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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-21 · Heft 8 (21.2.1902) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
Seite 86 (sequence 4)
Language
German
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86 8. So wenig die Gesammtheit der Christen verantwortlich ist für Verstöße Einzelner gegen Staats- und Sittengesetz, so wenig kann das Judenthum die Ausschreitungen einzelner Israeliten hindern oder verantworten. Jeder Jude weiß, daß ein eingewurzeltes Vorurtheil für seine Fehler die Gesammtheit seiner Glaubensgenossen zur Rechenschaft zieht, und daß es ihm deshalb mehr als jedem anderen Volksgenossen obliegt Selbstachtung und Selbstzucht zu übe»:. 9. Nur die Zusammenfassung aller im deutschen Volke vorhandenen sittlichen und geistigen Kräfte hat Deutschland zur Einheit und Größe geführt. Diese Güter zu wahren, ist Pflicht jedes Patrioten. 10. Niemand darf zurückgewiesen werden, der für das Vaterland Gut und Blut, geistigen und sittlichen Besitz einsetzt mag er Jude oder Christ, arischer oder semitischer Abstammung sein. Höher als alles steht das Vaterland; das Heil des Vaterlandes aber beruht auf Gerechtigkeit. Soweit die zehn Thesen. Wir wollen den Eindruck dieser mannhaften und schönen Worte für heute durch keinen Kommentar abschwächen, behalten uns aber vor, ihren Werth noch im Einzelnen hervorzuheben. Ueberall da, wo die antisemitische Hetze tobt, sollten diese Thesen als Flugblätter verbreitet werden. Auch empfiehlt sich je nachdem die Veröffentlichung des Inhalts den Lokalblättern. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich durch die Bearbeitung dieser Thesen ein Verdienst erworben, das allerorten dankbar anerkannt werden wird. Die Woche. Berlin, 19. Februar. die letzte agrarische Heerschau irn Cirkus Busch ging nicht ohne antisemitische Ergüsse ab. Das gehört 0^ nun einmal dazu und würzt die Unterhaltung. Ein Herr Bock-Gr. Brietz sprach über das Börsenwesen und machte sich dabei über „die Kinder Sobernheims" lustig, indem er meinte: „Ebenso werden wir es erleben, daß die Sozialdemokratie unter international jüdischer Führung als zuverlässigste Börsenschutztruppe sich erweisen wird." Ein Herr Sümmermann-Schade sprach über den Zolltarif. Den Schluß machte folgende liebliche Wendung: „Soweit es in unseren Kräften steht, wollen wir dem Groß, kaprtalismus und Jndenthum entgegeristehen. Wir müssen diesen Tarif ablehnen, das ist eine patriotische That." Voll den weiteren Herren, die sich oratorisch bethätigteu, schilderte ein Herr Schindler-Posen die Noth der Landwirthschaft: „ES sei kaum zum Aushalten. Die Herren, die die Landwirthschaft vernichten wollen (Ruf: Juden), schwingen die Peitsche über uns und möchten am liebsten jedem Landwirth einen Ring durch die Nase ziehen. (Beifall und Heiterkeit.) So kann es nicht weitergehen! Sonst müssen wir, wie die Juden einst ihre Harfen, unsere Pflugscharen an die Weiden hängen und weinen." (Beifall und Heiterkeit.) Der Versammlung der agrarischen Habebald, Eilebeute und Haltefest gab schließlich der stürmisch begrüßte Herr Liebermann v. Sonnenberg mit dröhnender Stimme seinen Segen. Habeunt sibi! r Einige Kleinigkeiten aus den Zeitungsnachrichten dieser Woche! Der Erzbischof Stablewski von Posen hat in seinem letzten Hirtenbrief sich gegen „den Rassenhaß" entschieden aus. gesprochen. Hoffentlich merken sich dies die polnischen Aut - serniten! Der Agrarierführer Dr. Oertel hat im Reichstag, gesagt: „Ich möchte mich ganz entschieden dagegen wenden, daß mau de i tz 166 gelinder auffasse, daß man dem Begriff der Gotteslästermil, wie er dort gegeben ist, engere Grenzen ziehe. Ich möchte imGeger theil dringend davor warnen. Wir erleben es säst täglich, daß die Presse hart an die Grenze dieses Paragraphen streift. Wir müssen fast täglich Dinge. Sätze. Ausführungen. Gedankengänge lesen, d e nach unserer unbeeinflußten, vorurtheilssreien Meinung Gottes lästerungen, Kirchenlästernngen, Angriffe gegen Religiousgesellschafte' sind. (Sehr richtig! rechts.)" Hoffentlich merken sich das die konservativ-agrarischer Blätter! In der badischen Zweiten Kammer gab es am15. d. M eine kleine Judendebatte. Und zwar anläßlich der Petitivi, zweier jüdischer Metzger in Gailingen um Rückvergütung de Steuer für nach der Schweiz ausgeführtes koscheres Fleisch Der Antrag ging auf Ueberweisung zur Keiintnißnahme, uni die Regierung sagte eine Prüfung der Frage zu, ob ein- Kontrolle möglich sei, um die Rückvergütung zu bewerkstellige» Der antisemitische Abgeordnete Mampel wendete sich gegei die Petition und meinte, in der Schweiz, wo das Schächte, verboten, würde es beunruhigend wirken, wenn von Deutsch land die Einführung koscheren Fleisches erleichtert würde. Mi feinem Humor wies der Berichterstatter Abgeordneter Rvhrhnrs den Gedanken einer Beunruhigung der Schweiz zurück unt meinte sehr richtig, daß gewisse Namen, wie die der Petenten allerdings auf manchen Menschen beunruhigend wirkten Gegen den Antrag der Kommission auf Ueberweisung zw Kenntnißnahme stimmten neben Mampel auch noch der konser vative Abgeordnete von Stockhorner und der nationalliberab Abgeordnete Dreher! 4 Der wegen „Ritualmordversuchs" angeklagte Barbie, David Blondes in Wilna wurde sreigesprochen. Damit is. wieder eine Blutlüge aus der Welt geschafft und ein Un schuldiger vor dem Verhängniß gerettet worden. Im heilige, Rußland will das nicht wenig bedeuten. Der Prozeß, welche, vor zwei Monaten vertagt werden mußte, da zu wenig Ge schworene erschienen waren, hatte am 10. d. M. wieder begonnen Der Gerichtshof bestand aus 4 ordentlichen Richtern uni 12 Geschworenen. Geladen waren 6 Sachverständige unt 65 Zeugen, von denen aber 10 nicht erschienen waren. Die Ver Handlungen wurden unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführ! Der Prozeß nahm 5 Tage in Anspruch. Das ist das wichtigst Ereigniß dieser Woche. — Im klebrigen wird noch gemeldet, da> die neue Jndenkommission, welche seit etwa sechs Monate unter dem Vorsitz des Gehülfen des Ministers des Inner, Dnrnowo, tagt, wie russische Blätter zu melden wissen, scho im September d. I. mit ihren Arbeiten fertig werden sol. Die frühere Judenkommission unter dem Grasen Pahlen könnt bekanntlich in 20 Jahren mit der schwierigen Materie nicht serti werden. Die unheimliche Schnelligkeit, mit welcher die vv kaum sechs Monaten eingesetzte Kommission hier arbeitet, is geradezu beängstigend, und erweckt den Verdacht, daß sie vor Pobedonoszew bestellte Arbeit leistet. *

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