Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 83 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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„Er hat zwei: Ohrfeigen verdient/ sagte Einer und sah mitleidsvoll aus den Delinquenten. „Nein/' sagte ein Anderer, dem Jossele vernichtende Blicke zuwerfend, „diese Strafe ist zu gering, er verdient, daß Jeder von uns der Reihe nach ihm ins Gesicht spuckt." „Er verdient," bemerkte ein Dritter, „eine noch viel härtere Strafe: gepeitscht mutz er werden, mit feuchten, in Salz getauchten Ruten." „Und was sagst Du?" fragte endlich der Rebbe mich. Ich wollte antworten, allein die Zunge blieb mir am Gaumen kleben; ich glaubte zu ersticken. Dann überfiel mich ein Schüttelfrost, und meinen Körper überlief ein kalter Schweiß. Es summte mir in den Ohren, mein Herz klopfte zum Zerspringen, mir wurde schwindlich: Ich sah jetzt weder den Rebbe, noch den nackten Jossele, noch unsere Mitschüler. Ich sah nur Messerchen, eine ungeheure Menge Messerchen mit stählernen, scharfen Klingen, und an der Thür, hoch oben, hing der Mond, der ironisch lächelnd aus mich zeigte, und aus der Tiefe der Erde riefe» unzählige Stimmen: „Greift ihn, packt ihn, haltet ihn fest, denn er ist ein Dieb." Und während ich so stand und hilfesuchend die Augen öffnete, fing alles plötzlich an sich um mich zu drehen: Das Cheder. der Tisch, die Folianten, Mordche Rozeach, Jossele Ganew, Herschele, der Mond und unzählige Messerchen, grüne weiße und rothe. Dann wankten meine Füße, verließen mich meine Sinne, ich fiel und fiel immer tiefer und tiefer und hatte kein Bewußtsein mehr! — —-- Ich verfiel in einen langen, langen Schlaf, und alles, was ich in meinen Träumen sah, war roth wie Blut. Ruthen, Mordche Rozeachs Ruthen, in rothes Feuer getaucht, zerfleischten meinen Körper, und ich wälzte mich in Blut. Schlangen, Wölfe, Bären und Löwen glotzten mich mit ihren blutgierigen Augen an, rissen ihren Rachen weit auf und wollten mich verschlingen; ich kam bald um vor Angst und schrie: „Rettet mich, rettet mich! Nehmt mir das Messerchen ab. Seht ihr denn nicht, wie der Mond, der mein Geheimniß kennt, mich anschaut? Hört ihr denn nicht die Stimmen aus der Tiefe, die laut rufen: Greift ihn, packt ihn, haltet ihn fest, er ist ein Dieb? Was wollt ihr von Jossele? Er ist unschuldig; ich, ich habe das Messerchen gestohlen. Warum wollt ihr mich nicht anhören? Warum lacht ihr über mich? Ich biß vor Ingrimm in die Kiffen und fühlte, wie meine Zähne knirschten; allein Niemand hörte mir zu; Alte haben mich verworfen, verlassen, Alle, Alle, Alle. - Doch bald wurde mein Schlaf fester, tiefer, und ich wußte nicht mehr, was um mich her vorging. Ich fühlte nur, daß mir sehr heiß war, und daß ich immer schlafen wollte. Allmälig öffnete ich meine Augen; aber wo befand ich mich? Es kommt mir vor, ich liege im Bette. Warum? Wer sitzt auf einem Stuhl an meinem Bett? Ach! Du bist es, Mutter, Mutter! Doch sie hört mich nicht: sie weint .... Warum weinst Du, liebe Mutter? Sie hört mich nicht. Mutter, Mutter, Mutter! Nein, sie hört mich nicht. Was soll das nur bedeuten, ich höre doch, wie ich laut schreie? Warum antwortet sie nicht? Ich bin nun still. Aber plötzlich höre ich jämmerlich weinen, höre, wie Frauen jene traurige Melodie anstimmen, mit der man um einen Tobten weheklagt. Ich richte mein Haupt auf. Doch was sehe ich? Männer, Frauen, brennende Lichter, die Chewre-Leute. . . Ich fange nun an zu begreifen, was mit mir vorgegangen ist. ich bin gestorben, bin todt. — Aber das ist doch nicht möglich! Ich höre doch weinen und flüstern, ich sehe doch klar und deutlich alle Anwesenden und erkenne jeden Einzelnen. Dort sehe ich meine Mutter, wie sie sich in Thränen badet und die Hände ringt; neben ihr steht die Tante Golde mit der rothen Nase und jammert und wehklagt: Dahin ist Dein theuer Kind, verloren hast Du Deine Zierde, Deine goldene Krone! Seine koschere Neschome ist in den Himmel geflogen und steht nun vor Gottes Thron, um für Dich und für mich und für „Kol-Jsrvel" zu beten. Auch mein Vater ist im Zimmer, sein Gesicht ist wie Kreide bleich, er scheint leidend zu sein; ich sehe ihn am Tisch sitze», er hält ein Sepher in der Hand und betet leise und stöhnt und seufzt. Soll ich wirklich gestorben sein? Nein, nein! ich lebe, ich höre und fühle ja alles, ich höre meine eigene Stimme, wie ich rufe Mutter, Mutter! Ich fühle, daß meine Augen sich öffnen, es wird so hell und immer Heller um mich, mir wird plötzlich so wohl, mein ganzer Körper scheint sich zu verjüngen, ich niese einmal nnd noch einmal. „Still — er lebt, er hat geniest, ein gutes Zeichen." „Gelobt sei Gott!" „Erlebt! Erlebt!" „Wir haben einen großen Gott!" „Das Kind lebt!" „Holet schnell den Arzt!" „Wozu, wozu! Gott ist der beste Arzt." „Doch, doch!" Bald leerte sich das Zimmer, in dem durch die vielen Menschen und brennenden Lichter eine fast unerträgliche Hitze herrschte, und nur meine Eltern und die allernächsten Berwandten blieben zurück »nd streichelten und herzten und küßten mich. Ich war sehr schwach, und wie begierig ich auch war zu erfahren, was mit mir passirt war, ich durfte auf Anrathen des Arztes, der einen Rückfall befürchtete, vorläufig nichts erfahren. Erst nach einigen Wochen, nachdem ich, dank der Pflege und Fürsorge meiner Eltern, mein Krankenlager verlassen hatte, erzählte mir meine Mutter, wie mail mich besinnungslos damals vom Cheder nach Hause brachte, wie ich vierzehn Tage lang im Fieber gelegen und von Messerchen phantasirt habe, und daß der Arzt, Herr Herz Herzenherz und die Chewre-Leut' mich aufgegeben, ja schon für todt erklärt Hütten, weil die Feder, die an meine Nase gelegt wurde, um zu sehen, ob ich noch athmete, sich nicht bewegt hatte; aber Plötzlich hätte ich geniest, einmal und noch einmal, nnd ich war dem Tod entronnen. „Und all' dieses Leid," fügte meine Mutter hinzu, während ihre Augen sich mit Thränen füllten — „haben wir dem Mordche Rozeach zu verdanken nnd seiner Strafe, die er über Jossele Gannew verhängt hatte. Nein, mein liebes Kind, wenn Du erst ganz gesund bist, schicken wir Dich in ein anderes Cheder zu einem andern Rebben, der mit seinen Schülern menschlicher umgeht." Diese Worte meiner Mutte klangen meinem Ohre wie eine süße Musik, waren für mich eine frohe, glückverheißende Botschaft, und ich umarmte und küßte sie und ries freudig schluchzend: „Meine liebe, gute Mutter!" * * *