Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 8. Berlin, 21. Februar 1002 Der Gemein-ebotr. Vertage zur „Attgemeinen Zeitung -es Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. — Berlin, im Februar. Die zweite vorjährige Versammlung des „Vereins jüdischer Lehrer der Provinz Brandenburg" wurde von dem Vorsitzenden Herrn Dr. Fiegel mit einem Hoch auf den Landesherrn, den Hort des Friedens und Förderer der Kulturbestrebungen, eröffnet. Nach Verlesung mehrerer Begrüßungsschreiben und Telegramme ergriff Kollege Goldschmidt-Königsberg N.-M. das Wort zn seinem Referat: „Die Thätigkeit des Lehrers für kulturelle Bestrebungen innerhalb der Iudenheit, insbesondere für Erweckung des Interesses für Handwerk und Bodenkultur." Redner führte etwa Folgendes ans: Die Juden sind die ersten und vorzüglichsten Kulturträger aller Völker und Zeiten. Ein gewisser und dem Verfall innerhalb der Iudenheit gleichbedeutender Stillstand, dazu der antisemitische Ansturm voll außen, vereinigen sich heute zur Vernichtung der Juden. Dagegen haben sich verschiedene Organisationen gebildet, um die Iudenheit nach Innen zu befestigen, nach Außen zum Kampfe zu stählen. Nicht znm wenigsten sind die Lehrer dazu berufen, bei der Erhaltung des Judenthums und Förderung seiner Kulturbestrebungen mitzuwirkeu. Um ihrer Ausgabe gerecht zu werden, bedarf es einer erhöhten Vorbereitung, besonders durch stetes Studium der Pädagogik. Der jüdische Lehrer muß sich auch die Forderungen der Sozialpolitik zu eigen machen, denn gerade für uns Juden gilt das Wort: Einer für Alle. Daher ist voll dem jüdischen Lehrer Theilnahme an deu Fürsorgebestrebungen (Kindergärten, Waisenhäuser. Volksküchen, Hanshaltungs- und Handfertigkeitsschnlen) zu verlangen. Seine Hauptthätigkeit liegt aber naturgemäß in der Schule, in der jüdischen Schule. Eine Erhaltung der letzteren ist im eigensten Interesse der Iudenheit nothwendig. Durch dahinzielende Belehrung und Aufklärung der Eltern und der Gemeindevorstände muß dem Verfall der jüdischen Schulen Einhalt gethan resp. vorgebeugt werden. Die Religionsschule muß durch stärkere Betonung der Ethik zur Verbreitung der Kultur innerhalb der Iudenheit mehr als bisher beitragen. Um die jüdische Elementar-und Neligionsschule müsse sich eine wirkliche Schulgemeinde bilden. Innerhalb solcher Gemeinden ist durch Familien-, Unterhaltungs¬ und Vortragsabende, Bibliothekeil u. s. w. das geistige und sittliche Niveau zu heben. Nothwendig ist für kleine, nicht leistungsfähige Gemeinden ein Zusammenschluß, umWanderpredigeranzusteüen. Im Hinblick ans die wirtschaftlichen Verhältnisse erscheint es dringend erforderlich, daß sich die Juden in größerer Zahl dem Handwerk und dem Ackerbau zuwenden. Noch bessere Aussichten als beim Handwerk bestehen, trotz der agrarischen Klagen, bei der Landwirthschaft. Daß unsere Glaubensgenossen sich zu diesen Berufen eignen, beweisen die Geschichte der früheren Zeit und die Erfahrungen der Gegenwart (Palästina, Argentinien, Ahlem). Um die Bestrebungen für Handwerk und Bodenkultur seinerseits fördern zu können, muß der Lehrer in geeigneter Weise vorbereitet sein, weshalb die Aufnahme von Handfertigkeits- und Gartenbau-Unterricht in deu Plan der Lehrer-Bildungsanstalteu u.Ferienkurse erforderlich sind. In der Schule muß den Kindern die Liebe zur Landwirthschaft eingeflößt, aber auch Gelegenheit zu praktischer Bethätigung gegeben werden. Da die Volksschule den hieraus sich ergebenden Forderungen nichtgenügen kann.müsset! sich Fürsorgeanstalten, Waisen- und Erziehungsanstalten derselben annehmen. Bei der Propaganda für diese Bestrebungen soll der Lehrer sogenannte Gewaltpolitik vermeiden und sich auf vorsichtiges, taktvolles Ueberführen geeigneter Elemente zum Handwerk und zur Bodenkultur beschränken. Reicher Beifall folgte deu Ausführungen des Referenten, an die sich eine lebhafte Debatte anschloß. Einer Kommission, bestehend ans deu Herren Dr. Fiegel. Dr. Gutmann und dem Referenten, wurde die Formulirnug der Thesen übertragen, welche in folgender Fassung Annahme fanden: „I. Der jüdische Lehrer ist verpflichtet, nach besten Kräften den kulturellen Bestrebungen innerhalb der Iudenheit seine Thätigkeit zu widmen. II. Er kann dies, indem er sowohl während der Schulzeit im Unterricht als auch im nachschulpslichtigeu Alter im Fortbildungsuuterricht die Jugend aus die Pflichten hinweist, die ihr die Zugehörigkeit zu einer Gesammtheit auferlegt; b) das geistige Niveau seiner Gemeinde zu heben sucht durch würdige Ausgestaltung des Gottesdienstes, durch Einrichtung von Elternabenden und Gründung von Bibliotheken; e) insbesondere bestrebt ist, Liebe znm Handwerk und zur Bodenkultur zu erwerben und geeignete Elemente diesen Beschäftigungen zuzuführen. Die übrigen Punkte der Tagesordnung fanden rasche Erledigung. Ein gemeinsames Mahl hielt die Theilnehmer noch lange vereinigt. Tichaner, Schriftführer. 22 Berlin, 18. Februar. Aus Vielsache Anfragen theileu wir hierdurch mit, daß in der Rudolf Mosseschen Erziehungsanstalt in Wilmersdorf sämmtliche Knaöenplätze bereits besetzt, dagegen noch einige Mädchenplätze frei sind. — Berlin, l2. Februar. Die hebräischen Sp ra chkurse haben nunmehr begonnen. Dieselben finden statt in der Mädchenschule der jüdischen Gemeinde. Heidereutergasse 5, und zwar in der oberen Abtheilung am Donnerstag, Abends 8 Uhr, in der mittleren am Mittwoch, Abends 8'2 Uhr und in der unteren am Montag, Abends 8^2 Uhr. An diesen Unterrichtsabenden werden auch weitere Anmeldungen entgegengenonuneu. <). Berlin, 8. Februar. Der „ H n Nt an i tä tsv ere j n Gemul Low" einender größten jüdischen Wohlthätigkeitsvereine nicht nur Berlins, sondern auch Deutschlands, versendet seinen dreißigsten i Rechenschaftsbericht. Der Verein, welcher seinen kranken Mitgliedern Arzt, Apotheke. Badereise und 26 Wochen im Jahre finanzielle Beihilfe gewährt und die Hinterbliebenen Wittweu unterstützt, wurde 1872 mit 71 Mitgliedern begründet und zählt heute weit über 700 Mitglieder. Trotz der Ungunst der Verhältnisse hat der Verein auch im vergangenen! Jahre^, in treuer^ Arbeit seine Aufgabe gelöst. Der Verein zahlte! 3430 Mark an Krankengeldern, 1031 Mark für Arznei. Aus der Gustav Michaelis-Stiftung wurden 8 chronische Kranke unterstützt, aus , der Emanuel Blnmeuthal-Stiftuug einer armen Braut einige Hundert Mark bewilligt. Die Darlehnskasse bewilligte 48 Gesuche mit 9350 Mark. Die festlichen Veranstaltungen ergaben einen Ueberschuß von 1227 Mark. Das Vereinsvermögen beträgt 54 931 Mark. Der Vorstand erledigte unter der thatkräftigen Leitung des Herrn Gustav Michaelis die Vereinsgeschäste in 25 Sitzungen. Die vier Vereins- > ürzte behandelten 251 Patienten in 1453 Sprechstunden und 386! Besuchen. Durch deu Tod verlor der Verein im letzten Jahre 13 Mit-! glieder. An Wittweu wurden 4833 Mark Unterstützungen gezahlt- Das Vereiusbnreau befindet sich Kommaudantenstraße 15. Zu seinen immerwährenden Mitgliedern zählt der Verein die Herren Kommerzienrath Eduard Aruhold, Kommerzienrath Martin Friedläuder, Rittergutsbesitzer Richard Israel und Moritz Manheimer; zu seinen Ehrenmitgliedern Rechtsaltwalt Hugo Sonnenfeld in Berlin und Rabbiner Dr. Blumen thal in Ratibor. Berlin, 16. Februar. In den Bestrebungen, die tvirthschastliche und soziale Lage der unbemittelten Klassen zn verbessern und sie vorbeugend im Kampfe ums Dasein zu stützen, wetteifert die private Wohlthätigkeit mit der Fürsorge des Staates und der Gemeinden. Alle menschenfreundlichen Bestrebungen werden zuerst auf Erfolg rechnen können, wenn sie ihren konfessionellen Charakter nicht ganz außer Acht lassen. Für die elternlosen Kinder der Großstadt wird es gewöhnlich so gehaudhabt, daß sie bekannten Lehrherreu überwiesen werden und während der Lehrzeit unter Aufsicht der Waisenverwaltung bleiben. Bei der Berufswahl waren somit stets enge Schranken gezogen. denn die Arbeitskräfte konnten fast nur der großstädtischen Industrie und dem Handel zugeführt werden. Eine Unterbringung der Zöglinge zwecks Erlernung der laudwirthschaftlicheu Betriebe und der Gärtnerei war nur in selteneren Fällen möglich. Hier verdient eine Einrichtung, welche dem Generalkonsul Alerander Simon in Hannover ihr Entstehen verdankt, Erwähnung. „Meine Lebensaufgabe soll es sein, die Heranwachsende großstädtische Jugend dem