Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 81 (sequence 11)
- Language
- German
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81 sagen ihrer andächtig tauschenden Hörerschaft der Nachschwätzer und Neidhammel natürlich kein Wvrtlein von den ungezählteil Hunderttau senden, wie sie in traditionsmäßiger altjüdischer Gewohnheit seitens dieser Geldfürsten für die verschiedensten Humanitären und kulturellen Zwecke freiwillig gespendet worden sind, dabei großentheils ohne Ansehung der Konfession. Das ruhmwürdigste Institut dieser Art bleibt aber doch wohl die Frankfurter Rothschild-Bibliothek, die in ihrem eigenen Gebäude am Untermainkai, unter gediegener fachmännischer Leitung — Bibliothekar Dr. Christian Berghoeffer und Sekretär Albert Dessoff — von Angehörigen aller nach Bildung strebenden Bevölkerungsklassen regelmäßig benutzt wird. Es herrscht nun in den Kreisen vieler angeblich „Eingeweihten" die Meinung, die Familie Rothschild bekümmere sich um diese den Namen ihres vorigen Frankfurter Seniorchefs verewigende Gründung wenig oder gar nicht. Das ist aber mit Nichten der Fall! Vielmehr hat gerade allerjüngst sogar der auswärtige Zweig seinen Zusammenhang mit dem Stammsitze Frankfurt a. M. und sein lebhaftes Interesse dreifach bekundet. Eine der fremdländischen Rothschildschen Töchter, die jetzt Kronen des Hochadels tragenderen wir nicht, eine des Londoner Astes, hat das gemeinnützige Unternehmen der „Rothschild-Bibliothek' in den Stand gesetzt, sich mit Staffeleien und Regalen neuer Konstruktion zu versehen. Sodann sind gegen Ende des Jahres 1901 der imposanten Bücherei zwei hochwillkommene Geschenke zugegangen, die, wenn sie auch, besonders die zweite, an Ziffern nicht arg hervorragen, durch ihren inneren Werth viele öffentliche Bibliotheken in Mißgunst um solche Stifter gerathen lassen. Nämlich aus dem Nachlasse des Barons Adolph v. Rothschild sind ihr 3500 Werke überwiesen worden, voran französische Litteratur aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert in schönen, für Deutschland theilweise recht seltenen Ausgaben, daneben italienische, spanische, englische Litteratur, auch topographische, Kostümwerke sowie Musik, vier Fünftel davon gebunden. Ebenso überwies Henri Baron de Rothschild in Paris 270 Bände des schönen Schriftthums aus dem Nachlasse der Baronin Nathanael Rothschild. Möge das Haus Rothschild immerdar seiner vornehmen Pflicht eingedenk sein, mit dein ihm vom Schicksale verliehenen Reichthmne derart rühmliche Anstalten Rothschildschen Ursprungs rührig zu fördern, wie das segensvolle, herrliche Institut der Frankfurter Rothschild- Bibliothek es ist, diese Stiftung, für Deutschland ohne Seitenstück! lt. Als ich von den hier unter Nr. I mitgetheilten Thatsachen am zuständigsten Orte, im „Centralblatt für Bibliothekswesen", Nachricht geben wollte, hielt dessen Redaktion es nicht für wichtig, obwohl doch das Vorkommen solcher Büchergaben — wie ich aus genauer Erfahrung weiß — innerhalb der deutschen Grenzen ebenso selten ist, wie eine derart entstandene öffentliche Freibibliothek wissenschaftlicher Anlage selbst. Auch das zweite deutsche Fachorgan, die „Zeitschrift für Bücherfreunde", verhielt sich spröde gegen eine Würdigung dieser Begebenheit in Verbindung mit einer Charakteristik der ganzen einzigartigen Anstalt. Und doch bin ich seit Jahren Mitarbeiter beider Journale, die auch in ihren jüngsten Heften Artikel aus meiner Feder brachten. Das giebt nun zu denken, weil gleichzeitig dieselben beiden Fachzeitschriften kurze Hinweise auf einen ähnlichen Vorgang, der direkt in ihr Gebiet gehört, ablehnten, so daß er dann meinerseits in folgender Fassung in der 14. „Beilage zur (Müncheners Allgemeine» Zeitung" vom 18. Januar 1902 veröffentlicht wurde: „Der V. „Zionistenkongreß" — d. h. der Kongreß derjenige» Israeliten, die auf eine Betonung und Erneuerung eines volksmäßigen Bewußtseins und Zusammenhangs dringen — tagte in der Schlnßwoche in Basel und beschloß am Ende seiner letzte» Sitzung am 31. Dezember: 1. Nachdrückliche Subvention der (fertig entniorsene») „Jüdischen Bibliothek". 2. Schaffung und Herausgabe einer „Jüdischen Encyklopädie". Danach gilt also das dickleibige und inhaltsreiche Nachschlage- und Bibliothekswerk ,,'1I>6 4s>vis>i Ilnevelopollin: a äoseriptive rocorll ok llie Instar;-, reliZiau, litterntura. null eustoms ok tlis 4ervisli psople krom tlie «nn-list limes ta tliv peossnl 0avs iu «ourse ok proparatio» Ir.y mors tlnm 800 selwl.ars »inl specialists", das seit November 1900 im Verlage von Funk and Wagnalls Company zn London und Newyork in der Form eines Konversationslexikons unter der Chefredaktion von Dr. I. Singer, prächtig ausgestattet, erscheint und ein unentbehrliches Hilfsmittel für Bibliotheken wie sür Theologen, Orientalisten n. A. darstellt, in den Augen der nach Palästina und völkischer Organisation znrückstrebendcn Juden nicht sür voll. Die Lieferungen des ersten, mehrere 100 Seiten umfassenden Bandes, der freilich »och in steckt, sind Ansang Winter 1901/02 vollständig geworden; Buchstabe L ist eben im Druck." Ich habe absichtlich diese gewiß auch für unsere Leser interessante Feststellung im genauen Wortlaute wiederholt, damit sich Jeder von der vollkommenen Harmlosigkeit überzeuge. Weshalb lehnten also jene zwei, am nächsten berührten Fach- Zeitschriften die Ausnahme ab?! Und warum die Notiz, die die Rothschild-Bibliothek betras?! 111. Ein auffälliges Faktum sticht neuerdings jedem aufmerksamen Beobachter sofort in die Auge», der gewöhnt ist, aus der theils vorgeschriebenen, theils angerathenen, theils gebilligten deutschen Klassenlektüre in den höheren Unterrichtsanstalten unseres Vaterlandes einen Schluß ans die momentan vorwaltende Geislesrichtung unserer betreffenden Staatsbehörden zu machen: das wundervolle Hohelied der Duldsamkeit und Menschenliebe, Lessings „Nathan der Weise", seit Jahrzehnten säst überall verpönt und verbannt und todtgeschwiegen, wo unsere deutsche Jugend in die große deutsche Nationallitteratur, in die Weisheit unserer Dichter und Denker eiugeführt werden soll, kommt wieder in Geltung. Nun braucht sich zwar der Geistesheld Gotthold Ephraim Lessing 123 Jahre nach dem Erscheinen seines unvergänglichen Tvleranzdramas für diese späte Erkenntniß staatlich gerächter Pädagogik wahrlich nicht extra zn bedanken. Aber der Freund des Sieges der Wahrheit, des Echten und Edlen in der Bildung der Nationen, begrüßt es mit Genugthuung, wenn jetzt sorgsamst bearbeitete Schulausgaben, Erläuterungen, Jdeenkommentare zu dem unsterblichen Werke rasch nach einander auf den Plan treten. Alle diese neuen Schriften sind aus dem Bedürfnisse der nenerwachenden Beschäftigung unserer Gymnasien und Realschulen mit dem „Nathan" hervorgegangen und auf diese berechnet. Reben der bereits 1893 erschienenen vorzüglichen Ausgabe für den Schnlgebrauch von Gymnasialprofessor Dr. Oskar Netvliczka (in der Freytag-Tempskysehen Sammlung zu Leipzig, Prag, Wien) steht „Lessings Nathan der Weise" erläutert und gewürdigt für höhere Lehranstalten sowie zum Selbststudium, von Rud. Peters, Oberlehrer am königlichen Gymnasium zu Düsseldorf (Leipzig, 1900, Heinr. Bredt), eine überaus gründliche und allseitige Auslegung, sodann Hest 10 von „Dr. Wilh. Königs Erläuterungen zu den Klassikern für den Schnl- und Hausgebrauch" (Leipzig. Herm. Beyer) nnd endlich, ans höchst verständnißvoller und feinsinniger Durcharbeitung beruhend,