Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 72 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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72 »Ich geh' schon," antwortete ich, „ich geh' schon." „Zeig mir aber zuerst" — fuhr mein Vater fort - „die Hände; sie sind doch so roth und »aß! Warum grabbelst Du im Schnee herum?" „Ich ... ich —" gab ich zur Antwort — „habe nur nur die Hände gewaschen." „Was! Die Hände hast Du Dir gewaschen!" — polterte mein Vater — „mit Schnee!? Es ist wohl kein Wasser bei uns im Hanse? Was? Wenn ich's noch einmal gewahre, sollst Du was erleben. Nun aber geh' schon ins Cheder und erlerne die ganze Thora auf einem Fuß." y Doch giebt's nichts Beständiges ans Erden! Der Winter ging seinem Ende entgegen. Die Sonne, die Frühlingsstürme befreiten allmälig die Erde von der sie bedeckenden Schneefläche, und ich war wieder in die Lage gekommen, für mein Messerchen eine andere Unterkunft ausfindig zu machen. — Es lag nun auf dem Hofe in einem tiefen Grübchen, gebettet in Gras und frischen, grünen Blättchen, verschüttet mit der ausgegrabenen frischen, schwarzen Erde, und drei kleine Steinchen, die ich oben einsenkte, kündigten mir den Ort meines Schatzes an. Wie oft belustigte ich mich im Stillen, wenn mein Vater, der au schönen Abenden, um sich nach der Tagesarbeit in srischer, kühler Lust zu erholen, den Hof anssuchte, sich mit seinem Stuhl gerade dort niederließ, wo unten mein Messerchen verborgen lag. Ach! Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, was unter ihm in der Erde verscharrt lag. - - Ich betrachtete still sein blasses Gesicht, das bei dem matten Licht des Mondes mir noch fahler als je zuvor erschien und dachte: Ach Vater! Vater! Du hast mir einst mein einfaches Messerchen weggenvmmen! Nun habe ich ein besseres, ein schöneres, Du sitzest jetzt darauf und weißt es nicht, Du weißt auch nicht, woher ich es habe. — Recht so! „Was glotzest Du mich mit Deinen großen Augen wie ein Rater an?" - hörte ich Plötzlich meinen Vater rufen. „Warum sitzest Du hier mit verschränkten Armen wie Jemand, der nicht mehr zu sorgen hat? Wie ist es mit Deinen Chederarbeiten? Hast Du schon Krischme-i geleiert? Berbrannt sollst Du nicht werden, Dn Taugenichts, Du nichtsnutziger Junge." Wenn sich mein Vater einer solchen Redensart bediente, wenn er sagte: Verbrannt, „geharget" sollst Dn nicht werden, wußte ich, daß er in guter Stimmung war. Das war für mich ein Zeichen, daß er nicht böse war. Und wirklich! Kann man denn an einem solchen schönen Sommerabend, der Jeden aus der dumpfen Stube ins Freie lockt, wo weiche, frische Luft herrscht, böse sein! Alle, Alle sind jetzt aus dem Hos, der Vater die Mutter, die Geschwister, Herr Herz Herzenherz, Alle haben das Recht, die frische Luft zu genießen, nur ich nicht. Ich allein sollte in der heißen Stube, wo man bei der Hitze kaum athmen konnte, über den großen Folianten hocken und lernen. Doch warte! dachte ich mir - ich weiß schon, was ich nachher thun werde. — Alle waren schlafen gegangen, die Lichter waren ausgelöjcht, ich hörte das Schnarchen von meinem Vater, ich aberkannte nicht schlafen, ich wälzte mich von einer Seite auf die >) Eine von den polnische» Juden oft angewendetc Redensart, die ill der talnindischen Erzählung von dein Heiden, der a» Hillel das Ersuchen richtete, ihm die Thora so schnell, als er ans einem Fuße würde stehen könne», beizubringen, ihren Ursprung hat. -j Das Schmagebet vor dem Schlafengehen. andere, ein gewisses Etwas trieb mich aus dem Bette heraus. Leise schlich ich mich an die Thüre ran, öffnete sie und ging auf den Hof. Mit vollen Zügen sog ich die frische Luft ein und fühlte iil mir neues Leben. Dann grub ich mein Mefserchen aus und betrachtete es bei dem Hellen Mondschein. Ach, wie glänzt es doch so schön! Ich richtete meinen Blick zum Mond empor und sah, wie auch er mein Mefserchen betrachtete. Warum aber schaute er mein Mefserchen so seltsam an? Ich drehte mich schnell um, er aber blickte mir nach; ich versteckte es in meinem Nachtgewand, er schaute mir noch immer nach, sein Blick ruhte wie festgebannt auf mir und meinem Mefserchen. — Woran mochte er jetzt nur denken? Gewiß, erweist, was das für ein Mefserchen ist, und woher ich es genommen habe. Doch genommen? Nein! Gestohlen habe ich es! Gestohlen vom Schreibtische des Herrn Herz Herzenherz! Wie ein einfacher Dieb gestohlen! Und ach, der Mond, Gottes Mond, sieht das gestohlene Gut in meinen Händen! Er weiß, ivas ich verbrochen, und welche schreckliche Strafe mich dafür erwartet! Wehe mir, gestohlen, ich bin ein Dieb! (Schluß folgt.) Sprerhsaal. Geehrte Redaktion Verlaufe offizieller Verhandlungen erklärt Herr Dr. Martin Schreiner, das; er die auf uns mittelbar zurückgehende Erklärung der „Kölnischen Zeitung" vom 13. Dezember 1901, den Nabbinerverband betreffend, als Hypothese aufgefaßt haben wollte. Die Form seiner Aenßerung war von uns unverändert wiedergegeben worden. Wir bedauern die Komplikationen, zu denen die Erklärung geführt hat. Berlin. 3. Februar. Der Nationaljüdische Verein der Hörer an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums. 4 Sehr geehrter Herr Redakteur! <Mhr im übrigen trefflicher Bericht über den Delegirtentag in Hambürg ^enthält in dem Passus, welcher meinen Vortrag betrifft, einiges Unrichtige. Es heißt da, ich habe gefordert: „Die auszuwählenden Bücher müssen hauptsächlich unterhaltenden, weniger belehrenden Inhalts sein. Schriften, die moralische Abhandlungen enthalten, sind vollständig anszuschließen, da die Abhandlungen doch nicht von Kindern gelesen werden, und sie durch Überschlägen dieser Stellen nur zum flüchtigen Lesen auch anderer Bücher verleitet werden. Das wenn irgend möglich in poetischer Form gehaltene Werk soll auch literarisch werthvoll sein." Ich habe aber ausgeführt, daß belehrende Bücher nur in ganz geringer Zahl, Bücher, welche nur erziehliche Abhandlungen enthalten,7gar nicht in der Bibliothek vorhanden sein sollen, weil die Kinder Schriften ersterer Art meistens nicht gern, Werke letzterer Art aber gar nicht lesen. Den Hauptbestand der Bibliothek sollen Bücher in dichterischer Form bilden; dieselben sollen literarisch werthvoll sein. Vom Ueberschlagen gewisser Stellen habe ich in anderem Zusammenhang gesprochen. Da aber mein Vortrag demnächst im Druck erscheint, so will ich auf diesen Punkt nicht näher eingehen. Im Voraus bestens dankend, zeichne ich mit vorzüglicher Hochachtung Lünen. 19. Januar 1902. Louis Meyer, Lehrer. Druck und Verlag von Rudolf Muffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.