Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 77 (sequence 7)
- Language
- German
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77 alle 3 Jahre das Kuratorium zu wählen, daß aber im klebrige» irgend welche Pflicht des Kuratorii. die Mitglieder jährlich, beziehentlich aus Antrag eines bestimmten Prozentsatzes der Mitglieder einzuberufen, auch die Pflicht zur Rechnungslegung nicht besteht. — 6. Nach Paragraph 3 können der Kasse als ordentliche Mitglieder nur Rabbiner angehören, welche in Gemeinden amtiren, die zur Beschaffung „des Garantiefonds beigetragen haben." Es hat aber meines Wissens keine Gemeinde für den Fonds etwas beigetragen, man hat sich leider überhaupt nicht an die Gemeinden gewendet, sondern an einzelne Personen. - Jemeint werden solche Gemeinden sein, von welchen Mitglieder zur Beschaffung des Garantiesonds beigetragen haben.') — Die Bestimmung, welche augenscheinlich die Sammlungen für den Garantiefonds fördern soll, ist Pekuniär ohne Bedeutung, sie wird schon durch eine minimale Zahlung eines Mitglieds selbst der größten und reichsten Gemeinden hinfällig. — Sie ist aber andererseits in ihrer Tragweite von den Redakteuren des Entwurfs nicht gewürdigt worden. Denn augenscheinlich müßte, falls nach diesen Bestimmungen gehandelt wird, die Mitgliedschaft auch dann erlöscheil (8 8) falls ein Rabbiner in eine Gemeinde verzieht, deren Mitglieder für den Garantiesonds nicht beigetragen haben?, Wie steht es um diesen Punkt außerdem, wenn die Mitglieder, welche Beiträge geleistet haben, ihren Wohnsitz ändern, zum Beispiel in eine Gemeinde, in der nichts gezahlt worden war, Jemand inzwischen verzogen ist. der znm Fonds beigetragen hatte. Die Bestimmung, die den Entwurf ohnehin nicht verschönert, wäre daher wohl am besten aus demselben zu streichen?) Endlich sei darauf aufmerksam gemacht, daß sich gegen das Wort „norddeutsch" im Titel der Kasse etwas einwenden läßt. — Richtig ist, daß die süddeutschen Rabbiner, vielleicht richtiger die Rabbiner der süddeutschen Staaten, wohl meist in Staatsstellungen sich befinden, beziehentlich für ihr Ruhegehalt und ihre Relikten ohnehin gesorgt ist. — Das Gleiche dürfte aber in Theilen Norddeutschlands (Oldenburg, Hannover, Hessen?)*) der Fall sein, Pensionsrechte bestehen auch in den meisten größeren Gemeinden. Richtiger wäre also wohl, das Wort „norddeutsch" im Titel zn streichen. Wie bemerkt, ist es hnehin nöthig, eine Bestimmung in den Text aufzunehmen, oaß die Rechte an die Kasse insoweit fortfallen, als anderweit ür den Rabbiner oder seine Relikten, Rechte auf Ruhegehalt 'der Wittwen- und Waisengelder bestehen. Es liegt absolut ein Grund vor, die süddeutschen Rabbiner anders zu behandeln als die norddeutschen. U. ') Doch nicht, sondern deren Rabbiner eine Sannnlnng in ihrer Gemeinde veranstaltet haben, natürlich seine Sammlung mit unaähernd entsprechendem Ergebniß. D. Red. -) Er wird aber die Stelle nur unter der Bedingung annehmen, 'aß die Gemeinde nachträglich einen entsprechenden Betrag zum Aarantiesonds zahlt. D. Red. Durchaus nicht. Denn abgesehen davon, daß dann der Garantie- 'onds nicht ansreicht, soll eine Gemeinde, die nichts beitragen will, auch nicht entlastet werden. Die Pensions- und Neliktcnkasse ist kein Wohlthätigkeitsinstitut im gewöhnlichen Sinne. D. Red. h Weder in Hannover »och in Hessen. D. Red. Theorie und Prams. Von Eugen Philipp. an spricht in Posen wieder einmal von der Unmöglichkeit des konfessionellen Hasses, und inan spricht wieder einmal von der durchaus nothwendigen Bekämpfung und Ertödtung der antisemitischen Regungen in den Herzen der Gesinnungsgenossen des Herrn von Massow. Das pasfirt so häufig und aus so nichtssagenden Ursachen, daß man sich mehr wundern könnte, wenn es nicht geschieht, als wenn es pasfirt. Der verstorbene Herr von Hansemann war, so weit ich mich erinnern kann, der Erste, der solche Töne anschlug. Damals handelte es sich um die zur „Förderung des Deutschthums" inaugurirle Gründung von deutschen Waarenhäusern in den kleineren Städten des Ostens. Jeder Einsichtige wußte von vornherein, daß dabei weniger eine Schädigung des Polenthums herauskommen würde als ein Zwiespalt unter den Deutschen; insofern, als die um Hansemann fortan die jüdischen Gewerbetreibenden mieden und andererseits die Juden als Bestandtheil des Dentschthnms von den Polen erst rech boykottirt wurden. Natürlich folgte unmittelbar darauf die s Erklärung, daß die Gründung der „deutschen Maaren Häuser" nicht als Schlag gegen die jüdischen Gewerbetreibenden aufzufasse» wäre. Der Schreiber dieser Zeilen erhielt als Antwort auf eine Klarstellung — eine Replik des Herrn von Hansemann. Die Jude», so hieß es da, wären uns willkommene Deutsche, mit den Inden gehen, eine Sache des Gefühls und des Verstandes, der Antisemitismus wäre eine Gefahr für die deutsche Einigkeit rc. re. Die Inden in den kleineren Städten aber hatten die Konkurrenz auf dem Halse und Mancher von ihnen wurde heransgedrängt und abgelöst durch — einen Polen. Nach Herrn von Hansemann hat schon so mancher hervorragende Vertreter der „deutschen Einigung" schöne Worte gefunden für die Werthnng der Inden als Staatsbürger und — Wähler. Mir kommt eine antorisirte Erklärung des Ostmarkenbuudes irr die Hand, die sich gegen den Vorwurf verwahrt. die Inden von den Vortheilen der Verbands- Hilfsleistungen anszuschlie ßen. In schönen, warmherzigen Tönen klingt es da heraus, wie der Verstand, das eigene Interesse eine Bekämpfung des Antisemitismus gebiete, wie die Juden dem Vereine hochwillkommen wären rc. Bis zum heutigen Tage hat aber meines Wissens noch kein Jndc an den Segnungen des Vereins Theil gehabt. Bei tauiend anderen Dingen wird seit Jahren dieselbe Melodie geblasen, im Besonderen, wenn es gilt sich irr kommunalen Leistungeil zu belhütigen. Unvergessen aber ist es, daß in Bromberg gegen die Wahl eines Inden zum Lehrer der städtischen höheren Mädchenschule Einspruch erhoben wurde, weil der betreffende Jude war. Jetzt ergreift Herr von Tiedemaim das Wort gegen die antisemitischen Neigungen, die hier in gewissen Kreisen vorherrschen. Und man sollte eigentlich annehmen, das; nach verewigen Wiederkehr derartiger „Erörterungen" das Interesse an diesen endlich verstummen müßte Merkwürdigerweise ist dies aber nicht der Fall. Herr von Tiedemann hat mit seinen Morten znm mindesten den Erfolg, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Warum und wieso das geschieht, das vermag kein