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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-14 · Heft 7 (14.2.1902) · p. Seite 78

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
Seite 78 (sequence 8)
Language
German
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78 Mensch zu sagen, denn Herr von Tiedemann bringt wirklich nichts neues vor. Er erzählt uns dasselbe, was Herr von Hansemann erzählt hat, dasselbe, was der Vorstand des Ostmarkenvereins erklärt hat, was hundert Andere schon geäußert haben, was in der Theorie immer so wundervoll tolerant und voll Nächstenliebe förmlich verklärt uns dargeboten wurde, und was in der Praxis immer und immer versagt hat. Kein Mensch wird hier zu Lande die Bedeutung des Herrn von Tiedemann unterschätzen, aber kein Mensch sollte sie auch überschätzen. Nach dem verstorbenen Herrn von Hansemann tritt jetzt sein Mitkämpfer für die Einigung der Deutschen, tritt jetzt Herr Tiedemann in die Schranken. Beide überfließend von Gerechtigkeitsgefühl gegen die Juden, beide Wortführer im Ostmarkenverein, in dem ihr Einfluß doch so groß sein muß, daß man ihm ihren Namen als besondere Signatur gegeben hat. Hat der Ostmarkenverein, der Haupttmnmelplatz dieser Herren, sich nun wirklich gegen die Juden so bethätigt, daß mail die Hansemann-Tiedemannffche Theorie in der Praxis verwerthet gefunden hat? Ich glaube nicht, daß irgend Jemand den Muth haben wird, diese Frage zu bejahen. Andererseits möchten wir daraus nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß mit allen den Kundgebungen wohl der schreiende Antisemitismus beseitigt, daß aber durch sie der latente Judenhaß gezeigt wird, als dessen Opfer — ihre Zahl ist wirklich nicht gering — man die durch das Konkurrenzzüchten aus dem Osten herausgedrängten Juden betrachten könnte. Zwar darf nicht abgestritten werden, daß gerade Herr voll Tiedemann — und hierin unterschied sich seine Kundgebung von der des verstorbenen Herrn von Hansemann — in der Form recht unglücklich war. Denn wenn wir Herrn von Tiedemann als „Realpolitiker" betrachten sollen, so müssen wir anerkennen, daß er keine Menschenseele im Zweifel läßt, warum er gegen den Antisemitismus im Ost eil ist. Daß er pro äoino spricht, soll ihm verziehen sein, daß er aber seine Beweisführung für die Unmöglichkeit des Antisemitismus nur für den Osten anwendbar sein soll, das ist etwas, wogegen wir entschieden Front machen müssen. In einem dem Judenthum gänzlich fernstehendem Blatte war dieser Tage zu lesen, daß man hierin allein den Maßstab für den Werth der TiedemannMen Kundgebung hätte. Nicht, weil die Juden im Osten anders sind als anderswo, soll ihnen der Antisemitismus erspart bleiben, sondern weil sie hier als Bollwerk gebraucht werden, hält man ihnen den Antisemitismus fern. Herr von Tiedemann mag anders gedacht haben. Sicher aber ist, daß seine „den Antisemitismus bekämpfenden Auslassungen" zu dieser Deutung geradezu zwingen. Wer nun die Verhältnisse im Osten kennt, wird ermessen können, wie diese durchaus nicht unberechtigte Deduktion auf die Gemüther wirkt. Herr von Tiedemann hätte seiner Sache einen furchtbar schlechten Dienst geleistet, wenn er so denken, so handeln möchte. Die Geschichte der deutschen Judenheit wäre ihm danach ein solches Räthsel, daß es ein besonderer Mllth voll ihm wäre, öffentlich hervorzutreten. Die Zeit wird lehren, ob dem so ist. Dem Parlamentarier von Tiedemann steht es frei, extra mnroL das zu bethätigen, was er intra nuu-05 in schönen Worten ausgesprochen hat. An Anregung dazu r wird es ihm nicht fehlen. Gerade er und gerade seine Umgebung haben bisher geschwiegen, wenn es galt, die Juden als Deutsche zu vertheidigen. Jetzt hat er sich in den Mittelpunkt einer ziemlich lebhaften Diskussion gestellt. Herr von Tiedemann wird nun zu zeigen haben, was Theorie und was Praxis ist. Im Vorwort zu seinem Roman „Werther, der Jude," schrieb der leider so früh verstorbene Ludwig Jacobowsky: „Sie (die Juden) zeigen immer nur die eine Wegrichtung: Rastloses Aufgehen in deutschen! Geist und in deutscher Gesittung. Wer mir einwendet, daß eine radikal-nationale Richtung der Gegenwart trotzdem den Juden (meiner Richtung) das Schmuckwort „deutsch" abspricht, der mag sich trösten und im „Staate" ausharren: Menschen entscheiden darüber nicht, sondern das Leben, seine Thaten, die Geschichte." Der dies schrieb, Herr von Tiedemann, war zwar ein Jude, es war aber ein deutscher Jude, der jede Ausnahmestellung für sich ablehnte. Und die deutschen Juden des Ostens sind ebenso; sie lehnen auch jede Ausnahmestellung für sich ab. Sie lehnen es mit aller Entschiedenheit ab, „als Mittel zum Zweck" vordem offenen Antisemitismus geschützt zu werden. Israelitischer Madchenschutzverein. Von Dr. Heinrich Lewy, Gynmasialoberlehrer rn Mülhausen i. E. eit längerer Zeit schon findet man in den Eisenbahnlvagen die Mahnungen der (evangelischen) „Deutschen Bahnhofs-Mission", welche sich die Fürsorge für alleil! reisende, stellensnchend e Mädchen angelegen sein läßt, um sie in den großen Städten vor Verführern oder gcu Mädchenhändlern zu schützen. Die Plakate geben für zahl reiche deutsche wie ausländische Orte die Adressen von Steller an, wo solche Mädchen gutes Unterkommen und zuverlässige!! Rath erhalten können; sie weisen ferner darauf hin, daß an den Quartalstagen Vertreterinnen der Vereinigung mit einen Abzeichen auf den großen Bahnhöfen anzutressen sind, und ersuchen, in Ermangelung solcher sich an die Bahnhofsbeamten zu wenden. Zu diesen Plakaten haben sich dann solche des „Katholischen Mädchenfchutzvereins" gesellt, der in gleich Mlerkennenswerthe Weise der Katholikinnen sich annünmt. Daß heutzutage auch viele jüdische Mäd-.ven allein in di> Fremde gehen, um sich ihr Brod zu verdienen, ist uns allen bekannt und nicht «linder bekannt dürfte uns die tiestraurige Thatsach' sein, daß auch so manches dieser armen jüdischen Mädchen i l der Fremde ein Opfer seiner Unerfahrenheit, seiner Leich - gtäubigkeit, seiner Noth wird nnd dem Verderber: verfällt m l Leib und Seele. Darum wollen wir nicht zurücksteheu hinter den Angehörigen anderer Bekenntnisse in unserer Fürsorge für die Gefährdeten, in der Betätigung unserer Nächstenliebe an den Verlassenen und Schwachen! Neuerdings nun sehe ich zu meiner Freude in den Wage l der elsaß-lothringischen Re ichs eisen bahnen auch Tafel l mit der Aufschrift: „Israelitischer Mädchenschutzverein. Auf diesen werden den Mädchen vier Auskunftsstellen in reiche ländischen Städten empfohlen, und zwar: in Straßburg daisraelitische Waisenhaus, in Mülhausen Herr N. Schuhl (d. i. drr Hausvater des israelitischen Hospitals), in Weißenburg Fran Lievre, Vorsitzende des israelitischen Franenvereins, und in Metz das israelitische Hospital. Das ist ein schöner und löblicher Anfang. Aber es fehlt noch das Meiste. Noth thut ein „Israelitischer Mädchen

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