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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-07 · Heft 6 (7.2.1902) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
Seite 70 (sequence 12)
Language
German
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70 stützten sich wiederholt, hat hier seinen erhabensten Ausdruck gefunden: der Streit zwischen Kirche und Synagoge. Schon die ältesten Denkmäler christlicher Kunst zeigen die bei jeder Darstellung des Meßopfers von selbst sich ausdrängende Gegenttberstellnng des alten und des neuen Bundes. Bald begleiten einen Bilderkreis aus dem alten Testament Parallelen ans den Evangelien, bald scheidet der Künstler zwischen „Jerusalem" und „Bethlehem" oder zwischen der „lleelcsia ex eiremneisicnw" und der „lleelei-irr ex Zentibus". Ungefähr seit dem Beginn des 9. Jahrhunderts finden wir auf den Kreuziguugsbildern in ähnlichem Verhältniß Kirche und Synagoge, zumeist die eine links, die andere rechts vom Kreuze, mitunter beide in gesonderter Gruppe. Den Ursprung dieses Gedankens dürsten wir mit Weber «„Geistliches Schauspiel und kirchliche Kunst in ihrem Verhältniß erläutert an einer Ikonographie der Kirche nnd Synagoge' Stuttgart 1894") in einem der bekanntesten Dialoge zwischen Christenthnm nnd Judenthum suchen, deren die Litteratur des christlichen Mittelalters bereits seit dem zweiten Jahrhundert so viele aufweist. Es ist der Pseudo-augustinische „De ultvreatioim lleelesiiie et 8vm«^o<r«6 clialoKns." Die Szene bildet eine Gerichtsverhandlung. Der Advokat legt den „Censvreu" den Streitfall zweier Frauen, der Ecclesia und der Synago ga, wegen ihres beiderseitigen Besitzstandes vor. Die Ecclesia beweist der Synagoga aus dem alten Testamente selbst, daß sie die Berufene des Herrn sei. „Daher bin ich jetzt die Königin, die dich deiner Herrschaft enthebt. Ich bin die Braut des Herrn, der mein Haupt gekrönt und mir den Purpnrmantel ningehängt hat." Mit der Einführung dieser „Altercativ" in den Gottesdienst, als die Karolinger an die Stelle der alten gallikanischen Liturgie die allgemeine römische setzten, fällt zeitlich nnd örtlich das erste Auftreten jener Darstellung zusammen. Wie allen Denkmälern der ersten acht christlichen Jahrhunderte, so ist auch hier noch keine Spur einer Gehässigkeit gegen das Judenthum wahrzunehmeu; es ist das Bild des Streites, noch nicht des Tri« m phes. Doch das ändert sich sogleich. Der in der Altercativ zwischen Kirche und Synagoge konstruirte Gegensatz wurde durch eine gleichfalls Augustin untergeschobene Predigt, welche wir im 12., spätestens im 14. Jahrhundert dank dem ihr durch die „Applicatio" ihrerseits wiederum verliehenen Nachdruck über ganz Europa verbreitet finden, den „Sermo beoti ücig'n-lliui contra .luchrcwL <4 ürisnos «io szmrboloN erweitert und verschärft. Auch hier soll die Erfüllung des alten Testamentes durch das Christenthnm aus ersterem selbst erwiesen werden. Dafür wird eine lange Reihe von „Propheten" angerufen; man versteht darunter: Jesajas' Jeremias, Daniel, Moses, David, Habakuk, Simeon, Zacharias, Elisabeth, Johannes der Täufer, aber auch Vergil, Nebukadnezar und die heidnische Sibylle. Dieser „Senno", welcher übrigens etwa seit Beginn des 11. Jahrhunderts in die Liturgie Ausnahme findet, entwickelt sich naturgemäß zur dramatischen Handlung; das Zwiegespräch zwischen den einzeln aufgerufenen „Propheten" und den verstockten Ungläubigen bildet den Inhalt des „Prophetenspiels," dessen älteste bildliche Darstellung wir in dem Wandgemälde von S. Angela in Formio bei Eapna ans dem 11. Jahrhundert zn sehen haben, und dessen vollendeteste Wiedergabe Weber iu den titanischen Deckengemälden Michelangelos in der Sixtina erblickt. Diese Entwickelung begleitet eine wesentliche Wandlung der Ansfassuug unseres Gegenstandes in der bildenden Kunst. Woher aber die fortschreitende Aufnahme der längst vergessenen „Altercativ" und des „Sermo" in die Liturgie, und woher der wachsende Gegensatz zwischen Kirche nnd Synagoge in der bildlichen Darstellung? Beides findet seine Erklärung in der veränderten Lage der Juden, vor allem in dem Gebiete, welches als die Wiege dieser Darstellung gelten darf, in der Gegend zwischen Mosel, Maas und Schelde. Wir stehen im Zeitalter der Kreuzzüge. Unter den Karolingern genossen die Juden eine Macht und ein Ansehen, an welchen alle judenfeindlichen Bestrebungen der Kirche, so jene Ausgrabung der „Altercativ", scheitern mußten. Juden besorgten den Handel mit dem Orient, sie leiteten den Verkehr zur See. sie sorgten für die Bedürfnisse des königlichen Hofhaltes, waren von allen Staatslasten befreit und durften Grundbesitz erwerbe». Die Krenzpredigt am Ansgang des 11. Jahrhunderts machte diesem Zustand ein Ende. Die Greuel der Kreuzzüge brachten den jüdischen Gemeinden, wenn nicht Untergang, so doch unheilbares Verderben. Seit dein 13. Jahrhundert sind sie des „Kaisers Kammerknechte". Damit war ihnen jeder Anspruch auf einen Rechtstitel benommen. Außerdem wurde der Jude, in dessen Händen einst der gesammte Handel gelegen, davon ausgeschlossen und als Schacherer und Wucherer dem Haß und der Habsucht des Pöbels überantwortet. Sich seiner Schulden durch Todtschlagen oder Plündern des Gläubigers zu entledige», war ein von den höchsten weltlichen und geistlichen Würdenträgern begünstigtes, von ihnen selbst systematisch angewandtes, allgemein beliebtes Verfahren. Der Judeneid. die von Jnnocenz III. 121-5 vvrgeschriebene Judentracht, während bis dahin den Inden im Aeußeren nichts als solchen gekennzeichnet hatte, und das Ghetto thaten das ihrige, die Rohheit des Volkes, seinen Haß gegen die Inden zn nähren. Ihren Höhepunkt erreichte die Aufreizung des Pöbels in der dramatischen Osterfeier, deren Anfänge sich bis in das 9. Jahrhundert zurück verfolgen lassen. Ans dem Vorlesen der Passionsevangelien mit vertheilten Rollen, wie es heute noch am Karfreitag in der katholischen Kirche beliebt ist. entwickelt sich das Passionsspiel. Wie leicht war es da, in die Golgathaszene die durch die Autorität eines Augustin beglaubigte „Altercativ" einzufügen, und das Ganze mit Momenten aus dem „Sermo" zu verbrämen! Wie leicht war es, an die Stelle der römischen Kriegsknechte am Kreuze Juden zu setzen, die in ihrer verächtlichen Tracht, nnd in Geste wie in der Sprache karikirt — und wie trefflich man sich darauf verstand, das zeigen zur Genüge die Spottbilder aus dem 15. Jahrhundert - das Heiligste verhöhnten! Wie lebendig tritt da vor unsere Phantasie eine jener ganz gewöhnlichen Greuelszenen, wie der rohe Haufe wntheutbrannt und beutelüstern mit entfesselter Gier von solchem Schauspiel hinwegstürzt, um draußen in der Judenstadt wahr zu machen, was ihm das „Spiel" nur in« Bilde vorgesührt. Diese Spiele, sei es Passivus-, Antichrist-, Weihnachts-, Frohnleichnams- oder Fastnachtsspiel, vom „Tegernseer Drama vom römischen Kaiserthum deutscher Nation und vom Antichristen" bis zum „Vastnachtsspil, dic Alte nnd Neue Eva, dic Sinagog, von der Uebenvindung der Juden in ir Talmnt," sie sind uns noch deutlicher als in der litterarischen Ileberliefernug gegenwärtig in den beiden Figuren:

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