Beiraths der Ankauf der bekannten Hatberstamm'schen Bibliothek. Ihr Katalog wurde eillgefordert, völlig neu bearbeitet, da er bibliographisch nicht recht benutzbar war, Gutachten von Gelehrten nnd Buchhändlern eingeholt; der Bibtiothekar, der bald nach der Bildung der Kommission gewählt wurde, nnd mit Ordnung der vorhandenen Bücherbestände, von denen gleich ein Wort zu sagen ist, lange zu thnn hatte, bevor die Bibliothek eröffnet werden konnte, wurde zweimal uach Oesterreich geschickt, um die Bibliothek genau zu prüfen, Verhandlungen wurden mit dem Besitzer der Bibliothek eingeteitet. Schließlich indessen wurde voll dem Ankauf dieser zwar überschätzten, aber gewiß kostbaren nnd in manchen Zweigell vollständigen Büchersammlung abgesehen, theils weil der geforderte Preis zu hoch war, mit Rücksicht darauf, daß die Seltenheiten ersten Ranges anderweit verkauft worden waren, theils weil der Charakter dieser Sammlung als einer streng gelehrten dem Zweck der neuen Anstalt nicht entsprochen haben würde. Aber an einer Grundlage für eine gelehrte Bildungsstätte fehlte es nicht. Sie besteht außer den ans Holland und Italien angekallften Büchern vornehmlich aus zwei Geschenken, die, sobald der Gedanke einer Gemeindebibliothek aufgetancht war, den Behörden übergeben wurden den Bibliotheken des verstorbenen Rabbiners Dr. Frankl und des Lehrers Dr. Apolaut. Durch diese Gaben, die das Andenken der durch ihr Wirken wohlverdienten Männer für alle Zeiten mit der neuen Anstalt verknüpfen, war ein schöner Grundstock gelegt. Andere Geschenke aus der Bibliothek des Studieu-Beförderungsvereins, aus den hinterlassenen Büchern des Rabbiners Dr. Sachs nebst manchem werthvollen Stück ans Privatsannnlungen kamen hinzu; gelegentliche Ankäufe boten werthvolle Ergänzungen. So konnte man daran denken, das neue Institut zu eröffnen. Die Katalogarbeiten des in der königlichen Bibliothek für seinen neuen Beruf ausgebildeten Bibliothekars waren beendet, so daß der Titel jedes vorhandenen Buches voll allen Benutzern mühelos ausgesucht werden konnte, das Lokal war gemiethet und dem Bedürfnisse der neuen Allstalt entsprechend verändert nnd ausgebaut. Die wichtigste Aufgabe bestand darin, eine sogenannte Handbibliothek zu schaffen, die, in dem Lesesaal aufgestellt, ohne ein an den Bibliothekar gerichtetes Verlangen jedem Besucher offen steht, die die wichtigsten Handbücher, Zeitschriften, Lexika für Geschichte, Alterthumsknnde, Exegese enthält. Auch dies geschah unter treuer Mitarbeit des wissenschaftlichen Beiraths. Manche Laien, besonders unter den Mitgliedern der Gemeindebehörden, wurden ungeduldig, sie wollten Thaten sehen und bedachten nicht, wie jeder kleine Schritt sorgsam erwogen, vorbereitet werden muß, wie mühsam die gewissenhafte Katalogisirung eines jeden einzelnen Buches ist, wie viel Nachforschungen angestellt werden müssen, um ein Buch wohlfeil zu kaufen, wie viel Kleinigkeiten zu erwägen sind, selbst wenn es sich nur darum handelt, einen Anschlag herznstellen, Zettel, Anschreiben und alle für den Verkehr der Bibliothek nöthigen Hilfsmittel anznschaffen. Es wurde wohl auch die Klage laut, die Bibliothek mit ihren '>000 Bänden böte einstweilen zu wenig, aber man wagte es, und das Wagnis; gelang. Gewiß giebt es stattlichere jüdische Bibliotheken, als unsere einstweilen ist, aber wohl keine, die so wie diese durch den einmüthigen Beschluß der Gemeindebehörden ins Leben gerufen, mit einem ausreichenden Etat ausgestattet ist, und dic im Laufe der Jahre nach bestimmten Grundsätzen bereichen und ausgestaltet werden soll. Dieser kleinen geschichtlichen Auseinandersetzung sei eim allgemeine Betrachtung hinzugefügt. Als zärtlicher Verwandter spreche ich. nicht als Repräsentant oder als Mitglied der Bibliothekskommission. Dell ersterei Grad denke ich zu behalten, denn er ist ein elmi-Lieter nuiell Vüi8, über die letzteren entscheiden Majoritäten. Spräche ul als Verwaltungsbeamter, so würde ich mich stolz in die Togc hüllen, werm's eine jüdische gäbe, nnd von der Fähigkeit der Behörde sprechen, eine Institution, die sie ins Leben gerufen auch auszugestalten und zu erhalten. Diese Fähigkeit stelle ich auch als Privatmensch nicht in Abrede, aber als solcher habe ich Wünsche, die ich nicht unter drücken will. Sie lassen sich in die kurzen Worte zusammen fassen: Gedenket des Geistes.