Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 79 (sequence 9)
- Language
- German
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79 -chutzverein für Deutschland", oder doch die Einfügung üetz Mädchenschutzes für ganz Deutschland unter die Aufgaben nnes der schon bestehenden Wohlthätigkeitsvereine. Es mutz, ind zwar ohne Verzug, von irgend einer Centralstelle aus dafür gesorgt werden, daß die Wagen II l. und IV. Klasse ämmtlicher deutschen Eisenbahnen auch Plakate erhalten, welche die stellensnchenden jüdischen Mädchen vor unbekannten Nathgebern warnen und ihnen für alle großen Städte Deutschlands und des Auslands jüdische Häuser bezeichnen, wo sie ,ute, billige Unterkunst, sowie Rath und Hilfe zur Erlangung ines achtbaren Erwerbs erlangen können. Jede durch unser Säumen verlorene Seele wird Gott von ms fordern. Wer aber auch nur eine Seele bewahrt hat, der >at eine ganze Welt erhalten. Brief aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. (^^er Leitartikel über den fünften Zionistenkongreß, der in Nr. 4 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" erschienen ist, enthält einige recht passende Bemerkungen aber den vom bekannten englischen Novellisten Israel Zangen ll dort gehaltenen Vortrag, worin all die Millionen von Luden, die an der zionistischen Bewegung keinen Antheil nehmen, recht tüchtig beschimpft wurden. Zu diesen Bemerkungen möchte ich nun hier noch einige andere hinzufügen, die wohl geeignet sind, etwas mehr Licht auf den ganzen fraglichen Gegenstand zu werfe». Der oben erwähnte Vortrag war eigentlich blos eine Wiederholung eines anderen, den Herr Zangwill kurz vorher ur einem zionistischen Verein in London gehalten, und auch in Einern weit milderen Tone abgefaßt. Denn ersterer überitrömte von vulgären Witzen und häßlichen Auslassungen den einflußreichen englischen Juden gegenüber, weil sie dem Zionismus nicht huldigen wollen. In demselben ersten Vortrage war es auch, worin Herr Zangwill zuerst einen der größten Geistesheroen des jüdischen Alterthums, nämlich Rabbi Jochanan 'en Sakkai, in so unerhörter Weise angegriffen hat — und das st der Mann, dein seine zionistisch-gesinnten Auditorien begeisterte Ovationen entgegenbrachten! Der fraglich« Kämpe des Zionismus gab soeben wiederum einer Spvttlust freien Laus, indem er in der laufenden Nummer des in London erscheinenden „Pall-Mall Magazine" einen Arikel veröffentlichte, worin er sich über den Patriotismus der nglischen Juden lustig macht. Ein in London wohnender und mit alten Kleidern handelnder Jude, heißt es daselbst, der einen ursprünglichen Namen Cohen in einen mehr englisch lingenden Namen Cowen umgewandelt hatte, veranlaßt«: seinen inzigen Sohn, als Freiwilliger nach dem Kriegsschauplätze im Lüden von Afrika zu ziehen. Dies, sagt der Verfasser unter anderen witzigen Bemerkungen, habe der alte Cowen nicht twa aus wirklicher Vaterlandsliebe gethan, sondern vielmehr 'los um Gelegenheit zu haben, die von seinem Sohne vom Kriegsschauplätze zu empfangenden Briefe nebst dessen Photographie in einem der englisch-jüdischen Blätter veröffentlichen m können! Dies ist wahrlich eine Karikatur, wie sie der gehässigste christliche Antisemit nicht fratzenhafter zeichnen würde, .bioll erat äomonstranäum. — Von Antisemiten sprechend, will ich es nicht Unterlasten, hier zu erwähnen, daß der berüchtigte Judenhasser Drumont Plötzlich in London, nicht körperlich aber geistig, aufgetaucht ist. Im laufenden Hefte der Londoner „National Review" veröffentlichte er nämlich einen Artikel, worin er die Leser derselben mit der sogenannten „Judenfrage" in Frankreich bekannt zn machen sucht. Natürlich wiederholt er daselbst alle die Vorwürfe, die er und seine Gesinnungsgenossen schon seit Jahren gegen die französischen und alle Juden überhaupt schriftlich und mündlich gemacht, und es wäre daher ganz überflüssig und nutzlos, sie hier speziell mit Namen zu neunen, oder genauer zu bezeichnen. Ein einziger Passus jedoch, der darin vorkommt, ist, ich möchte fast sagen, ganz originell, und verdient seiner Kuriosität wegen hier wiederholt zu werden. Drumont will alle die hochgestellten Personen in Paris rechtfertigen, die in der berüchtigten „Dreyfus-Affäre" eine feindliche Stellung gegen den vermeintlich schuldigen Dreyfus genommen, und schreibt darüber wie folgt: „Angenommen, daß ein „gemeiner Soldat" vom französischen Kriegsgericht infolge eines ernsten Verbrechens zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt worden wäre. Und angenommen, daß der Vater dieses Soldaten, in der Meinung, daß letzterer unschuldig sei, zu einigen einflußreichen und vernünftigen Leuten mit der Bitte käme, daß sie ihm verhelfen möchten, die Freisprechung seines Sohnes zu erlangen. Und endlich angenommen, daß eine solche Freisprechung zur Folge hätte, daß der ganze Generalstab entlasten und dessen Ehre besudelt würde, und nebstdem ein ziviler und moralischer Krieg in ganz Frankreich ausbrechen müßte. Nun, selbstverständlich würden diese vernünftigen Leute dem bittstellenden Vater etwa folgende kurze und abweisende Antwort geben: „Mein guter Mann," würden sie sageu, „Sie thun uns recht leid, aber es kann nichts in der Sache gethan werden, höchstens daß die Kerkerstrafe Ihrem Sohne etwas leichter gemacht wird, wenn dieser sich im Gefängniß recht gut aufführt." Wahrlich, Monsieur Drumont würde, hätte er zur Zeit der spanischen Inquisition gelebt, einen hohen Posten auf der Richterbank im damaligen spanischen Gerichtshöfe mit geziemender Würde bekleidet haben. Derselbe Drumont ist, miradile clietu, ein großer Anhänger der zionistischen Bewegung und hat jüngst offen erklärt, daß er Dr. Herzl für den „einzigen ehrlichen Juden" anerkenne. Vor Kurzem erschien in London ein interessantes Werk von Lucien Wolf, das einen höchst wichtigen Abschnitt der Geschichte der Juden in England ausführlich bespricht. Dasselbe hat zum Titel: „Nenasse den Israels Mission to Oliver Oromrvell" und behandelt dokumentarisch einige bisher ganz unbekannt gewesene Punkte, die auf den fraglichen Gegenstand frisches Licht werfen. Unter diesen Punkten sind namentlich folgende zwei, die besonders hervorgehoben zu werden verdienen. Erstlich erfahren »vir daraus, daß Oliver Cromwell hauptsächlich die Wiedereinlasinng der Juden nach England befürwortete, weil er ihre große Erfahrenheit im Welthandel ansnutzen wollte. Die Juden, hoffte er, wenn in England ansässig, würden daselbst durch ihren weiten Geschäftsverkehr den Welthandel in« Interesse Englands heben und fördern, wie sie es zu jener Zeit in Holland gethan haben. Daher kam es auch, daß die bedeutendsten christlichen Kaufleute in England damals der Wiedereinlastuug der Juden heftig opponirten, und