Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 71 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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71 dev Kirche und der Synagoge. Bis in die Einzelheiten der Gewandung sind diese treu der Szene nachgebildet, welche sich in oder vor der Kirche abspielte, dein Streitgespräche zwischen Kirche und Synagoge im kirchlichen oder weltlichen Schauspiel. Wie mußte der Anblick der hinfälligen Synagoge neben der stolzen siegreichen Kirche die Herzen schwellen, wenn man am Karfreitag d e Klagelieder Jeremias vortrug: „Wie sitzt einsam die Stadt, die volkreiche, ist einer Wittwe gleichgeworden, die Herrin über die Völker! . . . Gefallen ist die Krone unseres Hauptes. Weh uns!", wenn der Ruf ertönte: „Jerusalem. Jerusalem, eonvertero te all Dem» tuum!" In diesem Geiste, genau nach der Rolle, die sie im Schauspiel bekleidete, war die Figur der Synagoge gebildet: die Krone fiel von ihrem Haupte, ihr Banner war gebrochen, die Gesetzestafeln ließ sie sinken, die Binde tragt sie vor ihren Augen, wie sie ihr einst — im Schauspiel! - die siegreiche Kirche anzulegen Pflegte. So wurde diese Gruppe — und sie ist es, wie am Straßburger Münster, bis auf den heutigen Tag geblieben — ein Petrefact des Judenhasses. Das Messerchen. Von Albert Katz. H. ^^och einmal ließ ich meinenBlick nach allen Seiten schweifen xT, und steckte das Messerchen wenigstens ans eine Minute in meine Hosentasche. Dann wollte ich es herausnehmen und auf seinen früheren Platz zurücklegen, allein ich vermochte es nicht, ein gewisses Etwas hielt meine zitternde Hand wie festgebannt in der Tasche zurück. Mein Herz begann heftig zu pochen, ich vernahm die Schläge „Tick, tick" ganz deutlich, die Füße wurden nur schwer, die Sinne wirr, denn mir däuchte, es näherten sich Schritte, die Schritte des Herrn Herz Herzenherz, und ich lief davon. — Nun bemächtigte sich meiner eine schreckliche Unruhe. Ich wollte und konnte Niemanden ins Gesicht sehen, das Abendbrot» ließ ich unberührt, und Alle merkten mir an, daß mir was fehle. Die Mutter befühlte meine Stirn, der Vater wars mir zürnende Blicke zu und sagte: „Er soll schlafen gehen." Ja, schlafen, ich wollte gern schlafen und alles, was mich bedrückte, in tiefen Schlaf versenken. Doch der Schlaf floh meine Augen: ich hielt mich für verloren, was beginne ich mit dem Messerchen?- „Komm' nur her, mein Tachschit— redete mich mein Vater am Morgen des darauf folgenden Tages an, „hast Du nicht irgendwo das Messerchen gesehen?" Anfangs erschrak ich, denn ich glaubte, nun wisse man es, »nd ich wollte schon meine That eingestehen. Jndeß, das Wort blieb mir in der Kehle stecken und am ganzen Leibe zitternd erwiederte ich: „Was für ein Messerchen?" „Was für ein Messerchen?" ahmte der Vater meine Antwort nach das schöne Messerchen deS Herrn Herz Herzenherz." ») Zierde. „Was willst Du nur vom Kinde haben?" fiel nun die Mutter wie ein rettender Engel ein, „was Plagst Du ihn mit solchen Fragen? Unsere Feinde sollen so von Gutem wissen, wie unser Kind von dem Messerchen etwas weiß, und Du quälst und peinigst es ohne Unterlaß." „Was heißt, er weiß nichts?" wendete der Vater wüthend ein — „den ganzen Morgen hört er, wie man schreit: Das Messerchen, das Messerchen ist nicht da. und er weiß nichts," und an mich sich wendend, schrie er: „Geh schon, geh, Tachschit, und nimm ein Sepher in die Hand." „Gott sei Dank" — dachte ich mir — „sie scheinen es wirklich nicht zu wissen, ach! Gott sei Dank! Doch was beginnt man nun? Vielleicht finden sie es doch. Es liegt zwar in einem Kämmerchen gut versteckt, aber der Ort schien mir nicht sicher, ich mußte auf einen sichereren sinnen. Aber wo? wo? Ja, ich Hab' es; auf dem Boden." Ohne lange zu überlegen, schlich ich mich ins Kämmerchen und versteckte das schöne weiße Messerchen in meiner Hosentasche, um es, sobald sich eine günstige Gelegenheit bietet, ans dem Bodenraum zu verlegen. Plötzlich aber hörte ich meinen Namen nennen, man rief mich zu Tisch. Da siel es mir ein, vielleicht kommt mein Vaterplötzlich auf den Einsall, meine Taschen zu untersuchen. Schnell entschlossen ließ ich das Messerchen in den Stiefelschaft gleiten, setzte mich an den Tisch und begann hastig zu essen, hastig wie nie zuvor. „Warum ißt Du so schnell?" fragte mich der Vater. „Es ist schon spät" — erwiederte ich — „ich muß ja bald itls Cheder gehen," und mein Gesicht flammte wie Feuer. „Seht mal, wie fleißig mein „Kaddisch" plötzlich geworden ist," sagte mein Vater ironisch. — Gott sei Dank, bald war das Mahl vorüber, und schon nach einigen Minuten war ich auch mit dem Benschen fertig. „Nun, warum gehst Du nicht? Worauf wartest Du? Du hattest doch früher solche Eile?" schrie mein Vater. „Aber Leiser, warum treibst Du ihn? Warum gönnst Dil ihm keine rnhige Minute?" siel meine Mutter vorwurfsvoll ein. „Ich kann ihn nicht ansehen, den Taugenichts," unterbrach sie barsch der Vater und begann heftig zu husten. Ich benutzte diese Gelegenheit, schlich mich leise ans dem Zimmer, stieg unbemerkt auf den Boden hinauf, und nun lag mein weißes Messerchen ruhig und sicher. Ich ging nun ins Cheder und bemühte mich, die mich ängstigenden Gedanken zu verscheuche». Allein es wollte mir nicht gelingen. Vielleicht, dachte ich, wird der Bodenraum heute oder morgen zum Wäscheaufhüngen benutzt, und wie leicht könnte man da das Messerchen finden. Ich sah ein. daß ich auf ein sichereres Versteck sinnen mußte, und kaum war ich wieder nach Hause gekommen, da holte ich meinen Schatz schnell vom Boden herab und verbarg ihn nunmehr an einen Ort, der mir als unbedingt sicher erschien. Ihr wollt wohl wissen, wo? Ent, ich verrathe es auch: im Schnee, der damals einen Meter hoch über der Erde lag. An der Wand unseres Hnhnerstalles bettete ich das Messerchen in den weißblendenden Schnee und bezeichnete mir den Ort mit zwei Stückchen Holz. Dort lag es wochenlang vergraben, still und ruhig, und nur einmal täglich holte ich es verstohlen hervor, um mein Auge daran zu weiden. Doch einmal, gerade als ich's, in ein von meinem Nock abgerissenes Stück Futter gehüllt, wieder diesem sichern Versteck übergeben hatte, hörte ich meinen Vater schreien: „Wo bist Du, Junge, warum gehst Du nicht ins Cheder?"