Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sucht derselbe in einem Schreiben au das Landauer Board of Deputies seine Aenßerungen abzulengnen. Bom Board in höflichster Weise aufgesordert, sich über jene vorn Nichterstnhl herab gegen die Juden losgelaffene Rede zu äußern, richtete Mr. Frank N. Falkiner au Sir Josep Sebag Montefiore ein Schreiben, in welchem er mittheilt, daß seine richterliche Würde ihn bis jetzt davon abhielt, die in der Presse veröffentlichte falsche Wiedergabe seiner bekannten Ansprache richtig zu stellen. Das maßvolle Schreiben des Board of Deputies veranlasse ihn jedoch von seiner Gewohnheit so weit abzngehen, als es nothwendig ist, um zu konftatiren, das; er bei Vertraglichen Gelegenheit nichts gesagt habe, was die Juden irgendwie hätte beleidigen können. Die jüdische Gemeinde irr Dublin ist ruhig und den Gesetzen gehorchend, und Ausnahmen davon sind bei ihr nicht zahlreicher als bei den anderen Korporationen von gleicher Seelenzahl. „Ich habe ihre Rechte vielleicht weit öfter geschützt, als manchem Juden bekannt geworden sein dürfte," schloß der Richter sein Schreiben. Nach Verlesung dieses Briefes in der Sitzung des Boards vorn 16. Februar beantragt Mr. Lionel W. Harris, Vorsteher der Dnbliner jüdischen Gemeinde, den Brief des Richters von Dublin zu veröffentlichen. Es wäre nicht das erste Mal, daß dieser Richter gezwungen wird, judeufeiudliche Aeußernngen, die er in seiner amtlichen Eigenschaft als Richter gemacht hatte, nachträglich und öffentlich zu widerrufen. Das letzte Mal hat er es vom Nichterstnhl herab thnn müssen. Es ist aber bekannt, daß dieser Richter die Inden stets amtlich zu benachtheiligen sucht. Auch kommt es sehr oft vor, daß er angeklagten-Juden das Wort zur Vertheidigung abschneidet. Mr. Gabriel Liudo fordert gleichfalls die Veröffentlichung des Briefwechsels, schon im Interesse des Dubliner Richters selbst. Es wäre auch gilt, wenn die weiteste Oefsentlichkeit erfährt, daß das englische Judenthnm in dem Board of Deputies eine gesetzlich anerkannte Körperschaft besitzt, welche voll jeder gegen die Inden geschleuderten Beleidigung offiziell Kenntniß nimmt. Die Publikation der Korrespondenz wird darauf beschlossen, nm so dem antisemitischen Richter voll Dublin eine Lektion zu ertheilen. In der Sitzung des Unterhauses vom 15. Februar illterpellirte der Antiatienist Mr. Wason die Negierung über i den Stand der zugesagten Kommission zum Studium der Jmrnigrationssrage. Mr. Balfour erwiderte, daß er den Zeitpunkt der Ernennung der Kommission noch nicht genall angeben könne. Die Kommission wird nicht vom Parlament, sondern voll der Negierung ernannt werden. Die Juden begrüßen dieses mit Freuden, da eine Rohalkommission mit größerer Vollmacht ansgerüstet und auch weit unabhängiger!st als eine parlamentarische Kommission. Das Board of Deputies hat bereits beschlossen, dieser Kommission, sobald sie glsammentritt, das ganze in seinem Besitze sich befindende, seit fahren gesammelte Material zur Verfügung zu stellen. Die Inden Englands haben das größte Interesse darall, daß nichts verheimlicht, aber auch nichts Unwahres hinzugefügt werde, 'willentlich aber darall, daß eine in der That unparteiische Kommission die ganze Frage berathe. Bit Bibliothek der jüdischen Gemeinde. Voll Professor Dr. Ludwig Geiger. eit dem 2. Februar ist die Bibliothek der jüdischen Gemeinde irr Berlin der Benutzung Übergebell. An diesem Tage Abends 6 Uhr öffneten sich ihre Pforten, oder sagen wir bescheidener: ihre Thür. Vier Mitglieder der gleich zu erwähnenden Kommission wollten dem Bibliothekar bei seinen Repräsentationspflichten helfen; eine halbe Stunde mußten sie warten, aber schon am ersten Abend traten mehrere Benutzer herein. In den erster: 14 Tagen haben 4ü Besucher die irene Bildungsstätte betreten. Sie setzten sich zusammen aus Kanftenten, Schriftstellern, Zeitungskorrespondenten, Studenten, Schülern; außerdem waren je ein Arzt, Bibliothekar llnd Landgerichtsrath vertreten. :'»2 Bücher sind aus dem Raum der Bibliothek an 16 Ausleiher verliehen worden. Diese und die übrigen Benutzer arbeiteten indessen vorher aus anderen Werken der Hand- und Ansleihbibtiothek, über die jedoch eine bestimmte Statistik nicht vorliegt. In das Tesiderienbuch wurden zehn Werke eingetragen, hauptsächlich geschichtliche, einzelne politisch-juristische Bücher und ein eregetisehes. Wenn auch zur Zeit, da dieser Artikel den Lesern in die Hände kommt, fast vier Wochen seit Eröffnung verstrichen sein werden, dürste es nicht unpassend erscheinen, der in Gebrauch genommenen, nicht eingeweihten neuen Einrichtung ein freundliches Wort znzurufen. Dieses mag verglichen werden mit Betrachtungen, die freundlich gesinnte Verwandte bei der Geburt eines jungen Weltbürgers anstelleu über die Aehnlichkeit mit seinen Erzeugern, während die bescheiden-stolzen Eltern sich damit begnügen, sein Erscheinen ganz kurz anzukündigen. Wenn in solchem Sinne die Gemeindebehörden e^ für gut befunden haben, nur im redaktionellen, nicht im Jnseratentheil der Zeitungen den Lesern das bevorstehende Ereigniß mitzutheileu, so ergreift hier ein liebender Verwandter das Wort zu einer Betrachtung über Vergangenheit und Zukunft der neuen Anstalt. Wie ist die Bibliothek geworden? Was ist sie? Was soll sie werden? Eine kurze Beantwortung dieser Fragen, nichts anderes sollen die nachstehenden Zeilen enthalten. Die Bibliothek verdankt ihre Entstehung einer Anregung des Herrn Rabbiners Dr. Weisse, die von Herrn Professor Lewin ausgenommen wurde. Ans Grund dieser dankensiverthen Aufmunterung wurde schon vor Jahren von Seiten des Gemeiudevorstandes eine Kommission berufen, aus den Rabbinern und einigen jüdischen Gelehrten bestehend, die in einer nnr einmaligen Tagung den Gedanken der Errichtung einer solchen Gemeindeanstalt froh begrüßte. Wie es bei dem Nebenwegen des fast ausschließlich gelehrten Elemente in jener Vereinigung kaum anders möglich war, wurde von ihr die Bücherfammlnng als eine möglichst umfassende des gesummten jüdischen Schriftthmns geplant. Jene Kommission, nur zu einer Begutachtung, nicht zu Spezialvorschlägen berufen, erkannte, daß zu einem solch eminenten Friederiswerk genau wie zu einer Kriegsvorbereitnug Geld und wieder Geld gehört, und da sie wohl wußte, daß Schüchternheit in Geldsachen nicht wohl angebracht sei, forderte sie eine stattliche Summe für die ersten Ankäufe und die Grundlegung einer Bibliothek. Eine solche Summe wurde nicht in der Höhe, wie man sie wünschte, aber in einem recht stattlichen Betrage von den Gemeindebehörden bewilligt, und ans ihr wurden in Holland sowie in Italien ans den damals