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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-14 · Heft 7 (14.2.1902) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
Seite 82 (sequence 12)
Language
German
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82 „Ausgaben ans Lessings „Philotas", „Emilia Galotti", „Nathan der Weise", zusaminengestellt von Dr. W. Schröder, Professor an Gymnasium und Realschule zu Minden" (Leipzig, Wilh. Engelmann, 1899). Heute sei es mit dieser Andeutung genug : Demnächst kommen wir wohl auf „Nathan in der Schule" noch zurück. 1),-. I,. Das Mefferchen. Von Albert Katz. - III. /?llMvillkürlich mußte ich zu jener Zeit an meinen Rebbe Mordche Rozeach denken, der uns oft erzählte, welche Strafen einen Dieb in der Hölle erwarten. Und nun bin auch ich ein Dieb, ich habe das Messerchen gestohlen! In dieser Minute kommt mir der Gedanke, das Messerchen in das Zimmer von Herrn Herz Herzenherz zurückzulegen. Doch fürchtete ich, man könnte merken, daß ich dahinter steckte. Was beginnt man nun? Hier kann ich es auch nicht mehr liegen lassen, ich muß es unter allen Umstünden los werden, zerbrechen, verbrennen. Doch halt! eine famose Idee! Ich werde es in den Brunnen werfen! Gedacht, gethan, ein leises Plätschern drang an mein Ohr, und das Messerchen war verschwunden! Gott sei Dank! Nun war ich es los! Leise schlich ich zurück ins Zimmer hinein, der Mond aber sah mir noch immer nach. Er hat alles gesehen, und ich glanbte eine Stimme zu vernehmein „Aber ein Dieb bist Du doch!" Ich suchte mein Lager auf und hoffte, in tiefen Schlaf zu versinken, zu vergessen das Messerchen und all das Leid, das es mir zugefügt. Allein selbst im Schlafe fand ich keine Ruhe, mich ängstigte ein fürchterlicher Traum. Ich flog in der Luft herum, hielt in der Hand ein wunderschönes Messerchen, der Mond aber verfolgte mich mit seinem blassen Lichte, und unzählige Stimmen riefen wild durcheinander: „Greift ihn! Haltet ihn fest! Er ist ein Dieb!" Ich erlebte kaum den Morgen, kleidete mich schnell an, um so flink als möglich ins Cheder zu kommen. „Was eilst Du, was treibst Du so?" schrie mich der Vater an, — „Deine Thora wird Dir nicht fortlaufen, Du hast doch noch nicht gedawnet." Endlich befand ich mich im Cheder, und ein neues Schauspiel nahm meine Sinne gefangen. Einer meiner Mitschüler, inein bester und intimster Freund, der rothe Jossele, stand in einem Winkel mit zur Erde gesenkten Blicken, während der Rebbe mit lauter und singender Stimme rief: „Höret nun, Kinder, was ich Euch sage! Der rothe Jossele heißt nicht mehr der rothe Jossele, sondern Jossele Gannew'), und nun rufet alle: „Jossele Gannew, Jossele Gannew!" Wie versteinert blieb ich auf meinem Platze stehen, während meine Glieder ein eisiger Frost überlief; ich wußte nicht, was das bedeuten sollte. In diesem Moment erinnerte ich mich an meinen Traum, wie ich mit meinem Messerchen in der Hand in der Luft umherflog, wie der Mond mit seinem blassen Lichte Dieb. mich verfolgte, und unzählige Stimmen wirr durcheinander riefen: „Greift ihn! Haltet ihn fest! Er ist ein Dieb!" „Warum schweigst Du, unnützer Bengel?" schrie mich der Rebbe an und bekräftigte seine Worte mit einer Ohrfeige. „Warum schweigst Du? Warum rufst Du nicht gleich den Anderen: „Jossele Gannew, Jossele Gannew?" Mich überfiel Angst und Schrecken, aber trotzdem rief auch ich: «Jossele Gannew, Jossele Gannew!" „Lauter! Lauter!" schrie der Rebbe. — Ich schrie nun auch lauter. — „Sch—sch—scha—" rief nun der Rebbe, „sch—sch—scha", und klopfte mit der Hand auf den Tisch zum Zeichen, daß wir uns ruhig verhalten sollten. — „So, Kinder, nun wollen wir über Jossele zu Gericht sitzen." „Komm her, mein lieb Jüngele" — winkte er Jossele zu, „komm her, mein „Tachschit," schnell, schnell, und sag' doch wie heißt Du?" „Jossele," antwortete der Knabe. „Und wie noch?" „Jossele." „Wie noch," fuhr der Rebbe spöttisch singend fort, „sprich sofort Deinen koscheren, ehrlichen Namen deutlich aus, sonst werde ich bald „Bolok" >) mit Dir lernen." Mit gebrochener Stimme, wie Espenlaub zitternd, antwortete der Knabe: „Jos—sele Gan-new." „So, meine koschere Neschome" — sprach der Rebbe und blinzelte mit den Augen — „das ist brav von Dir, leben sollst Du und gesund sein, und stark und kräftig an Leib und Seele. Doch jetzt mein lieb Jüngele, tritt etwas näher an mich heran, so, so, ziehe Deine Supprze ab, auch Deine Höschen, so, schön. Du bist ja ein gehorsames Kind, und nun auch das Hemdchen' schnell, schnell." Nackt, wie die Mutter ihn geboren, stand nun Jossele da, mit halbgeschlossenen Augen und blassem Gesicht, ein Bild des Jammers und der Verzweiflung. Der Rebbe aber winkte den von uns allen gefürchteten Herschele herbei und sprach mit singender Stimme: „Herschele! Erzähle uns doch die Geschichte vom Anfang bis zum Ende, wieso und warum Jossele ein Gannew geworden ist." Und Herschele säumte nicht und erzählte, schadenfroh um sich blickend, wie Josse aus der Rabbi Meier baal Neß-Büchse deiner Mutter, in die sie öfters Kupfermünzen hineinznwerfen, Pflegte, allmälig den Inhalt geleert und das für die Armen in Jerusalem bestimmte Geld vernascht, indem er sich dafür Kuchen und Johannisbrot» gekauft habe. „Aber die Büchse" — frug der Rebbe scheinbar überrascht und zweifelnd — „war doch verschlossen, wie konnte er nur, ohne das Schloß erbrochen zu haben, die Münzen herausnehmen?" „Jossel hat," erwiederte Herschele, „einen Strohhalm in Pech getaucht, ihn dann in den für den Einwurf der Münzen bestimmteil Spalt gesteckt und auf diese Weise die Kopeken einzeln heransgezogen." „So, so, sagte der Rebbe, nnd seine Stirn legte sich in Falten, „ein so feiner „Bocher" ist unser Jofsel«! Nun sagt, liebe Kinder, was für eine Strafe hat er für diese seine abscheuliche That verdient?" 1 Identisch mit züchtigen.

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