Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1902)
- Date
- 1902-02-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 8. Allgemeine Berlin, 21. Februar 1902. eitung öes Zuö mlhuins. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet Nadbiner N* Ludwig Vertags-Grpedition: Berlin, Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements. Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. von Phttippson-lvomr. Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judenthums", Berlin 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. ÄNhltÜ. Leitartikel: Zehn Thesen gegen den Antisemitismus. — Die ^oche. — Aus dem Elsaß. — Moses Blumenfeld. Ein Gedenkblatt. Von Rabbiner?r. Samuel-Essen. I. — Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, voll Hollsion 'tewart Chamber la in, beleuchtet von Dr. Schuster in Aachen. — Ist : er in Bezug aus die zukünftige Lage der Juden herrschende Pessimismus gerechtfertigt oder nicht? Von Joseph Baum in Wiesbaden. I.— Feuilleton: 2chiffsgottesdienst. Von Rose Julien. — Kitterarische Mitthetlungen. — <prechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Königsberg i. Pr., AuS Westpreußen, Aus der Provinz Posen, Von der Ruhr, Mn, Kassel, Wiesbaden, München, Nürnberg. Wien. — Bon Nah und Fern. Miseellen. - Geschäftliche Notizen. Zehn Thesen gegen den Antisemitismus. Berlin. 18. Februar. (Z^as alte Wort, daß der Mensch dem Menschen ein Gott sein kann, hat sein Gegenstück in der Umkehrung, daß oft der Mensch gegen seinen Mitmenschen wie ein Wolf domo Immun lupus) handelt. Von verschiedenen einsichtigen Mnnern wird bereits offen ausgesprochen, daß unser Zeitabschnitt nicht gerade zu den göttlichen gehört. Namentlich in oen größeren Städten, wo sich der Erwerbskampf rascher abpielt, zeigt sich heute ein ständiges gegenseitiges Aufeinanderhacken, Ellenbogendrängen — geh weg, laß mich hin — und chon bei den Kindern eine Aufsässigkeit, bei den Erwachsenen ine sich offen gebende Genußsucht, daß Denen, die den tief itttichen deutschen Idealismus von ehedem »och kannten, wohl um die Zukunft angst und bange werden kann. Ein großer Theil dieser Jugend lernt: „Sieh, wie du vorwärts kommst" und alle Idealität, Menschlichkeit und Menschenachtung ist überwundener Standpunkt," nnd auf diesem also vorbereiteten öoden gedeiht dann schnell die Gemeinheit des Antisemitismus. :üir Inden sind dabei noch durchaus nicht am schlimmsten aran. Wir sind, wenn auch ein wichtiger Faktor aller Kultur on jeher, schließlich doch nur ein kleiner Bruchtheil der Menschheit. Wir bekämpfen die Verrohung, weil sie die Menschheit und ihre heiligsten Güter schädigt. Wenn die iemüther in dem Marktgedrünge der Weltstadt verdorren, so äffen wir, daß auf dem Herde des jüdischen Hauses noch ein unliges Feuer lodert, und daß das jüdische Herz auch durch die überall offen zu Tage tretende Selbstsucht, die in den kämpfen um die Herrschaft im Staate sich immer mehr öffentlich brüstet, weitaus am wenigsten geschädigt wird, vaben uns doch Jahrtausende lange Qualen das Gemüth nicht > erbittern können! Wir sollen uns aber auch nicht aus Be- - uemlichkeit vor den nun einmal vorhandenen Kämpfen des öffentlichen Lebens feige znrückziehen. Die Politik Derer, die alles, was auf uns eindrängt, todtschweigen wollen, erinnert an die Geschichte jenes Bauernbnrschen: „Vater, der Gaul ist krank." „Sei still, Junge, sonst merkt er's." So war es denn eine hohe sittliche That, als eine Reihe unserer hervorragendsten Männer die Grundsätze der jüdischen Sittenlehre in Thesensorm ausarbeiteten und mit den Unterschriften unserer Rabbiner und Religionslehrer weithin verbreiteten. Dem gemeinen Bodensatz des Tages, wie er in der antisemitischen Agitation zu Tage trat, stellten wir unsere unvergänglichen heiligen Grundlehren entgegen. Bald zeigte es sich, daß sich auch in unseren Tagen die alte Geschichte von Bileam wiederholen kann. Während draußen Flüche erschallen, drängte sich ein großer Theil der bereits abwendig Gewordenen zurück zu den Segnungen der Zelte Jakobs. Für unsere Jugend ist und bleibt der beste Leitsatz: „Etwas mehr Distanz, etwas mehr Jndenthum," damit sie nicht in dem allgemeinen Strom an Leib und Seele geschädigt werde. Für die Männer aber wäre Zurückweichen vom Uebel. Mit Recht heißt es, daß wer schweigt, zuzustimmen scheint. In zahlreichen antisemitischen Versammlungen streben judenseindliche Redner die Gemüther zu verwirren, sie haben antisemitische Thesen ausgestellt und wirken durch massenhafte Verbreitung von Flugblättern. Als ein wirksames Mittel zur Abwehr hat daher der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens jetzt folgende 10 klare und trefflich abgefaßte Leitsätze aufgestellt: 1. Die Grundbedingung für Staat und Gesellschaft bildet das Recht. 2. Die Bekämpfung und Unterdrückung etiler vom Staate anerkannten Neligivnsgesellschaft und ihrer Anhänger, auch wenn sie die Minderheit im Staate bilden, widerspricht dem Rechtsbewllßtsein jedes gesitteten BolkeS. 3. Die Uebung der jüdischen Religion und ihrer Sittenlehre widerspricht in keinem Punkte den sittliche» Grundsätzen des modernen Staates; Geheimlehren kennt das Jndenthum nicht; also ist es Rechtens, die Inden den Bekennern der christlichen Religion in staatsbürgerlicher und gesellschaftlicher Beziehung gleichznstellen. 4. Der Antisemitismus verletzt das Grundgebvt der Nächstenliebe, das der christlichen und jüdischen Religion gemeinsam ist. ö. Der Antisemitismus nrtheilt und handelt durch Haß geblendet; er geht vvm Recht zur Rechtlosigkeit und führt zum Anarchismus. 6. Wer den Antisemitismus fordert, macht sich zum Mitschuldigen seines frevelhaften Treibens, wer ihn bekämpft tritt für Ehre und Wohl seines Vaterlandes ein. 7. Den Glauben seiner Väter hochzuhalten, ist Ehrensache; das gilt in gleicher Weise für Inden wie für Christen.