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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-28 · Heft 9 (28.2.1902) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 9 (28.2.1902)
Date
1902-02-28
Page
Seite 99 (sequence 5)
Language
German
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99 Gemeiudetag fordert die Bmidesgemeinden auf, ihre Beiträge thurilichst auf 1 Prozent ihres Steueraufkommens zu erhöhen". Als nächster Punkt gelangt alsdann der Antrag der Gemeinde Königsberg zur Berathung. Der Antrag bezweckt bekanntlich die Erweiterung der Thatigkeit des D.-J. G.-B.. welcher nunmehr die Wahrung und Förderung aller gemeinsamen Interessen der Deutschen jüdischen Glaubens vertreten soll und diese Zwecke erreichen soll durch Wahrnehmung aller gemeinsamen Angelegenheiten in Bezug auf die öffentliche Rechtsstellung der jüdischen Religion und die rechtliche und soziale Stellung ihrer Bekenner. Außerdem wünscht der Antrag mindestens alle zwei Jahre die Abhaltung des Gemeindetages thuulichst an wechselnden Orten. Begründet wird der Antrag durch Rechtsanwalt Holz-Königsberg. In längeren Ausführungen bekämpft der Ansschußreferent Justizrath Landau-Berlin den Antrag und empfiehlt folgenden Antrag: „Der Gemeindetag beschließt, den Antrag der Gemeinde Königsberg und Genossen abzulehnen in Erwägung, daß dieser Antrag die nach langen Mühen erreichte Rechtsfähigkeit des Bundes in Frage zu stellen geeignet und auch in sich rechtlich undurchführbar ist, in fernerer Erwägung, daß dieser Antrag bei Annahme den Bund zum Tummelplätze politischer, religiöser und sozialer Meinungsverschiedenheiten machen und damit der ihm seit seiner Begründung innewohnenden Aufgabe der Förderung der Verwaltungs-, Bildungs- und Wohlthätigkeitsangelegenheiten der israelitischen Gemeinden im Deutschen Reiche durchaus entfremden wurde." Für den Antrag Königsberg spricht Meyersfeld-Braunschweig, dagegen Rass-München, welcher bei Annahme des Antrages ein gemeinsames Arbeiten des Nordens mit dem Süden für ausgeschlossen erklärt, Landgerichtsrath Peltasohn, Dr. Werner -München und Dr. Vogelstei n-Stettin. NachSchluß der Debatte tritt noch als Vertreter der Gemeinde Königsberg Rabb. Dr. V o g elfte in für den Antrag Königsberg ein. Bei der Abstimmung wird der Antrag betreffs der Bestimmungen über die Erweiterung der Thatigkeit des Bnndes mit großer Majorität abgelehnt. Zu der Frage der Einberufung des Gemeindetages hält nach kurzer Begründung des Antrages durch den Antragsteller Rechtsanwalt Holz-Königsberg, Justizrath Landau- Berlin eine Statutenänderung nicht für nöthig, da das Statut dem Gemeindebnlide zu wandern gestattet. Für den Antrag spricht nur Bergmann-Chemnitz; Rechtsanwalt Dr. Frie dlander, Schiff- Frankfurt a. M. und Professor Philippson bekämpfen die statutarische Festlegung der Bestimmung. Zum Schluß der Debatte wird folgende Resolution Voge lstein - Stettin zum Beschluß erhoben: „Der Gemeiudetag erklärt es für wüuscheuswerth, den Gemeindetag in kürzerer Frist als nach vier Jahren einzuberufen und ihn auch au anderen Orten als Berlin stattfiudeu zu lassen." Zu Gunsten dieser Resolution wurde der Antrag Königsberg zurückgezogen. Zum letzten Punkt der Tagesordnung werden auf Antrag Dr. K arpeles-Berlin die ausscheidendeu Mitglieder des Ausschusses und die Revisoren durch Akklamation wiedergewählt. Der Vorsitzende Dr. Lachmann-Berliu dankt dem Vorsitzenden des Ausschusses für die rege Vorarbeit, die es allein ermöglicht hätte, die Tagesordnung zu erledigen, und bringt ans Professor Philippsou ein Hoch aus, in welches die Versammlung lebhaft einftimmt. Professor Philippsou hebt seinerseits die Verdienste der anderen Ansschußmitglieder rühmend hervor und bittet die Versammlung, zum Dank und zur Anerkennung für den die Ver- > andlung leitenden Vorsitzenden und das Büreall sich von den Plätzen u erheben. Damit schloß der IX. Gemeiudetag um 5 Uhr Nachmittag. * * An den neunten Gemeiudetag schloß sich am 24. Februar der weite Deutsch-Israelitische Verbandstag an. Ans iauinmailgel und wegen der Kürze der Zeit bis zur Drucklegung der erliegenden Nummer geben wir heute nur in aller Kürze die zu den inzelnen Punkten der Tagesordnung gefaßten Beschlüsse und behalten als einen genaueren Bericht über die Verhandlungen für die nächste cummer vor. Ueber Bekämpfung des Wanderbettels, insbesondere Sicherung des Fortbestehells der Arbeiterkolonie Weißensee referiren in usführlichen und sehr interessanten Darlegungen die Herren Fraiikeipzig, L ebrech t-Nürnberg und Feilch enfe ld - Köln. Zum Schluß er Debatte, an welcher sich eine große Zahl von Rednern betheiligen, -ird der Antrag Lebrecht: „Das in Nürnberg im Gebrauch befindliche Kontrolle der Wanderbettler bestimmte schwarze Buch ist den ^erbandsarmenkassen und den größeren Verbaudsgemeinden zur Ein- 'llhrung zu empfehlen", sowie ein fernerer Antrag Feilchenfeld: „Der "arbandstag beschließt, den großen Gemeinden, namentlich in den Grenzstädten, die Einrichtung von Arbeitsstätten als unentbehrliches Mittel gegen den Wanderbettel dringend zu empfehlen", einstimmig angenommen. Ueber die Arbeiterkolonie in Weißensee berichtet Maurermeister Marcus Adler-Berlin, welcher die historische Entwickelung und die Geschäftslage der Kolonie sehr ausführlich schildert. Mit allen gegen eine Stimme gelangt ein Antrag Philippson zur Annahme: „Der zweite Verbandstag beschließt, die Gemeindeverbände zu ersuchen, zur Förderung der jüdischen Arbeiterkolonie Weißensee nach Kräften beiznlragen." Zum Punkte der Fürsorgeerziehungsanstalt für Mädchen hebt der Referent Professor Philippson die dringende Nothwendigkeit der Schaffung einer solchen Anstalt hervor und theill unter dem Beifall der Versammlung mit, daß seitens einer Stiftung dem Gemeindebunde 60000 Mark unter der Bedingung überwiesen werden sollen, daß der Gemeindebund die dauernde Unterhaltung der Allstalt übernimmt. Zur einstimmigen Annahme gelangt die Resolution Löwe-Berlin: „Der Verbandstag erachtet die Gründung einer Fürsorgeerziehungsanstalt für sittlich verderbte, von den Behörden einer Anstalt überwiesene Mädchen für erforderlich und beauftragt den D.-J. G.-B. die nöthigen Schritte zu thun, um diese Angelegenheit in die Wege zu leiten." Der Antrag der Gemeinde Posen betreffend die Vorbildung der Schächter, über welchen Friedländer-Posen als Antragsteller referirt und dessen Ablehnung vom Ausschuß des D.-J. G.-B. befürwortet wird, endet nach sehr lebhafter Debatte mit der Annahme einer Resolution Kroner-Stuttgart: „Der Verbandstag empfiehlt den Antrag des Verbandes Posen unter der Voraussetzung daß die besprochene Einrichtung in Posen nur Kantoren und Schächter heranzubilden beabsichtigt, der Berücksichtigung." Zum ferneren Alltrage des Gemeindeverbandes Posen, welcher den D.-J. G.-B. ersucht, an die zuständigen Behörden die Bitte zu richten, daß einem Delegirten der einzelnen Shnagogengemeinden gestattet werde, bei Feststellung der Lehrpläne für den jüdischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen mitznwirken. und daß demselben ein Einfluß auf die Ertheilung des Unterrichts eingeräumt werde, giebt der Ausschußreferent Syndikus Dr. Minden-Berlin die Bereitwilligkeit des Ausschusses zu erkennen, bei der Behörde in den: angeregten Punkte vorstellig zu werden. Ohne weitere Debatte wird nach dieser Erklärung der Antrag Posen angenommen. Die Rechtsverhältnisse der Provinzial- und Bezirksverbände bespricht alsdann in einem ausgezeichneten Referate Amtsgerichtsrath L evh-Beuchen, dessen Antrag, den Provinzial- und Bezirksverbänden zu empfehlen, juristische Personen des öffentlichen Rechts und nicht solche durch Eintragung ins Vereinsregister zu werden, einstimmig zum Beschluß erhoben wird. Nach Absetzung des Punktes 6, betreffend die provinziellen Wohlthätigkeitsinstitute, ist die Tagesordnung erschöpft. Der Leiter der Verhandlungen Professor Philippson dankt den Mitgliedern sür ihr reges Interesse an der Verhandlung, während Kirchenrath Dr. Krön er dem Vorsitzenden für die treffliche Leitung des Verbandstages dankt. Are Mochr. Berlin, 25. Februar. ^^^er Kriegsminister v. Goßler hat in der Sitzung des Reichstages vom 17. d. M. auf eine Rede des Abgeordneten v. Chrzemowski (Pole) n. a. erwidert, daß die 18 Mitglieder der Wreschener Gemeindevertretung aus sechs Polen, sechs Deutschen und sechs Juden bestehen. Dazu schreibt uns ein hochangesehener, im öffentlichen Leben stehender Mann aus der Provinz Posen Folgendes: Die absichtliche Gegenüberstellung von Deutschen und Inden erscheint uns angesichts des neuen Kurses in unserer Polenpolitik und des beredten Appells des Reichskanzlers an das einmüthige Zusammenhalten der deutschen Elemente in den Ostmarken ebensowenig angebracht wie diplomatisch im Munde eines verantwortlichen Staatsministers und in einer Sitzung des Reichstages. Man werfe uns nicht allzu große Nervosität vor, die sich ob des Wortes „Jude" gleich entsetzt und erregt. O nein, wir sind mit Recht stolz auf unseren altehrwürdigen Glauben, der der Menschheit zuerst den monotheistischen Gottesgedankeu gebracht hat; aber wir protestiren mit aller Ent-

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