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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-21 · Heft 8 (21.2.1902) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
Seite 94 (sequence 12)
Language
German
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94 LUIULI-ON Schiffsgotlesdienst. Von Rose Julien. Wir Meereswogen sonder Rast nnd Ruh. Wir brausen fort und brausen immerzu. A» ödem Strand, i» nie befahrnem Meer, Ein einzig Lied allüberall umher. Nnd wal wir singen in gewalt'gem Chor Belauschte nimmer noch ei» menschlich Ohr; Zwar mancher Schiffer kommt herangeschwommen. Doch keiner hat's begriffen und vernommen. Robert Prutz: Die Ozeanideu. "orgensoiiuenscheiu liegt über dein weiten blauen Meer. Einem Spiegel gliche die schimmernde Flüche, tanzten nicht unter der köstlichen Morgenbrise ungezählte Kräuselwellchen, zeigte nicht leises, verstohlenes Heben nnd Senken, wie das Athmen einer schlafenden Brust, daß verborgene Gewalten unter der gleißenden Decke ruhen. Aber wer dächte heute an Sturm und Nvth! Himmlisch heiteres, lachendes Bla» ist alles - die Nähe, die Ferne, die Luft und die See. Weißschiminernde Bögel lassen sich spielend und schaukelnd von den beiden sonnendnrchglänzten Elementen tragen, in schießendem Fluge den Aether durchschneidend, gegen die kosenden Wellen des anderen die dannige Brust geschmiegt. Silbern blitzt das Schuppenkleid der springenden Fische. Und sieh, was kommt da von Norden her langsam und majestätisch gezogen, eine schneeige Riesengestalt? Des Winters Grus; vom eisumstarrten Pol, ein Eisberg islls. Wie er hineinpaßt in das sonnige Bild mit seinen blansilbernen Schrunden nnd Klüften, mit den schimmernden Spitzen, um welche lustiges Seegevögel flattert. Lachender Glanz überall, Harmonie der Schöpfung. Und in dem blauen Glast dahin fährt ernsthast dunkel unser gutes Schiff. Ein Koloß will es uns erscheinen, mit den Riesenschloten, die die mächtigen Rauchwolken in den Morgenhimmel senden, mit der gewaltigen Zwillingsschraube, die den Rücken des stolzen Meeres zwingt. Ein Koloß? Und ist doch nur eine Nußschale. Warum ich den oft gezogener« Vergleich wähle? Weil er der beste ist. weil er sich aufdrängt, wenn wir Raum uird Größe im Geiste Wäger«. Und es ist Sonntag an Bord der Nußschale. Weil die gewaltige See freundlich und eben, so sind auch die Deckszenen als Parallelerscheinung heiter und lebensvoll. Darum sind auch die hübschen Dvllarprinzessinnen zur Feier des Tages noch eleganter als sonst nnd in Iri'gll spirits aus der Kajütennacht in den svunigen Morgen emporgestiegen. Wie das plaudert und lacht, - die ocsrm tlirlstiou8 sind schon in vollem Gange. Die Mehrzahl der Passagiere drängt jetzt mit Fernrohren an die Brüstung und späht nach dem langsam dahergleitenden Eisberg aus, dem Zeugen der hehren Polareinsamkeit, den die lockende Sommersonne aus seinen Breiten entführt hat, uird der dem gewissen Ende im weiten, unendlichen Meere entgegenzieht. Dutzendweise liegen die Kodaks im Anschlag, und auf lichtempfindlichen Platten aller Formate wandert bald das Bild des weißen, verirrten Riesen in die Welt hinaus. 0 tsmpvr a, o mm eg! Wie ich so über das Deck schlendere, zwischen dem Lachen und Plaudern nnd Flirten dahin, kommt ein geschäftiger Steward gelaufen und klebt mit eiliger Hand bescheidene Anschlagzettelchen an die dicken Säulen, die das Dach des Promenadendecks stützen. Ich trete näher, da steht: Gottesdienst um 11 Uhr im Speisesaal. „Wer wird den Gottesdienst halten?" frage ich Einen, der neben mir steht nnd auch den Anschlag liest. „Der Rabbiner, der unser Reisegenosse ist." „Ist es denn nicht christlicher Gottesdienst?" frage ich dagegen erstaunt. „üivink serviee steht hier," sagt der Andere. „Aber es sind so viel mehr Christen an Bord als Juden, weshalb wählt man nicht den jungen Methodistenprediger?" „Er läßt dem so viel älteren Amtsbruder den Vorrang." „Aber ein Jude —" Der Aridere unterbricht mich und sieht mich halb lächelnd von der Seite an: „Sie waren noch nicht in Amerika?" Ich verneine. „I IlrmiZt 8v," sagt er nnd geht davon, immer dasselbe überlegene Lächeln auf dem Gesicht. Dies Lächeln hat etwas an sich, das mich empört, — ich habe es oft an Amerikanern bemerkt gegenüber allerlei Sitten nnd Gepflogenheiten des „oill eouiitr^". Ich denke, daß Großeltern sich ähnlich empört fühlen über frühreife Enkel, wenn die altklugen Dinger sich erlauben „altmodische" Gepflogenheiten der ehrwürdigen Vorfahren zu belächeln. Aber wer wird sich am heutigen Morgen die Laune stören lassen! Ich lenke meine Schritte nach unserer gemüthlichen Plauderecke, ivo die offenen Arme meines Deckstuhles schon auf mich warten, und wo wir in fröhlichem Kreise uns über die Länge der Reisetage hinwegzutäuschen suchen. Aber heute ist's hier öde und leer um des Eisbergs willen. Nur die vielgereiste Miß Johnson sitzt dort, die den Ozean zum zehnten Male kreuzt; tlw „globe-t, otter" nennen wir sie. Wir sind bald mitten im gewohnten „ebat". „Sountag auf dem Meere," sagt sie nachdenklich. „Wie feiert man ihn daheim bei uns in der neuen Welt! Wie drückt er allem sein Gepräge auf! Hier auf dem fremden Element sind wir so klein, so einsam, wir Menschen mit den Sitte» und Gewohnheiten der Kontinente." „Gerade diese Empfindung kann uns zum Segen, zum Fortschritt der Erkenntniß dienen. Der Ozean singt sein ewiges, uraltes Lied für den, der Ohren hat zu hören. Seit Jahrtausenden haben die Völker gelauscht. Sie haben es alle anders aufgefaßt, das alte Meer, ihrer spezifischen Eigenart entsprechend." „Aber Allen erschien es als furchtbare, dämonisch wilde Urkraft. Bedenken Sie, wie unsere Vorfahren, die Germanen, in seinen Tiefen die Midgardschlange dachten, die Länder zerstörte. Inseln begrub, wenn sie in zornigem Zucken das Wasser peitschte." „Aber den schönheitssreudigen Griechen war es auch der Schönheit Wiege, und im .weißen Schaum fernspielender Wellen sahen sie die schneeigen Glieder der Neroiden, weißschimmernder Rosse Mähnen. Dann dämmerte der Glaube an den einigen Gott herauf, dessen Wille das wilde Element bezwang, daß

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