Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1902)
- Date
- 1902-02-28
- Page
- Seite 100 (sequence 6)
- Language
- German
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Ilw schien,«Ugl'u diesen »tlillelolterlichcu. von orscbulleruden Leiden und bllüigci, ^K vsolo'urge)» krindigeuden Vroucl). der selbst von stantlicl, berufener Seite einen Gecjcirsntz Z'oischon Dentselieu und Iudon »rech inuner kliusttich fansirliireu will. Soweit nicht der beschränkte -Ureis von verbohrten Bntiseiniten in Betracht kommt, )vird es heut zu Tage wohl Niemand mehr bestreiten, das; die Inden in der dentschen Ssiuiark. wie überall in unserem Baterlande, Deutsche ihrer Geburt, Sprache und Erziehung nach sind und bleiben werden. Ihre Konfession anläßlich des M ilitäretats besonders zn erwähnen, erscheint um so eher überflüssig, als der Kriegsminister auch die Konfession der sechs im Wreschener Stadtrath sitzenden Dentschen nicht besonders angegeben hat. Jedenfalls zeigt dieses immerhin bedauerliche Vorkommnis; aufs Neue, wie schwer es den Inden trotz aller schonen Reden und Versprechungen gemacht wird, sich mit den Deutschen eins zu fühlen, und wie selbst von autoritativer Seite ihre wirthschastlirbe und soziale Stellung zwischen Deutschen und Polen immer noch isolirt und erschwert wird. Es ist klar, das; der Kriegsmiuister sich bei seinen Angaben auf die von den zuständigen Provinzialbehördeu erstatteten Berichte gestützt hat. Auch diese Behörden Habei, sich demnächst bemi'istigt geglaubt, eine Trennung zwischen Deutschen und Inder, eintreteu zu lassen! Was sagten der Herr Reichskanzler und Herr v. Tiedemauu hierzu? Ein interessanter Herr ums; der Pastor Dr. Weiß in Bremen sein, der im dortigen Protestantenverein in der vorigen Woche über „Kultur und Religion" sprach und sich dabei folgenden Satz leistete: „Ein ganz anderes BÜd entfaltet sich in, Indenthnm. Hier beherrscht die Religion das ganze Leben. Gott ist verweltlicht. Die geistig-sittliche Korrektur des Gottesbildes durch die Propheten hätte uns eigentlich zur Vergöttlichung der Welt führen solle),. Aber die Entwickeln),g schlägt einen anderen Weg ein und führt zur vollständigen Trennung von Gott und Welt und zu Priesleethum und Gesetz, den Mittlern zwischen Beiden. Ir, allen Phasen der Entwickelung aber beherrscht die Religion das Leben; eine selbstständige Kultur kann nicht gedeihe,,. Die Inden sind nie ein eigentliches Kulturvolk gewesen." Eine Widerlegung derartiger Behauptungen wird uns Niemand in, Ernst zumnthen. 4 Das von den Klerikalen verbreitete antisemitische Gift hat einen erheblichen Theil der französischen Jugend inficirt und die schlechten Instinkte des Fremdenhasses bis in die untersten Klassen der Gymnasien getragen. Namentlich war das Pariser Lyeeum Janson de Saillh dabo,, angesteckt, in welchem die Schüler von der Mehrzahl ihrer christlichen Mitschüler seit Beginn der Dreyfusaffäre verspottet, verhöhnt und verfolgt wurden, ohne daß der Direktor des Lycemns, Mr. Fonrtean, Anlaß zum Einschreiten finden konnte. Nebst den Inden hatten auch die wenigen christlichen Schüler, welche die Jndenhetze nicht mitmachen wollten, voll ihren antisemitischen Kollegen sehr viel zu leiden. Folgendes Ereigniß hat endlich dem Faß den Boden ansgeschlagen. Ein christlicher Knabe. Sohn eines sehr hoher, Beamten, wurde voll den kleinen Antisemiten als „Inder,gelrosse" mit besonderer Vorliebe verfolgt nnd mit Ausdrücken wie „schmutziger Jude" und dergleichen Liebenswürdigkeiten regaliri. Bor drei Monaten gingen die sich bei Zeiten krümmenden zukünftigen Häkchen zn Handgreiflichkeiten über. Sie fielen über den kleinen Mitschüler her, prügelten ihn weidlich, schleiften ihn über den Boden und verfolgten ihn die ganze Straße hinab. Der Direktor sah sich zwar endlich genöthigt, drei der Mifsethäter auszuschließen, allein nach einiger Zeit nahm er sie wieder ans. Jetzt ordnete die Negierung eine Untersuchung an, welche so viele Beweise snr die in dieser Schute herrschende Intoleranz beibrachte, daß der Unterrichtsnnnister, wie wir schon kurz ge,neidet, sich genöthigl sah, den Direktor Mr. Fomtean von scinem Posten zn entsernen. Die Maßregel wird aber das weitere Eindrillgell des Antisemitismus in die Schulen nicht hindern, da derselbe nicht iil den Schulen, sondern in den unter dem Einflüsse jesuitischer Beichtväter stehenden Falllilien entsteht und erst von da aus ill die Schule eindringt. Bezeichnend ist die schamlose Art, mit welcher oie „Libre Parole" die Vorgänge in dem Janson de Sailly-Lyeeum zu beschönigen sucht. Sie Lheilt mit, das; in dieser Schule nicht weniger als 200 Inden 10 Prozent aller Schüler vertreten sind. Die christlichen Schüler fanden nnn, daß dieses eilt etwas hoher Prozentsatz sei und suchten ihn durch allzu lebhafte Verfolgung ihrer jüdischen Mitschüler ein wenig herabznsetzen. Ein Kommentar ist überflüssig. In Rußland geht etwas vor, aber Niemand weiß im Grunde zu sagen, was. Warschauer Blätter berichten, daß die Negierung das „Wohnrecht der Juden" zu erweitern beabsichtige. Die für die Angelegenheiten der Juden beim Ministerium des Innern errichtete Kommission berathe über die Angelegenheit. Die über die Berechtigung, sich außerhalb des jüdischen Wohnsitzrayons oder sogenannten Ansiedelungsrahons anfzuhalten, bestehenden Bestimmungen sollen in liberalem Sinne verändert werden. Es ist kaum zu verstehen, wieso dieser plötzliche Wandel in den Anschauungen der maßgebender, Kreise eingetreten sein soll, nnd man wird deshalb die Nachricht mit gebührender Nvrsicht aufzunehmen haben. Sollte sie sich dann doch bestätigen — nur so besser. Bon nicht geringeren, Interesse sind die Maßregeln, die die russische Regierung in letzter Zeit gegen die getauften Inden ergriffen hat. In den großen Städten haben infolge der drakonischen Ausnahmegesetze in den letzten Jahren wahre Massentanfen stattgesunden. Um um, diesem Nebel zu steuern, wurde ein Ukas erlassen, kraft dessen jeder Uebertritt in Rußland vorher dem Minister des Innern, in Russisch-Polen den; Konsistorium anzuzeigen sei. Was diese Maßregel zu bedeuten hat liegt ans der Hand. Es wird eben die Erlanbniß zur Vornahme des Taufaktes nnr ertheilt, wenn der Konvertit sich entschließt zur griechisch-katholischen Kirche überzntreten. Daß die Tanferei durch diesen Ukas sehr erschwert wird, ist begreiflich. Die Meisten sind bis jetzt zur evangelischen Kirche übergetreten was ihnen sehr leicht gemacht wurde. Die orthodoxe Kirche versteht aber in solchen Dingen keinen Spaß, und am meisten wird natürlich durch diesen Ukas der Uebertritt in Russisch-Polen erschwert. Aber auch noch eine andere Beschränkung hat die russische Negierung den getauften Juden auserlegt. Es ist nämlicl seitens des Ministeriums die Bestimmung getroffen, daß die für die Juden in, Allgemeinen geltenden Beschränkungen des Wohnrechts für die getauften Juden erst fünf Jahre nach ihrer Konversion aufgehoben seien. Wir Haber, keinen Grund zu verhehlen, daß wir über diese neuen Gesetze aufrichtige Genug thnuttg empfinden. 4 I!, Dublin hat ein Richter gelegentlich der Vernrtheilung eines Juden wegen Sachbeschädigung eine judenfeindliche Rede gehalten, die in England Aufsehen gemacht hat. Nun