Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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Nette Zustände scheinen in dem Weltkurort Karlsbad zu herrschen. Die gehässige, gegen die Inden gerichtete Agitation der alldeutschen Partei droht sehr üble Folgen für die dortige Frequenz des Kurortes nach sich zu ziehen. Die Karlsbader Antisemiten haben bereits versucht, den Boykott in Karlsbad einzuführen. In der konstitnirenden Sitzung der Frauen-Ortsgrnppe des „Bundes der Deutschen", welche in, Dezember stattsand, erklärte der Karlsbader Bürgerschullehrer und Landtagsabgeordnete Hofniann. er werde die deutschen Frauen und Mädchen rufen und ihnen sagen, daß sie ihre Kleider nicht bei gewissen Asiaten, ihren Kaffee nicht bei den Fremdlingen, den Israeliten, kaufen sotten. Derselbe Herr nannte die Karlsbader Juden „Menschen mit degenerirter Moral". Di« Mitglieder eben dieser alldeutschen Partei sind aber während der Kurzeit von April bis Oktober ängstlich bemüht, den jüdischen Kurgästen gegenüber auf das Entschiedenste in Abrede zn stellen, daß sie Antisemiten seien. Trotzdem ist es nicht zu verhindern, daß das Ausland, und namentlich Deutschland, von dem die Frequenz des Kurortes vorwiegend abhängt, von diesen Verhältnissen nicht blos Kenntniß erhält, sondern auch berührt wird. Die Wirksamkeit dieser Partei, der auch Mitglieder angeboren, welche, wie erwähnt, zur KurzeiL die triftigsten Gründe haben, diese ihre Parteistellnng zu verbergen, droht eine ernste Gefahr für die kurörtlichen Interessen der Stadt zu werden. Katholische Blätter in Deutschland haben auch schon Anstoß genommen, daß Karlsbad Förderer der „Los von Nom"-Bewegung zn Abgeordneten wählte, und die deutschen Katholiken anfgefordert, wenn sie die Wahl zwischen Karlsbad und einem anderen Kurorte haben, Karlsbad zu vermeiden. Die Juden mögen daraus ihre Schlüsse ziehen. Es geht nicht an, daß in Badeplätzen mit vielen jüdischen Kurgästen Antisemitismus getrieben wird. Don Nah und Fern. — Dr. Heinri ch M e y er Cohn hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Ans der bei der Akademie der Wissenschaften bestehenden Hermann und Elise Wentzel-Heckmann-Stiftung hat das Kuratorium 4500 Mark bewilligt für die zweite im Jahre 1902 auszuführende Reise des Professors Dr. A. Philippson-Boun in Kleinasien. Im Vordergründe seiner bisherigen Arbeiten stand die geologische und morphologische Erforschung des Landes. — Die Wittwe des Geheimen Kommerzienraths Liebermann, Frau Mart Hilde Liebermann, geborene Grünbaum, ist im 88. Lebensjahre hier gestorben. — Wegen Beleidigung der Frau des Bnchdruckereibesitzers Lehmann in Könitz, Martha, geborene Hoffmann. war am 22. Mai v. I. der Redakteur des „Satyr", Dr. Alexis Schleimer vom Schöffengericht zu 000 Mark Geldstrafe event. 60 Tagen Gefängniß verurtheilt worden. Das Urtheil hat s. Z. berechtigtes Aufsehen erregt. In der Bernssiristanz wurde die Strafe auf die Hälfte ermäßigt. — Der Redakteur der „Staatsbürger-Zeitung". H. O. Böckler, hat sich, wie wir mittheil ten, mehrfach gegen ihn erhobenen Beleidigungsklagen durch Ausbleiben von den Verhandlungsterminen entzogen; in der letzten Klagesache war auch schon seitens des Gerichts der Erlaß eines Steckbriefes in Erwägung gezogen worden. Wie die „Antisemitische Korrespondenz" jetzt mittheilt, hat Böckler seine Nedaktionsstellung bei der „Staatsbürger-Zeitung" aufgegeben und feinen Wohnsitz nach Wien verlegt!! — Dr. med. Mannheimer in BeutHeu ist einstimmig wieder zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt worden. — In den Vorstand der Handelskammer für den Regierungsbezirk Oppeln ist der Kaufmann L. Grün seid in Beuthen wiedergewählt worden. — Rabbiner Dr. P. Neustadt in Breslau hat anläßlich seines Jubiläums den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Der Fabrikant Gustav Bodenheim in Kassel hat den Titel Kornmerzienrath erhalten. — In dem Orte Harsweg, Kreis Emden, ist Herr L. Cohn durch das Vertrauen seiner Mitbürger zum Bürgermeister gewählt worden. — Ein süddeutsches orthodoxes Blatt beschwert sich mit Recht darüber, daß in der jüdischen Presse so viele getaufte Inden, oft sogar mit Ehren, genannt werden. Speziell anläßlich des Todes der Warschauer Phitautropen I. C. Bloch, der übrigens sein Testament mit den Worten eingeleitet haben soll: „Ich war mein ganzes Leben lang ein Jude und sterbe auch als Jude." Dabei Passiert aber demselben Blatte das Malheur, unmittelbar vorher die Dekorirung eines getauften Juden in Stuttgart zu melden. Auch „.I6>vi8li (llwomele" berichtet in dieser Woche sehr ausführlich über den längst getauften KouzerLdirektor Hermann Wolff. — Das Gouvernement der Festung Metz entsprach einem Gesuche des „Israelitischen Konsistoriums von Lothringen", wonach von jetzt ab die jüdischen Soldaten der Metzer Garnison monatlich einmal den Sabbath-Morgengottesdienst der Synagoge besuchen müssen. — Wie von der russischen Grenze gemeldet wird, hatte sich der Bankier Wolf Cohn in Kali sch vor wei Wochen aus seiner Wohnung entfernt, ohne wiederzukehren. Jetzt wurde im Prosnafluß ein zugenähter Sack gefunden, worin sich die Leiche des Vermißten befand. Die Leiche war stark zerschlagen. Vom Mörder fehlt jede Spur. — — In der Hauptstadt F in nla n ds leben zur Zeit 496 Juden (78 Männer. 92 Fronen und 326 Kinder). Ihrer Beschäftigung nach sind von ihnen 56 Kaufleule, (davon 40 Kleiderhändler) und 21 Handwerker. von den wiederum 12 Schneider sind. Man sieht, auch in Helsingfors werfen sich die jüdischen Emigranten in erster Reihe auf die Bekleidungsindustrie. — Wie russische Blätter melden, soll der Verein zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden beabsichtigen, in Rußland eine Hochschule zu errichten, in welcher alle infolge der bekannten „Norm" von den russischen Universitäten zurückgewieseneu jüdischen Abiturienten Ausnahme finden sollen. Dem Verein haben sich bereits andere Gesellschaften. Gelehrte und reiche Privatpersonen angeschlossen, welche bereit sind, den Plan moralisch und materiell zn fördern. Es handelt sich nur noch um den Wirth, ohne den die Rechnung nicht gemacht werden kann. Man spricht davon, daß die Juden unter Umgehung des ihnen feindlich gesinnten Kultusministers Wannowski sich mit ihrem diesbezüglichen Gesuche direkt an höchste Personen wenden wollen.— Wie uns ans Zürich gemeldet wird, ist zum Rector der Universität der Professor der Jurisprudenz Dr. Georg Cohn gewählt worden. Professor Cohn, der von Heidelberg nach Zürich berufen worden, entstammt einer bekannten Breslauer Gelehrtenfamilie. Er ist ein Bruder des berühmten Augenarztes Professor Hermann Cohn. — Der Oberstleutnant Valabreque in Paris ist znrn Oberst ernannt worden. Der Finanzinspektor und Direktor im Kolonialministerium, M. Bloch in Paris, ist zum Staatsrath ernannt worden. — Der „Malin" erzählt, daß Alfred Dreyfns im Hanse Edm ond v. Rothschilds auf dem Boulevard Haußmann eine Wohnung gemiethet hatte, während Rothschild sich ans einer Tour seiner Dacht in Australien befand. Als Edmond v. Rothschild von dem Miethsvertrag erfuhr, löste er ihn sofort telegraphisch. — Fonrteau^ der Vorsteher des staatlichen Lycenms Janson de Sailly in Paris ist abgesetzt worden, weil ein Schüler der Anstalt, ein Sohn eines höheren Beamten, von seinen Mitschülern mit antisemitischen Redensarten verfolgt und mißhandelt wurde, ohne daß der Vorsteher energisch eingriff. Ebenso soll der Schulinspektor, der das Lyceum zu beaufsichtigen hatte, abgesetzt werden. — In der Sitzung des Vorstandes der Vereinigten Synagogen von London besprach Sir Samuel Montagu die eben veröffentlichten Resultate der 1901 in England vor ge n o rn rn en e n Volkszählung. Die Zahl der Fremden in London betrug 135 377 gegen 95053 bei der Volkszählung im Jahre 1891. Die Zahl der Fremden hat also in London im Verlaufe von zehn Jahren nur um etwa 40000, 4000 jährlich zngenommen, während die Gesammtbevölkernng Londons in derselben Zeit um 308000 zngenommen hat. — In dem Empfangskomite für den Prinzen Heinrich in New York befinden sich Jacob H. Schiff. James Speyer. Jsaaf Selig mann. Die Mitglieder dieses Ausschusses beabsichtigen, die Kosten für den Empfang des Prinzen irr Newyork ans ihren eigenen Mitteln zu bestreiten. — Der aus Suwalki stammende Rechtsanwalt Grünbaum m Newyork ist zum Mitglied des obersten Gerichtshofs ernannt worden. Das Amt eines „^ustiee ok tbe Lupreme 0onrt" ist eins der wichtigsten und besthonorirten Aemter. Die Wahl erfolgt ans volle vierzehn Jahre. — In den Kohlen- und Eisengruben von Cape Brit on und Neufundland, welche durch die von der Dominion Steel Company of Kanada errichteten Hochöfen einen mächtigen Aufschwung genommen haben, arbeiten jetzt gegen gute Bezahlung Hunderte von rumänischen jüdischen Auswandererin Um diese jüdischen Bergarbeiter gruppirte sich bald eine weitere Anzahl rumänischer Flüchtlinge, welche nun im naheil Glace Bay eine große jüdische Gemeinde bildeten. Dieselbe besitzt in der Person des Herrn I. Jacobsohu einen Rabbiner und ist gegenwärtig im Begriff, eine schöne Synagoge zu bauen. Ein Beweis, daß die rumänischen Juden nicht blos Kanfteute und Händler, allenfalls noch Schneider und Schuster zn sein verstehen. - Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.