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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-14 · Heft 7 (14.2.1902) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 und suchte dieselben in längerer Darlegung zu präzisiren. Nach einer eingehenden Debatte, an der anher den Referenten insbesondere der Vorsitzende und die Herren Dr. Münz-Gleiwitz und Dr. Emmerich- Beuthen sich betheiligten, wurde Dr. Kopsstein ersucht, seine Ausführungen in Thesen zusammenzusassen und dieselben der nächsten Versammlung, in der auch die Organisationsfrage auf die Tagesordnung kommen werde, zur weiteren Berathung vorzulegen. Dr. Münz hielt nun ein Referat über israelitische Jünglingsvereine. Er wies auf die in der Gegenwart sich geltend machenden Bestrebungen hin, für die geistige und religiöse Entwickelung der schulentlassenen Jugend Sorge zu tragen. Wir Juden', wären dabei im Hintertreffen geblieben. Nachdem der Referent Zweck, Ziele und Organisation eines israelitischen Jünglingsvereins geschildert, kam die vo>l ihm gestellte Resolution zur Annahme: „Zur Stärkung des religiösen und sittlichen Geistes bei der jüdischen Jugend und um bei ihr ein edles mannhaftes Selbstbewußtsein als Israeliten zu wecken und zu erhalten, erklärt der oberschlesische Rabbinerverband die Gründung von israelitischen Jünglingsvereinen als ein ersprießliches und segensreiches Werk." Zwei Referate, welche Dr. Loewenthal - Tarnowitz und Dr. Norden-Myslowitz halten sollten, mußten wegen vorgeschrittener Zeit von der Tagesordnung abgesetzt werden. o. Gleiwitz, 3. Februar, Der Frauenverein der Synagogengemeinde hatte am Sonntag seine Generalversammlung abgehalten. In Vertretung der ersten Vorsitzenden Frau Jenny Schlesinger. die in tiefer Trauer um ihren Heimgegangenen Gatten dem Feste sernblieb, leitete die zweite Vorsitzende Fran Direktor Paula Zuckerkandel die Versammlung. Nachdem Frau Zuckerkandel die zahlreich erschienenen Damen sowie die geladenen Ehrengäste begrüßt hatte, widmete sie in zu Herzen gehender Rede Worte inniger Pietät den Angedenken der beiden verstorbenen Mitbürger Herrn Adolf Schlesinger und Herrn Herrmaiin Fröhlich, die in werkthätiger Menschenliebe und in edler humaner Gesinnung dem Vereine das wärmste Interesse allezeit entgegenbrachten. Aus dem Jahresbericht entnehmen wir, daß der Verein, der 354 Mitglieder zählt, auf eine überaus ersprießliche segensreiche Wirksamkeit zurückblickt. Auf mannigfacheil Gebieten humanitärer und gemeinnütziger Thätigkeit, in der Krankenpflege, in der Entsendung siecher Kinder nach Heilstätten, in der Verabfolgung von Geld und Materialien an bedürftige Familien, in der Ausbildung von jungen Mädchen im Handarbeitsunterricht, sind ausgezeichnete Leistungen zu verzeichnen. Besonders ist die neue Einrichtung der Kindersparkässen hervorzuheben. Das Kind soll dem Kinde helfen. Das Ergebniß der Kindersparkassen ist dazu verwendet worden, armen schwächlichen Kindern im Sommer Kurgebrauch oder Landaufenthalt angedeihen zu lassen. Aus dem Kassenbericht, den die Rendantin Frau Emma Bujakowski erstattete, ist zu entnehmen, daß die Vereinskasse im Berichtsjahre eine Einnahme von 8088 Mk. 98 Pf., worin der Ertrag einer Wohlthätigkeitslotterie miteinbegriffen ist, und eine Ausgabe von 6165 Mk. 50 Pf. zu verzeichnen hat. Nach Erledigung des geschäftlichen Theiles hielt ein solennes Festessen die Versammelten noch lange Zeit beisammen. Der Gemeinderabbiner Herr Dr. Münz und der Gemeindevorsteher Herr Rechtsanwalt Schüller widmeten Worte der Anerkennung der unermüdlichen Thätigkeit des Vereins und der Vorstandsdamen und wiesen mit markigen Worten aus die idealen Ziele hin, die von Allen in treuer, menschlich edler Gemeinschaft erstrebt werden. Eine Festvorstellung beschloß die schönen, gemüthvollen Stunden. — Köln, 9. Februar. Am 2. d. M. wurde auch hier ein Lokal- Komitee des „Hilfsvereius der deutschen Juden" konstituirt, und die Gründung eines Provinzialkomitees für Rheinland- Westfalen ist irr die Wege geleitet worden. Zu der von den hiesigen Mitgliedern des Centralkomitees einberufeneu Versammlung hatten sich gegen 30 hiesige Herren sowie die Vertreter von ungefähr zehn auswärtigen Gemeinden eingefunden; eine ganze Reihe der Letzteren hatte ihr Einverständniß mit den Zielen des Vereins ausgesprochen. Herr Albert Simon. Mitglied des Ausschusses des Hilfsvereins, der den Geschäften bisher vorgestanden, wird den Vorsitz auch weiter führen. In den Vorstand wurden außer den Mitgliedern des Centralkomitees, den Herren I. Dülken, Rechtsanwalt C. Eltzbacher und Rabbiner Dr. Rosenthal, gewählt die Herren: Dr. med. Auerbach, Louis Eliel und Landgerichtsrath Rothschild. Die übrigen Mitglieder des Lokalkomitees sind die Herren: Emil Blumenau, Rechtsanwalt Ludwig Cahen I., Hanptlehrer Coblenz, Leonhard Erncuiuel, - B. Feilchenseld, Amtsgerichtsrath Fleck, Alex Ganz, Hermann Hertz. Herrn. Jonas, Bernh. Koßmaun, Moritz Levh jr., Otto Liebmann, Amtsgerichtsrath Löwenherz, Rechtsanwalt Dr. Mannheim. Dr. med. Moses, PH. Neckarsnlmer, Rabbiner Dr. Plato, Sal. Simon, Jos. Stern, Jak. Strauß. Dr. med. Wallerstein, D. Wolffsohn und PH. Wulff. Diese Namen bürgen dafür, daß der Verein auch hier zu hohem Ausehen gelangen wird. Alts Badert, im Februar. In jüngster Zeit wandte sich eine Anzcch israelitischer Volksfchullehrer, die 10 bis 19 Jahre im badischen Schuldienste (des badischen Musterlandes) nichtetatsmäßige Stellungen bekleiden, an den grobherzoglich badischen Oberschulrath mit der Bitte um Besserung ihrer ganz prekären Lebensverhältnisse <900 Mark Jahresgehalt), bezw. um Gleichstellung mit ihren christlichen Kollegen, die mit durchschnittlich 8 bis 10 Dienstjahren in Hanptlehrerstellen einrücken. Das in Frage stehende Bittgesuch wurde von seiten des großherzoglich badischen Oberschulraths dahin beschieden „daß inan die Nachtheile nicht verkenne, welche das fortschreitende Eingehen israelitischer Hauptlehrerstellen in Landgemeinden infolge Wegzugs der Israeliten in die Städte für die dermalen in nicht etatsmäßiger Stellung verwendeten israelitischen Lehrer im Gefolge haben muß, daß man aber diesem Uebelstand ans dem von den Bittstellern vorgeschlagenen Wege nicht zu begegnen vermöge, da die Verhältnisse immerhin nicht der Art seien, daß sie eine besondere gesetzliche Maßnahme rechtfertigen könnten, außerdem mit den grundsätzlichen Bestimmungen des E. U. G. im Widerspruch ständen n. s. w.". Dabei ließen es die betreffenden Herren naturgemäß nicht sein Bewenden haben. Aus dem in jedem geordneten Staate geltenden Grundsätze „gleiche Pflichten, gleiche Rechte" fußend, wonach dem israelitischen Lehrer das Recht zusteht, vom Staate, in dessen Dienst er einmal Ausnahme gefunden und dem er ein oder zwei Jahrzehnte treu gedient hat, zu verlangen, daß er für israelitische Nuterlehrer in gleicher Weise wie für christliche Amtsgenossen Sorge trage, haben jene Herren ganz neuerdings an die gegenwärtig tagenden badischen Landstände einen Appell in dem oben bezeichneten Sinne gerichtet. Sollte auch dieser von ihnen nothgedrungen gethanene Schritt nicht von dem zielbewußt angestrebten Erfolge begleitet sein und auch der großherzoglich badische Oberrath der Israeliten die ihm allvertrante Wahrnehmung der Interessen des badischen Judenthnms im vorliegenden Falle verabsäumen, so daß die gegenwärtig nicht etatsmäßig angestellten israelitischen Lehrer zeitlebens zu Unterlehrern veru^rtheilt erscheinen, so wird dadurch für das badische Jndenthnm eine Kalamität von größter Tragweite heraufbeschworen werden. Es werden in Hinkunft badische Israeliten sich nie wieder dem Lehrerberufe widmen und der Religionsunterricht, der dem Judenthum — anerkanntermaßen — zur Zeit mehr Noth thut denn je, wird, wenn dessen Fortbestand überhaupt noch möglich, in die Hände Unberufener oder zum mindesten Solcher übergehen, die mangels nöthiger seminaristischer Vorbildung die israelitische Jugend nimmermehr im Geiste echten Judenthnms werden heranzubilden vermögen. Oesterreich - Ungarn. HI Wien, 10. Februar. Durch die unglaubliche Taktlosigkeit der Arrangeure ist ans dem letzten Ball der Stadt Wien der hinlänglich bekannte Ernst Vergani dem Kaiser vorgestellt worden. Darob großer Jubel bei den Antisemiten. Das „Deutsche Volksblatt", das dieser vortreffliche Mann herausgiebt, bemerkt sogar mit Genugthuung. daß die Judenpresse es nicht wage, davon Notiz zu nehmen, daß die antisemitische Hochfluth bereits die Stufen des Thrones umspüle. — Von unserer Nabbinerfra ge ist es wiederum mäuschenstill. War wirklich alles nur ein Sturm im Glase Wasser? Das wäre im Interesse unserer Gemeinde tieftranrig. Ihr I>vrL ist ein großer Pessimist — aber von dein, was er über Wien sagt, ist leider Gottes das Meiste durchaus nicht übertrieben. Und dabei eröffnet sich nicht die geringste Aussicht auf Besserung! — Der verdienstvolle Gelehrte Hofrath Theodor Gomperz begeht mit nächstem feinen 70. Geburtstag. Um diesen Tag würdig zu feiern, planen Schüler und Verehrer des Professor Gomperz. eine Festschrift zu veröffentlichen, an deren Herstellung auch mehrere hervorragende Gelehrte thätig sein werden. — Der Mörder des Trödlers Israel K eßler befindet sich bereits in Hast; es ist ein entlassener Bahnarbeiter, der sich sofort nach der grausigen That in seine böhmische Heimath begab und dort munter und vergnügt lebte, bis die Gendarmen ihn verhafteten. —

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