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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-14 · Heft 7 (14.2.1902) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 7 (14.2.1902)
Date
1902-02-14
Page
Seite 74 (sequence 4)
Language
German
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74 das Werk, nach dem wir uns sehnen und dessen wir bedürfen, selbst zu schreiben, sprechen aber gerade für uns, denn wen» jemals, so bedarf jetzt die Zeit eines Buches wie das in Rede stehende. Wir wissen ja auch, daß solche Werke nicht bestellt werden können, wir meinen aber mit unserem Gewährsmanne, daß eine Schrift über das Wesen des Judenthums, und zwar im fortschrittlichen Sinne, d. h. im Sinne der Reform, der Entwickelung, aus dem Wesen unserer Gemeinschaft gerade jetzt herauswachsen müsse. Niemand kann glauben, daß es die Absicht sein soll, ein solches Buch zu bestellen, sondern es ist nur mit dem Preisausschreiben der dringende Wunsch ausgesprochen worden, daß es geschrieben werde, und zwar ist dieser Wunsch rege geworden infolge der vielen Angriffe, die das Judenthum thatsächlich von allen Seiten zu erfahren hat, und infolge der Stellung, welche die moderne sogenannte freisinnige Theologie und auch die historische Wissenschaft unserem Bekenntniß gegenüber einnimmt. Wer sich nicht wehrt, der wird eben bei Seite gestellt oder nicht beachtet. Man weiß, wie sich jene Herren mit der vornehmen Phrase, die jüdische Theologie denke darüber freilich anders, über alle Verlegenheiten und Widersprüche hinwegzusetzen wissen. Nun denn, die Schrift über das Wesen des Judenthums wird zu zeigen haben, wie die jüdische Theologie über diese Dinge denke, wie sie das Judenthum auffasse und gegenüber ungerechten Angriffen vertheidige, wodurch sich das Judenthum von den anderen Kulturreligionen unterscheide, und wie unsere Anschauung über die Zukunft des Judenthums sei. In unseren Tagen ist der Zwiespalt zwischen den inneren Wahrheiten des Judenthums und seiner äußeren Erscheinung ans das Höchste gestiegen. Tausende haben sich von der Theilnahme an der Gemeinde ohne Scheidung innerlich losgesagt; sie wissen nicht, warum sie Juden sind und wollen es auch oft nicht wissen. Nur durch Gewöhnung, durch eine gewisse Pietät oder aus äußeren Gründen sind sie noch an die Religionsgemeinde gefesselt. Dieser Zustand hat aber einen besonders schädlichen Einfluß auf die Heranwachsende Jugend und ans die Frauen. Die Frauen, die durch ihre Stellung im Leben vorzugsweise berufen sind, die Religion im Hause zu erhalten, entbehren jedes Anknüpfungspunktes, die Jugend aber wächst aus unter Zweifeln, Täuschungen und inneren Konflikten, die jedes Religionsunterricht und jede tiefere Anregung Paralhsiren. All diesen Ungläubigen, den Zweifelnden, den Verzagenden, den Unwissenden, soll ein solches Buch aus dem Geiste des geschichtlicher! Judenthums heraus die rechte Antwort auf alle ihre Fragen und Jrrthümer geben. Auf die jungen jüdischen Theologen stützt sich vor allem unsere Hoffnung, daß die Preisaufgabe diesmal gelöst werden wird. Die Gelegenheit ist so günstig wie möglich, und wenn auch der Preis selbst nicht gerade verlockend ist, so zweifeln wir keinen Augenblick daran, daß sich Gönner unseres Schriftthums, Männer von Herz und Ehre finden dürften, die diesen Preis wesentlich zu erhöhen geneigt sein werden. Aber was will das alles sagen, gegenüber der Aussicht aus ein Werk, das zugleich eine That sein würde, eine große geschichtliche und wissenschaftliche That, auch selbst in dem Falle, wenn das Werk nicht allen Anforderungen, die inan daran knüpfen würde, entsprechen könnte; denn daß ein solches Werk jemals geschrieben werden sollte, glaubt doch ernstlich kein vernünftiger Mensch. Gegen jede Arbeit werden sich Einwendungen ohne Zahl erheben, und wenn heute Maimonides' „Führer der Irrenden" neu erschiene, so würden nicht nur unsere Orthodoxen, sondern auch manche andere Richtungen die schärfsten Einwendungen gegen das Werk erheben. Das soll aber die Männer nicht beirren, die sich an die Aufgab? heranwagen. Sie ist groß und schwer, aber sie ist zu lösen, wenn man mit Fleiß, mit Gründlichkeit, mit dem nöthigen Wissen, mit der sittlichen Kraft und vor allem mi! der tiefen inneren Ueberzeugung an die Arbeit geht, da; das Jndenthum eine Aufgabe habe, und daß es diese lösen muß. In vier Sätze» hat einmal Abraham Geiger die großen Gedanken des Judenthums einem Angriff von außer gegenüber zusammengefaßt (vergl. A. Geigers nachgelassen Schriften Bd. I, S. 260/61); in einem Satze hat Hillel einem Heiden gegenüber das ganze Wesen des Judenthums kundgegeben. An solchen Vorbildern erhebe sich der Mann, de uns die Schrift über das Wesen des Judenthums geben wird Berlin, 12. Februar. sZ^^ie werthvollste Nachricht dieser Woche ist ohne Zweifel di Mel düng der Tagesblätter, daß das Gutachten derhöchsteri Medizinalbehörde Preußens in der Konitze Angelegenheit nunmehr dem ersten Staatsanwalt in Koni!; zngegangen sei. Diese Behörde ist, rvie bekannt, die wissen schaitliche Deputation, bestehend aus den Professoren Virch ow v. Bergmann, Pistor, v. Leyden, Gerhardt. Olshausen, Jollv Rnbner, Moeli, Schmidtmann, König, Landolt. Kirchner. Da; Gutachten bestätigt im Wesentlichen die Ansichten, die indem Gut' achten des Westpreußischen Provinzialmedizinalkollegiums zu Danzig vertreten find, namentlich auch, daß der Halsschnitt kein Schächtschnitt war. In Einzelheiten, z. B. über di? Vorgänge, die sich kurz vor der Ermordung Ernst Winters ab gespielt haben müssen, wird, wie schon mitgetheilt, das Danziger Gutachten noch an Schärfe übertroffen. Das Resultat der eingehend begründeten hochwichtigen Feststellungen soll demnächt weiteren Kreise»! durch Herausgabe einer Broschüre zngänglic i gemacht werden. 4 Von nicht geringem Interesse ist gerade in diesem Auge, - blick eine Erörterung in der „Posener Zeitung" über den ve'- hängnißvollen Einfluß, den gerade der im nationalen Ge sinnungsgewande sich spreizende Antisemitismus gegenüber der Auswanderung deutscher Elemente aus der Provinz Pose i ansgeübt hat: „Am wenigsten aber kann man die Abwanderung Denjeuige > unter ihnen verdenken, die Jude» sind, und das ist ja wohl, wie d c Verhältnisse im deutschen Osten nun einmal liegen, ein wesentliche Bruchtheil der deutschen bürgerlichen Bevölkerung. Der gebilde t wohlhabende Jude in der größere» Stadt hat manches Mittel an d r Hand, um den gesellschaftliche» Antisemitismus von sich fern zu halten und ihm, wenn es Noth thut, auch einmal die Zähne zu zeige:: der kleine Mann in der kleinen Stadt leidet unter der Misere Tai für Tag und Stunde für Stunde. Auf diesem Gebiet hat das Beamtcnthum Unendliches gesündigt; wollen die leitende: Männer im Osten mit ihrem jetzt offenbar vorhandenen Wunsche, hi r Aenderung zu schaffen, durchdringen, so werden sie manches Mal fc t zugreifen müssen. Ist aber einmal von dem Antisemitismus die Red , so muß noch eines hinzugefügt werden. Wie die Inden im preußischen Osten sich immer als Deutsche gefühlt haben, so werden sie es auch in Zukunst thnn. Viele unter ihnen hegen dieses Gefühl mit besserem

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