Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 6. Berlin, 7. Februar ,902. Veitage zur „Allgemeinen Zeitung -es IuöenLHums". Korresponderyen und Nachrichten. Nentschland. 8. Berlin, 2. Februar. Die heutige Repräsentanten-Versammlung batte sich nach der auf Wunsch des Gemeindevorstandes erfolgten Verweisung der einzigen interessanten Vorlage, der Interpellation betreffend die^onisii Kolonisation ^ssomatlon, in der geheimen Sitzung fast ausschließlich mit Bewilligung von Ausgaben und Neuwahlen für verschiedene Kommissionen zu befassen. Betreffs der Interpellation bringen wir unseren Lesern in Erinnerung, daß es sich hierbei um die Anfrage handelte, ob die Ablehnung, welche das Gesuch des Vereins „Esra" betreffs der Kolonie Machanajim durch den Aufsichtsrath der F. 0. erfahren hat. nur deshalb erfolgt ist. weil andere als die Rothschild'schen Kolonisationsbestrebungen von der 4. prinzipiell nicht mehr unterstützt werden sollen. Zum geschäftlichen Theil gab der Vorsitzende Justizrath Apolant bekannt, daß die Benutzungsordnung der Gemeindebibliothek in der voll der Repräsentantenversammlung abgeänderten Fassung die Genehmigung des Vorstandes gefunden hat, daß ferner die vom Lehrlingsheim Pankow geforderte Subvention in Höhe von jährlich 3000 Mark auf die Dauer von drei Jahren vom Gemeindevorstand abgelehnt ist. Letzterer ist aus prinzipiellen Gründen zur Abweisung der Vorlage gelangt, weil hierdurch ein Präjudiz für alle anderen privaten Vereine geschaffen und es sich nicht übersehen lassen würde, zu welcher Mehrbelastung des Gemeilldeetats eine derartige Bewilligung führen würde; außerdem würde jedoch infolge der Beihilfe seitens der Gemeinde die private Wohlthätigkeit großen Schaden erleiden. — Für die gemischte Deputation zur Ueberwachung des Baues und Einrichtung der Mädchenschule auf den Grundstücken Kaiserstr. 29 30 wird die vom Ausschuß beantragte Wahl von 2 Mitgliedern des Gemeindevorstandes vier Repräsentanten, vier Mitgliedern des Schul- und Talmud-Thora- Vorstandes und zwei Vertretern der Baudeputation gutgeheißen. Vom Gemeindevorstand sind bereits die Herren Dr. Lachman n und Netter gewählt worden, seitens der Repräsentanten wurden theils durch Akklamation, theils durch die Stimmzettel die Herreu Frankel. Prof. Blaschke, Prof. Geiger und Prof. BaginSkh abgeordnet. Zur Revision aller Gemeindekassen und der Depositorii wird wiederum wie ill den Vorjahren nur eitle Kommission eingesetzt, in welche die Herren Kommerzienrath Friedländer, Sieskiud, Isidor Sachs und Hirsch gewählt werden. — In das Kuratorium der Ephraimstiftung werden anstatt der ausgeschiedeuen Herren Willibald Loeweuthal und Bellas Levh die Herren Isidor Sachs und Adolph Mäher, in die Kommission zur Anstellung von Hilfsarbeitern für die jüdische Gemeinde Prof. Geiger, in das Kuratorium des Reichenheim'schen Waisenhauses Pros. Bagi nsky. in das Kuratorium des II. Waisenhauses Syndikus Dr. Minden deputirt. Die vom Ausschuß beantragte Wahl des Herrn Lollis Sachs in die Kommission für den Normalbesoldungsetat, die sich übrigens auch mit der Errichtung einer Pensions- und Neliktenkasse der Beamten der jüdischen Gemeinde befassen soll, mußte in den Ausschuß zurückverwiesen werden, da Herr Sachs bereits dieser Kommission angehört. Zu einer Reibung zwischen den Parteien kam es bei der Wahl eines Mitgliedes in die Subventionskommission, für welche Kommerzienrath Friedländer und Rechtsanwalt Cohn in Vorschlag gebracht waren. Während es Herr Louis Sachs als Ungerechtigkeit empfindet, falls die Wahl Friedländer nicht zu Stande käme, da unter den sieben Mitgliedern dieser Kommission sich nur ein einziger Freisinniger befände, wollen die Konservativen die Wahl nicht zu einer Parteisache gemacht wissen und begründen ihren Vorschlag damit, daß Rechtsanwalt Cohn es selbst gewünscht hätte, dieser Kommission anzugehören, dann aber auch für die Materie mehr Sachkenntniß besitze. Der Wunsch des Kandidaten war übrigens, wie der Referent ausführen konnte, keinem einzigen Mitgliede des Ausschusses bekannt gegeben worden. Herr Manheimer bittet, die Gegensätze zwischen freisinnig und nichtfreisinnig hervorzu' kehren; Professor Landau möchte dem Gerüchte aus parteipolitischem Interesse entgegentreten, daß der konservative Kandidat auf Betreiben der Partei gewählt sei, welche aus einem ihm unbekannten Grunde zu dem Namen der „orthodoxen" Partei gekommen sei. Die Abstimmung endete naturgemäß bei der jetzigen Zusammensetzung der Versammlung mit der Wahl des Konservativen, auf welchen 12 unter 19 Stimmen fielen. In die Kommission für die festgottesdienstlichen Veranstaltungen wurde Herr Hirsch gewählt. Es ist in Aussicht genommen, diese Kommission zu erweitern und ihr auch die Wahl von Kantoren zu übertragen; alsdann soll auf Wunsch des Ausschusses Herr Willibald Loewenthal. dessen Leistungen lobend hervorgehoben wurden, als Gemeindemitglied wiederum in diese Kommission hineingewählt werden. In die Veranlaguugskommissiou wird Rechtsanwalt Cohn abgeorduet; die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder der Armen- und Waisen-! kommission werden sämmtlich durch Zuruf wiedergewählt. — Zur Befestigung und Reparatur des Stucks in der Synagoge Oranienburgerstraße werden 12000 Mark bewilligt, für den Abbruch der Baulichkeiten auf dem Grundstücke Auguststraße 13 nachträglich 360 Mark. — Die Beiträge der Koscherfleischhändler zum Pensions- und Unter-! stützungsfonds werden, wie seit Jahren, auch für 1902/1903 erlassen; die Herrschaften sind immer noch in der glücklichen Lage, für ihren Fonds nichts zu brauchen, haben auch immer noch nicht Veranlassung j genommen, die durch nichts zu rechtfertigenden theuren Fleischpreise i herabzusetzen. — Die Subvention au die jüdische Lesehalle und Bibliothek in Höhe von 300 Mark wird debattelos genehmigt, ebenso eine Beihilfe von 300 Mark an das jüdische Kinderheim, nachdem die von den Repräsentanten beantragte Erhöhung auf 500 Mark nicht die Billigung des Gemeindevorstandes gefunden hat. — Der Rechnungsabschluß der Gemeindehauptkasse Pro 1900/01 wurde nach detaillirten Zahlenangaben, welche wegen des rasenden Tempos, in dem sie vom Referenten Kommerzienrath Friedländer gegeben wurden, nicht fixirt werden konnten, dechargirt und die Etatsüberschreitungen genehmigt. Ein Zuwachs der Gemeinde ist nur um 513 Ceusiten erfolgt, ein so günstiges Anwachsen wie in früheren Jahren steht in Zukunft kaum zu erwarten; die Subventionen haben im Vergleich zum vorigen Abschluß 11000 Mark mehr betragen. — Die Ausgaben der Schutzkom- Mission konnten aus privaten Mitteln bis auf 34.50 Mark bestritten werden, deren Deckung aus der Gemeiudekasse gefordert und genehmigt wird. — Zu einer längeren Debatte kommt es noch beim Etat des Krankenhauses pro 1902/1903 der in Höhe von 62480 Mark vom Gemeindevorstand aus ein Jahr bewilligt worden ist. Es wird hierbei vom Professor Landau die Aussetzung der Berathung gefordert und der alte Wunsch betreffs Errichtung einer gynaekologischeu Station wiederum erhoben. Während dies Verlangen von Geheimrath Blumenthal unterstützt wird, ersteht ihm in Herrn Louis Sachs der alte Gegner. Der Vertagungsantrag wird abgelehnt, der Etat genehmigt und ein Antrag Blumenthal, den Gemeindevorstand zu ersuchen, eine Vorlage über die Angliederuug neuer Krankenabtheilungeu an das Krankenhaus der Gemeinde zu machen, auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gestellt. — Damit waren die Vorlagen der öffentlichen Sitzung erledigt. Aus der darauffolgenden gehe imen Sitzung sind wir in der Lage mitzutheilen, daß zum Syndikus der hiesigen Gemeinde der dem Gemeindevorstand angehöreude Rechtsanwalt Lilienthal, zum Kantor Herr David sohu und zum Hilsskantor Herr Kirschner gewählt worden sind. 8. Berlin, 3. Februar. Einem früheren Beschlüsse der Repräsentautenversammlung hat nunmehr der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde durch die Drucklegung eines Berichtes über die Schulen und Religionsschulen entsprochen. Der Berichtwelcher dadurch, daß allen Schülern ein Exemplar gegeben wird, weitesten Kreisen der Gemeindemitglieder zugänglich gemacht wird, bietet in sehr übersichtlicher und instruktiver Form die von den Leitern der einzelnen Anstalten erstattete allgemeine Lehrverfassung und zwar die den einzelnen Lehrgegenständen zugewiesene Stunden-