Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- Seite 75 (sequence 5)
- Language
- German
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Will man aber die Inden und namentlich Diejenigen unter ihnen, denen man eine gewisse Bedeutung unter ihren Glaubensgenossen oder im bürgerlichen Leben der Städte beimißt, wieder für die thätige Theilnahme am nationalen Leben gewinnen, die einst ihre Väter bewiesen haben, um schließlich die schmählichste Enttäuschung zu erleben — will man das erreichen, so genügt es keineswegs, mit nicht ganz zwangloser Grazie eine zu nichts verpachtende gesellschaftliche Annäherung anzustreben. Wer es mit den Juden gut gemeint, der kann ihnen nur rathen, solches Entgegenkommen höflich zu acceptiren, im Uebrigen aber die Position, die die Selbstachtung seit Jahren ihnen anweist, nur dann zu verlassen, wenn ihnen in bündiger Weise dargethan wird, daß man sie nicht länger als Staatsbürger zweiter Klasse ansieht. Auf diese sehr zutreffenden Bemerkungen antwortete Herr v. T i ed em'ann-Seeheim mit folgenden! Schreiben an die genannte Zeitung: „Den in Ihrer geschätzten Zeitung vom 22. d. M. enthaltenen „Rückblick" aus die jüngsten Polendebatten habe ich mit großem Interesse gelesen. Besonders beachtenswerth ist die Stellungnahme des Leitartikels hinsichtlich der Heranziehung unserer deutschen Mitbürger jüdischen Glaubens zur Lösung der dem Deutschthnm der Provinz Posen obliegenden schwierigen Ausgaben. — Von jeher habe ich den Standpunkt öffentlich vertreten, daß man einerseits von unseren jüdischen Mitbürgern ein offenes Bekenntniß zur deutschen Sache verlangen, ihnen andererseits aber auch ehrlich eine gleichberechtigte Stellung einräumen soll. — In der Provinz Posen Antisemitismus treiben, heißt nichts anderes, als mit sehenden Augen einen Theil des Bürgerthums von der deutschen Partei absprengen!" Diese Stellungnahme des Ostmarkenvereins will natürlich der „Deutschen Tageszeitung" durchaus nicht gefallen. Wie alle Agrarblätter pflegt auch sie den Antisemitismus, wenn auch nur als Nebenprodukt, und unwillig poltert sie deswegen: „In diesen Darlegungen steckt ein gewaltiger Jrrthum, der schon oft für das^Deutschthum verhängnißvoll geworden ist. Das Judentum steht unseres Erachtens dem deutschen Volksthume noch viel ferner und auch fremder gegenüber als das Polenthum. Wenn der Ostmarkenverein diese niemals aus der Welt zu schaffende Thatsache unbeachtet läßt, wird er nichts, mindestens nichts dem wahren Deutschthnm dauernd Förderliches erreichen können." Die Juden im ganzen Osten rechnen sich zur deutschen Nation, und demgemäß ist ihre Haussprache deutsch. Aber das Hilst ihnen nichts, und käme es allein auf die Agrarier an, so würden die deutschen Juden insgesammt auf dem Wege des Schnbs über die Grenze gebracht werden. Das ist die bündlerische Anschauung von dem gleichen Rechte der verschiedenen Bekenntnisse in einem modernen Staate. r Auch in Ungarn giebt es eine Einwanderungsfrage, die natürlich von der klerikal-antisemitischen Partei mit besonderem Interesse bei jeder unpassenden Gelegenheit aufgerollt wird. So hat in der vorigen Woche aus eine Interpellation des Grafen Johann Esterhazy im Magnatenhaus wegen Ein, Wanderung galizischer Juden nach Oberungarn und deren schädliche Einwirkung auf die dortigen wirthschaftlichen Verhältnisse Z der' Ministerpräsident Szell erklärt, die Regierung stehe auf dem Standpunkt, bei der Prüfung der wirthschaftlichen Zustände nicht darauf zu sehen, weß Glaubens Jemand sei Die Regierung werde gegen Einwanderer unverläßlicher Elemente gesetzliche Verfügungen treffen, ohne Rücksicht auf konfessionelle Zugehörigkeit Derjenigen, welche die wirthschaftlichen Verhältnisse schädigen, und sie werde den Nothleidenden in Oberungarn zu Hilfe kommen, ohne zu fragen, in welchem Gotteshaus Jemand seinen religiösen Pflichten Nachkomme. Das sind schöne, mannhafte Worte, und es ist lebhaft zu wünschen, daß vorlaute Fragesteller überall die gleiche Antwort hören möchten. * Ans den uns jetzt vollständig vorliegenden Ergebnissen der im Jahre 1897 in Rußland stattgehabteu Volkszählung, deren Resultate in Bezug ans die Juden wir schon früher kurz mitgetheilt haben, können nur noch nachstehende ausführlichen Angaben machen. Die wenigsten Juden weisen die drei nördlichsten Provinzen des europäischen Rußland, nämlich die Gouvernements Archangel, Olanetz und Wologda, welche 252, resp. 463 resp. 425 Inden besitzen. Diese drei umfangreichen Provinzen mit einen! Areal von der Größe Deutschlands, Oesterreichs und Italiens sind freilich sehr dünn bevölkert und zählen zusammen noch nicht eine halbeMillion Einwohner, von denen aber doch nur 0,22 Prozent Juden sind. Es folgt Pensa mit 560, Simbirsk mit 571, das theilweise schon zu Sibirien gehörende Ufim mit 695. Wjatka mit 817 und Kostroma mit 830 Inden. Weniger als 5000 Juden zählen die Gouvernements Wladimir mit 1167, Estland und Twer mit je 1396, Kaluga mit 1381, Rjasan mit 1547. Jaroslaw mit 1646, Penn mit 2019, Drenburg mit 2093, Tambow mit 2163, Kasan mit 2286, Samara mit 2501, Tula mit 2650, Nishegorod mit 2673. Wororesh mit 2680, Saratow mit 3042, Astrachan mit 3173, Kursk mit 4141 und Nowgorod mit 4746 Inden. Das Gouvernement Orel hat 6258 und Pskow 6454 Inden. Ferner wohnen im Gouvernement Moskau 8749 und im Gouvernement Smolensk 10496 Juden. Das an den Ansiedelungsrayon grenzende Gouvernement Charkow zählt 13725, und das erst vor einigen Jahren den Juden zur Ansiedelung verbotene Land der donschen Kosaken gar 15440 Juden. Noch größer ist die Zahl der Inden im Gouvernement Petersburg, wo sie mir 21270 Seelen schon^mehr als 1 Prozent der Gesarmntbevölkerung bilden. Dieser Prozentsatz steigt in Livland mit 29 654 Inden rasch auf 2,24 und in Kurland mit 49313 Inden gar aus 7.33 Prozent. Das den Juden zur Ansiedelung verbotene Kurland zählt also trotzdem schon mehr Juden als die Provinz Posen. Die Zahlen steigen nun sehr rasch wenn ävir uns den Gouvernements des Ansiedelungsrahons znwendeu wo wir Plotzk mit 50473, Suwalki mit 58 808, Tannen mit 66125 Kalisch mit 72 339, Kielce mit 82427, Lomza mit 90 912, Jekaterinoslaw mit 100736, Poltawa mit 111417, Nadom mit 113 277 und Tschernigow mit 114630 Juden finden. Das letztgenannte Gouvernement sowie die Gouvernements Poltawa, Tannen und Jekaterinoslaw haben einen verhältnißmäßig geringen Prozentsatz Juden, welcher nur 4,02 bis 4,99 beträgt. Es könnten diese vier fruchtbaren Provinzen, welche ans einem Areal von 4242 QuadratmeiLen nur<8600000 Menschen mit nur 393 000 Juden beherbergen, noch eine weitere Judeneinwanderung um so mehr vertragen, als den Juden der ständige Aufenthalt in denselben gesetzlich gestattet ist. Zwischen 100000 und 200 000 Juden wohnen ferner in den Gouvernements Siedlce mit 122370, Lublin mit 153 728 und Wittebsk mit 175 678 Juden. Von 2 bis 300000 Juden beherbergen die Gouvernements Wilna 205 261, Mohilew 201301, Kowno 212 230, Petrika 222 299, Bessarabien 225 637 und Grodno 276874. Eine zahlreiche jüdische Bevölkerung weisen die Gouvernements Minsk mit 338657. Cherson mit 337282, Warschau mit 349943, Podolien mit 366597 und Wolhynien mik 397772 Inden auf. Am stärksten sind die Juden im Gouvernement Kiew vertreten, wo sie nicht weniger als 427 863 Seelen zählen. Nach der Dichte einer jüdischen Bevölkerung rangirt jedoch Kiew mit 12,3 Prozent erst an 13. Stelle und kommt weit hinter Warschau, das 18,12 Prozent, und selbst hinter Grodno, dessen Juden mit seinen 276 874 Inden 17,28 Prozent der Bevölkerung bilden. Es weisen ferner auf: Kalisch 8,59, Plotzk 9,13, Suwalki 10,9, Kielce 10,82, Bessarabien 11,65, Wittebst 11,80 und Mohilew 11,92 Prozent Juden auf. lieber 12 Prozent Juden wohnen in Podolien (12,15), Cherson (12,32), Wilna (12,90), Lublin (13,26), Wolhnien (13.31), Kowno (13.71), Radom (13.89), Lomza (15,69). Minsk (15,77). Petrikau (15,83) und Siedlce (15,84 Prozent), lieber 16 Prozent Juden wohnen nur in den bereits erwähnten Gouvernements Warschau und Grodno.