Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- Seite 95 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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95 es vor seinem auserwählten Bolke sich zur trockenen Furt zertheilte, die Feinde aber verschlang, denn er war ein Rachegott. Und wieder nach Zeiten, da neigt es sich unter Gottes Fuß zur Brücke, da füllt es segnend der Jünger Netze mit Beute, denn er war zum Gott der Liebe geworden." — Da tönt die Klingel des Steward hell übers Deck. „vivine 86rvieo," sagt Miß Johnson und erhebt sich. „Sie wollen den Juden predigen hören?" fragte ich erstaunt. In ihren blauen Augen zuckt es ein wenig. Ist es etwa Spott? „Ich verstehe Ihr Befremden," sagt sie dann. „Ich habe lange genug in Europa gelebt und kenne eure Ansichten. Wir denken anders in der neuen Welt. Und gar hier auf dem weiten Ozean, da gelten andere Gesetze, da fallen sie von uns ab, die Konvenienzen, die engen, kleinlichen Vorurtheile der Kontinente. Wenn die kleine Schaar im zerbrechlichen Schiff auf fremdem Element zu ihrem Schöpfer beten will, da steht der Mensch neben dem Menschen, und Alle beten zu dem gleichen Gott." „Das ist alles sehr schön. Miß Johnson," söge ich äußerlich ungerührt, obzwar ihre Worte mich bewegen. „Aber ich werde doch auf den Oivine sorvioo verzichten, ich bin auch am Lande nur ein schwacher Kirchengänger." Sie geht, und ich bleibe mit einigen Anderen auf dem stiller gewordenen Verdcck zurück. Aber unwillkürlich wandern meine Gedanken mit hinab in den zum Gotteshause gewordenen Speisesaal, und ich ertappe mich sogar dabei, wie ich mein Gehör anstrenge, ob nicht etwa ein verirrter Laut des seltsamen Gottesdienstes zn mir herauf klingt. Da horch! ertönen auch schon gedämpft, wie aus weiter Ferne, die wiegenden Rhythmen eines englischen Chorals. Wie Gesang der Geister über den Wasser klingt's. Im nächsten Augenblick finde ich mich unten an der geöffneten Thür des überfüllten Saales. Der elegante, aber niedrige Raum ist gedrängt voll. Ta stehen und sitzen sie, die hageren Amerikaner, mit den seelnftgebräunten Gesichtern, die Sturmkappe in der Hand, graziöse Frauen in Pariser Toiletten, rosige Babies mit langen Locken und hübschen altklugen Gesichtern. Rückwärts bescheidenere Gestalten. Kopf an Kopf gedrängt, blasse und frohe Gesichter; die Einen losgerissen von der heimischen Scholle einein neuen Schicksal in einer neuen Welt entgegenzagend — hoffend, die Anderen heimkehrend. Der Mittelraum ist frei. Dort sitzt auf einer Seite der junge Methodistenprediger, der die offene Bibel vor sich hält, aus der er einen Abschnitt vorgelesen, ans der anderen Mr. Harris, Rabbiner aus New-Iork. Jetzt ist der Choral beendet, und der jüdische Geistliche tritt vor zur Predigt. Leise und anspruchslos bespricht er ein alttestamentliches Thema, aber es wird mir unendlich schwer, seinen Worten zu folgen, denn der ganze Vorgang wirkt aus mich, das Kind der alten Welt, wie kein Menschenwort es vermöchte, und vielen anderen Europäern isUs ebenso ergangen, wie sie später verrietheu. Aber das Schlußwort klingt mir noch heute im Ohr, '.veil es die Quintessenz des Ganzen war: Die Religionen sind nicht da, die Menschen zn entzweien, nein, ne zu vereinen! Mir wars als träumte ich, einen schönen lebendigen Traum von einer Zeit, einer Welt, wo aller Haß der Nationalität, der Religion geschwunden, trübselige Mär vergangener Zeiten wäre, wo der Lichtstrahl göttlicher Liebe der Zwietracht Dunkel verdrängt und als eine einzige geläuterte Flamme ans allen Herzen schlügt. - Aber es ist ja kein Traum, es ist Wirklichkeit, greifbare Wirklichkeit. Die da um mich her athmen sind keine Schemen, es sind lebende Menschen, die alle ähnlich denken, empfinden wie ich. O, Triumph der Humanität! So ist es denn möglich, daß Haß und Hader schweigen, daß Frieden aus Erden sei. Das große, gewaltige Meer lehrt es die kleinen Menschen, denen im Getriebe der Kontinente die Seele enge geworden. Mag auch noch Dämmern über der Erde, in vielen Gründen tiefer Schatten liegen, so fliegen doch einzelne Strahlen schon über den Himmel, Berkünder der herrlichen Morgenröthe, und dann kommt sie, muß sie endlich kommen die Sonne der reinen, schönen Menschlichkeit. Mir ist plötzlich, als verstünde ich es recht, das urewige Lied des Ozeans, der um uns seine Weiten, unter uns seine blauen Tiefen breitet, — und unser gutes Schiff erscheint mir nicht die Nußschale mehr. Wie kann im unbeseelten Raume, sei er auch endlos schier, klein und unbedeutend scheinen, was einen Funken in sich trägt von jenem Geiste, der Raum und Zeit besiegt! Litterarische Mitthoi Umgen. Josef Feiner: Kulturelle Bestrebungen innerhalb der deutschen Judenheit. Hamburg 1901. Eine kleine (20 Seiten), aber inhaltreiche Broschüre, welche nächtige pädagogische, ethische und religiöse, vorwiegend jedoch kulturelle Fragen, die gegenwärtig iu der jüdischen Presse vielfach erörtert werden, mit wohlthuendem Freimuth nud eingehender Sachkenntnis bespricht. — Die Sprache ist fließend und zu Herzen i gehend. Man merkt es der ganzen Darstellung an, daß es dein Verfasser heiliger Ernst ist mit der Ermahnung, die er an die deutsche Judenheit richtet, das Erbe der Väter, das jüdische Selbstbewußtsem, uicht iu den Strömungen des modernen Lebens nntergehen zu lassen. Man wird daher das Merkchen, selbst wenn man in mancher Hinsicht anderer Meinung ist, mit großem Interesse lesen. Es hieße den Inhalt der ganzen Broschüre erschöpfen, wollten wir an dieser Stelle die vielen treffenden Bemerkungen des Verfassers und der von demselben citirten Autoren wiedergeben. Wir können es uns jedoch nicht ver-! sagen, die wesentlichsten Punkte hervorznheben, damit dieselben gewissen j jüdischen Kreisen, die sonst dem verderblichen Quietismus verfallen sind-! Anregung und zugleich nützlichen Stoff zum Nachdenken zu geben. 1. Ans! Seite 6 findet sich ein warmer Appell an unsere Glaubensgenossen,! besonders aber an die jüdische Lehrerschaft, dahin zu wirken, daß die jüdische Schule erhalten bleibe. Die Begründung dieser Forderung ist jo einleuchtend, daß kein glanbenstreuer Israelit sich derselben wird verschließen können. 2. Um dieses Ziel zn erreichen, schlägt der Verfasser vor. Familienabende. womöglich allwöchentlich, zu veranstalten, an denen über pädagogische und religiöse Themata ein Meinungsaustausch stattfinden möge, wodurch die schlimmsten Feinde des Jndenthnms, die Unwissenheit und die Gleichgiltigkeit, am wirksamsten bekämpft werden könnten. Sehr wahr ist der folgende Ansspruch des - Verfassers: „Wenn nur die Mütter in Israel erst pädagogisch und! religiös gebildet Habel,, dann sind wir im rechten Fahrwasser."! 8. Daß der Verfasser der Einführung des Handfertigkeitsunterrichts in der jüdischen Volksschule das Wort redet, will uns. trotz der z wohlklingenden Thesen Scherers, die er wörtlich citirt, weniger! gefallen, da der Lehrplan unserer Schulen durch den unentbehrlichen Unterricht im Hebräischen schon schwer genug belastet ist. 4. Viel glücklicher ist der Verfasser da, wo er für die Verbreitung der Boden-