Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 84 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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84 »Jetzt, mein Sohn," sprach eines Tages mein Vater zu mir, „geh' ins Cheder und schlage Dir die Messerlech und alle anderen Dummheiten aus dem Sinn. Es ist schon Zeit, daß Du ein Mensch wirst, denn im nächsten Jahre wirst Du Barmizwah. wirst Du bis hundert und zwanzig Jahren dreizehn Jahre alt." Zum ersten Male hörte ich von meinem Vater solche süße, liebe Worte, und in diesem Moment vergaß ich alle Drangsale und Härte von früher und verzieh ihm alles vom ganzen Herzen. Ich nahm den großen Folianten unter den Arm und ging fröhlich und vergnügt, mit leichtem Herzen und klarem Kopf ins neue Cheder, zum neuen Rebbe, an dem ich und meine Mitschüler in Liebe hingen, und dessen Andenken wir stets in Ehren halten werden. Fitterarrfche Mittheilungen. - W. Tobias: Theodor von Bernhard! lind Theodor Gold st Ücker. Idolatrie nnd Idealismus. Betrachtungen eines Achtundvierzigers. Berlin 1901. Noseubaum Hart. Die Veranlassung zu diesen! Buche ist, wie der Verfasser bemerkt, durch den 5. und 6. Band des Memoirenwerkes „Aus dem Leben Theodor von Bernhardts" gegeben worden. In den dort veröffentlichten Tagebuchanfzeichuungeu Bernhardts berichtet Dieser, daß er im Jahre 1864 in London, wohin er sich begeben hatte, um im Interesse der damals schwebenden Schleswig-Holsteinischen Angelegenheit thatig zu sein, den Sanskritisten Theodor Goldstücker ausgesucht habe. Ans den zum Theil sehr ungünstigen Eindrücken, die Bernhard! von Goldstücker erhalten hat, werden nun nach der Ansicht des Verfassers so willkürliche und unrichtige Urtheile hergeleitet, daß es ihm, der sich ans Grnnd einer lebenslangen und nahen Be- Ziehung zu Goldstücker für berufen hält, richtiger über den Geschmähten zu urtheileu. offenbar wohl als eine Pflicht erschienen ist, gegen Bernhardts an Goldstücker geübte Kritik motivirten Einspruch zu erheben. Tobias beginnt seine Polemik damit, das; er vier nngedruckte Briefe von Bernhardi an Goldstücker mittheilt, die sich in Goldstückers Nachlasse gefunden haben, und er sucht sodann aus dem Material, das zur Charakteristik beider Männer vorliegt, den Nachweis zu führen, daß folgendes Resümee richtig ist, das er gegen das Ende des Haupttheils seiner Arbeit giebt. Daselbst sagt er (Seite 217/18): er habe einleuchtend machen wollen, „daß Bernhardts Vorzüge nnd Verdienste aus anderen Gebieten zu suchen seien als ans denen der Menschenbenrtheilung nnd der Pflege solcher Bestrebungen, die mit dem Kultus der Machtreligion schlechterdings nicht vereinbar sind." Mit der Begründung dieses Resümees ist jedoch der wesentliche Inhalt des vorliegenden Buches nicht erschöpft. Sondern dieses bietet außerdem Mittheilungen und Erörterungen von viel allgemeinerer Beziehung. Namentlich in Bezug auf Juden und Judenthnm. hinsichtlich dessen der Verfasser ans einem ganz besonderen Standpunkt steht. Er verlangt nämlich von allen freien Geistern — Austritt aus der Synagoge, und kann es Johann Iacoby heute noch nicht verzeihen, daß er dieser Aufforderung nicht nachgekonunen ist. Ein sonderbarer Schwärmer! In der „Zeitschrift für Bücherfreunde" bespricht Oberbibliothekar Tr. Adolf Schmidt in Darmstadt einige „interessante Bucheinbände der großherzoglichen H o fb ibliothek in Darm, sta dt", von denen einer dadurch ein höheres Interesse beansprucht, daß er „ein überaus werthvolles hebräisches Manuskript" einschließt. Es ist dies eine durch bildlichen Schmuck ausgezeichnete Pesach-Hagada, der ein höheres Alter zugeschrieben werden muß als den wenigen bisher bekannten Hagadas gleicher Art. Eine große Anzahl farbenreicher Initialen und Randleisten mit Ornamenten, Menschen- und Thiergestalten schmücken den Text. Dazu kommen die Bilder aus dein jüdischen Leben. Auf den beiden letzten Blättern stellen zwei große Miniaturen eine Hirschjagd und einen Jungbrunnen dar. Dieses Bild dürfte die älteste Darstellung des bei mittelalterlichen Dichtern und Schriftstellern ost erwähnten I u n g b rn n nens sein. Ein thnrmartiger Anfban mit offenen Seiten schließt das Bad ein, dem zwei Wasserspeier mit Thierköpfen das Wasser zuführen. Während Männer und Weiber in dem Bade herumplätschern, naht ein Krüppel mit der Krücke dem Thore. an dem ein Pförtner mit dem Stabe Wache hält. Alle dargestellten Gegenstände sind von hohem kulturgeschichtlichen Werthe, so daß eine genaue Untersuchung der Bilder durch einen jüdische,; Alterthumsforscher sich wohl lohnen würde. Wie es scheint, gehört diese Hagada zu den Büchern, die im Jahre 1391 den Juden entrissen worden sind. Auf welche Weise sie in die Darmstädter Hofbibliothek gekommen ist. hat sich nicht ermitteln lassen. Hoffentlich wird die Frankfurter Gesellschaft für jüdische Kunstdenkmäler die Hagada bald untersuchen und vervielfältigen lassen. Sprechsacrl. Sehr geehrte Redaktion! (Aer Artikel von Herrn Dr. Nahmer in Nr. 4 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums": „Ein Schnitzer Ränans" veranlaßt mich, ebenfalls eines nicht unebenbürtigen Schnitzers zu erwähnen, den einstmals ein anderer nicht minder großer Orientalist sich hat zu Schulden kommen lassen. Es ist bekannt, daß man sich im 16. Jahrhundert auch in christlichen Kreisen bemühte, zu dem Verständniß der rabbmischen Schriften vorzudringen. Eine der hervorragendsten Persönlichkeiten derselben war Johann Buxtors l.. geb. den 25. Dezember 1564 zu Camen. geft. als Professor zu Basel am 13. September 1629. Dieser suchte den gesummten Umfang des jüdischen Schrifttums zu umfassen und trat zu diesen; Zwecke auch mit jüdischen Gelehrten in Korrespondenz. Er schrieb über die synagogalen Gebräuche und unter vielen; anderen auch noch ein großes talmudisches Lexikon, bei den; von ihm die Arbeiten des Verfassers des Arnch — Nathan bei; Jechiel — zu Grunde gelegt wurden. Ich erinnere mich nun, daß einer meiner dereinstigen Lehrer, der treffliche Gelehrte und Dozent am Veitel-Heinescheu Institut. Dr. F. Lebrecht s. A. uns seinen Hörer,; mittheilte, daß der genannte Professor Buxtorf sich einmal einen ganz absonderlichen Schnitzer geleistet habe! Und zwar soll er die Worte: VNV mit S9nti'5simu8 äiseipulorum übersetzt haben. Er mißverstand also diese Worte dahin, daß nur der heiligste, d. i. der würdigste der Gelehrten befugt sei, den bekannten Kaddisch nach dem „Lernen" zu rezitiren. Wo sich dieser Schnitzer befindet, ob in; talmudischen Lexikon oder in dem Werke über die synagogalen Gebräuche, entzieht sich meiner Kenntniß. da ich diese Werke nicht zur Hand habe. Ich vermache allerdings, daß dies im letzterem Werke der Fall sein dürfte. Vielleicht weiß ein Leser dieser Zeitung sicheres darüber zu sagen. Inowrazlaw, 2. Februar. Dr. H. Tietz. 4 Verehrliche Redaktion ls Vorsitzender der Veranlagnngskommission hiesiger Gemeinde erlaube ich mir darauf hinzuweisen, daß die Seite 63 Nr. 6 Ihres Blattes an das Urtheil des Oberverwaltungsgerichts geknüpfte Bemerkung eine Einlchränkung dahin erfahre;; muß, daß jüdische Ehefrauen, welche ein selbständiges Einkommen haben, diesem entsprechend zu den Gemeindesteuern herauzuziehen sind, auch wenn ihre Gatten nicht den, Judenthum angehören. Berlin, 9. Februar. Hochachtungsvoll Selmar Solmitz. Sehr geehrte Redaktion! ^n der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes finden sich i„> Bericht des Professor Watermannschen Vortrages einige Jrrthnmer. die Sie gntigst berichtigen wollen. Ich bin nicht Tnrnwart. sondern nur Mitglied des jüdischen Turnvereins „Bar Kochba". Auch mein Name ist inkorrekt wiedergegeben, doch das ist unwesentlich. Berlin. 4. Februar 1902. Mit vorzüglicher Hochachtung Hermann Ialowicz, eanä. zur. Druck und Verlag von RudolfMossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.