Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1902)
- Date
- 1902-02-14
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 14. Februar 1902. 66. Jahrgang. Nr. 7. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. I Nedaeterrr: Gustav Karpeles.! Begründet von Nakbiner D* Ludwig Phttippsou-Lonn. Verlags-Crpedition: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und! Exvedition find an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin S 8>V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Änhttll'. Leitartikel: Die Preisaufgabe. — Die Woche. — Die Pensions¬ und Neliktenkasse der norddeutschen Rabbiner. II. — Theorie und Pr. xis. Von l-ugen Philipp. — Israelitischer Mädchenschutzverein. Von Dr. Heinrich rewh, Gymnasialoberlehrer in Mülhausen i. E. — Brief aus England. Zon Rev. Dr. Chotzner. — Eine Erinnerung an Ludwig August Frankl. Zvn Dr. M. Kahserling. — Drei wisseiischastliche Kleinigkeiten anS der Gegenwart. — Feuilleton: Das Messerchen. Von Albert Katz. III. — Litterarische Mittheiluugeu. -- Sprechsaal. Der Gemeirryevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Zeuthen O.-S., Kattowitz, Gleiwitz, Köln, AuS Baden, Wien. — Von Rah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Me Preisaufgabe. Berlin, 12. Februar. aufrichtiger Genugthuuug haben wir das Preisausschreiben des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin begrüßt, obwohl wir gegen Einzelheiten in demselben verschiedene Einwendungen zu erheben hätten. Indes sind diese doch nur nebensächlicher Natur, die Hauptsache bleibt für uns, daß ndlich einmal weite Kreis« das Bedürfniß nach einer Schrift mpfinden, deren Mangel wir in den letzten Jahren mehr als je gefühlt und in diesen Blättern beklagt haben. Hoffentlich wird das Preisausschreiben Erfolg haben. Ein fast tragisches Geschick lag über den Preisaufgaben, die bis jetzt auf dem Gebiete der Wissenschaft des Jndenthums gestellt wurden. Sie sind meist ungelöst geblieben. So viel wir wissen, wurde im Jahre 1841, und zwar vom Berliner tulturverein, dis erste Preisaufgabe gestellt. Sie lautete: Was war, was ist und was soll der Rabbiner sein? Eine Frage, die so vielfältige Verwickelungen in sich trug und noch trägt daß ne ihre wissenschaftliche Lösung weder damals noch bis heute gesunden hat. Es ist das sehr begreiflich, wenn man bedenkt, wie gering man damals in Berlin über die Bedeutung des iabbiiierstaudes gedacht hat. In dem nachmendelssohnschen Berlin herrschte die Anschauung, welche Rüben Samuel Bumpertz, ein echter Jünger der Ausklärungsperiode, ein Verwandter und Gönner von Leopold Zunz. in einem Gutachten an das preußische Ministerium des Innern vom 7. Dezember 1820 l roklamirt hatte, und in dem er nichts mehr und nichts weniger stigte, daß der Rabbiner nichts anderes sei und keine andere Bezeichnung verdiene wie als „Kauscherwächter", da seine Funktionen sich hauptsächlich auf die Entscheidungen über erlaubte und unerlaubte Nahrungsmittel, über das Kanschern der Speisen und Getränke und was dahin einschlägt, beziehen. Das Gutachten, so behauptete man damals, habe Epoche in der Geschichte gemacht, denn vorzüglich durch dessen Inhalt sei die frühere Allgewalt der Rabbiner in Preußen gebrochen worden: Bei solchen Anschauungen konnte die Preisaufgabe des Kulturvereins keine objektive Lösung finden. Späteren Preisausschreiben ging es auch nicht besser. Erst seit die Wissenschaft des Judenthums im Breslauer Rabbinerseminar eine Stätte gefunden hat, von der aus sie belehrend und belebend auf die Gesammtheit wirken konnte, änderten sich die Verhältnisse einigermaßen zum Besseren. Die Preisaufgaben, die einzelne Gönner der Wissenschaft an diesem Seminar gestiftet, sind oft glücklich gelöst worden und bildeten nicht selten eine werthvolle Bereicherung unserer Wissenschaft, irisbesondere einzelner wichtiger Partien der Geschichte oder der Lebensbeschreibung und Charakteristik hervorragender Persönlichkeiten innerhalb des Judenthums. Aber alles das gehörte natürlich nur der strengen Wissenschaft an, denn auf das Leben selbst, auf die Erziehung der Jugend, auf die allgemeine Bildung hatten diese und ähnliche Arbeiten wenig Einfluß. Die Aufgaben, die ein Berliner Mäcen vor einigen Jahren unserer Wissenschaft gestellt und mit einem ansehnlichen Preis ausgestattet hat, sind bis heute ungelöst geblieben; ein gleiches Schicksal wurde den beiden Preisausschreiben zu Theil, die der Berliner Verein für jüdische Geschichte und Litteratur zweimal hintereinander für die beste Jugendschrift ausgesetzt hatte, die das Leben Hillels, also ein für die Jugend gewiß sehr Passendes Thema, in populärer Weise behandeln sollte. So bildete sich allmälig die Anschauung heraus, daß Berlin kein Boden sei für Preisausschreiben Wir hoffen zuversichtlich, daß der Erfolg der jüngsten Anregungen ein günstigerer sein und jene Anschauung zu Schanden machen wird, der selbst der große jüdische Historiker noch gehuldigt, daß auf dem versandeten Berliner Boden nichts aufsprießen, und daß in dem Orte, wo Mendelssohn so zukunftsverheißend begonnen, seit dessen Tode nichts für die Verjüngung des Judenthums gedeihen könne. Worauf gründet sich diese Hoffnung? Einfach darauf, daß die Arbeit, welcher das Preisausschreiben gilt, gemacht werden muß; das Bedürfniß nach dieser ist ein dringendes, und darum wird ihm entsprochen werden. Einer unserer größten Gelehrten schrieb uns, als wir die erste Anregung zu einer solchen Schrift gaben, Folgendes: „Bücher wie die; welche Sie wünschen, können nicht bestellt werden; sie sind immer ans dem geistigen Leben unserer Gemeinschaft spontan herausgewachsen. Jehnda Halevi, Mendelssohn, Abraham Geiger waren mit ihren Werken fertig, als die Zeit ihrer bedurfte." Diese Einwendungen eines Mannes. der vielleicht wie wenige Andere geeignet wäre,