Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 69 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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SS Zum Heiligthum Zion'S, Jerusalem's Hügel, Hin strebte der Sänger — zu finden sein Grab! Es spannte sein Adlergeist muthig die Flügel Zum Land, das bei Tag und bei Nacht ihn umgab" Nachdem unser Dichter die Seereise des Jehuda Halevi, seine Ankunft in der heiligen Stadt, sein Entsetzen beim Anblick der „Trümmer voll Grausen" schildert, ihn an die Gräber der Propheten Jesaias und Jeremias führt, mit seinen Thränen jeden Ort und jeden Stein befeuchten läßt, endlich zu Libanons Höhen geleitet, dessen Zedern „ergraut sind in der Klage um Israels Weh," fährt er fort: „Sie rauschen voll Schauer dem Sänger entgegen, Sie klagen um Zion so schmerzlich und bang; Da suhlt er im Herzen ein heißes Erregen, Da floß ihm vom Munde der göttliche Saug . . . Er sang sein: „O Zion, so grüßest du nimmer!" Da schwiegen die Bäume, als ob sie begehrt: Die rührende Klage, sie töne für immer, Da solche sie nicht seit Zeremia gehört! Am 7. Adar 5588 (1828) in Wilna geboren, verrieth Michael Lebensohn schon als Knabe eine außerordentliche Begabung und berechtigte zu den schönsten Hoffnungen für sein zukünftiges Leben. Allein kaum 2« Jahre alt, nahm eine tückische Krankheit von seinem jungen Leben Besitz und zerriß das Herz des Vaters, der seinen geliebten, hoffnungsvollen Sohn hinsiechen zu sehen, ohne dagegen ankämpfen zu können, vernrtheilt war. Ans Anrathen der Aerzte schickte der besorgte Vater ihn nach Berlin, um einige Spezialisten zu konsultiren, allein auch diese vermochten nicht, den Keim des Todes ans der Brust des jugendlichen Dichters zu entfernen. Sie empfahlen ihm Ruhe und Schonung, allein sein nach Wissen und Erkenntnis; strebender Geist kehrte sich um ihre Verordnung nicht, und mit wahrem Fenereiser, vielleicht in der Vorahnung des schnellen Herannahens seines Lebensendes begann er an seinen Dichtungen zu arbeiten, die bald die Aufmerksamkeit naher und weiter Kreise ans sich lenkten. In Berlin waren es besonders Senior Sachs und Leopold Zunz, die sich seiner annahmen und ihn mit ihrem Rath leiteten. Seine erste größere Arbeit war die Uebersetzung der „Zerstörung Trojas" von Virgil, die zur Zeit in Fachkreisen berechtigtes Aussehen erregte. Dieser folgten bald sechs andere Dichtungen, die sümmtlich in Berlin entstanden und Originaljchöpfungen des Verfassers sind. Wie aus dem Vorworte zu dieser unter dem Titel „Lieder Zions" vereinigten Gedichtsammlung zu ersehen ist, ist es dem Einfluß Leopold Zunz' znzuschreiben, daß Michael Lebensohn seine Muse, wie er sich selber ausdrückte, „der Tochter Zions" zugewandt hatte. Das erste Gedicht dieser Sammlung trägt als Ueberschrist die Namen Salomo und Kohelet, und es ist zu bewundern, bemerkt mit stecht der von uns oben bereits erwähnte Tugendhold, mit welcher Meisterschaft der jugendliche Dichter dem in Zweifelsmarter hinsterbenden Salomo die Gottheit selbst erscheinen läßt, der, nachdem ihm ein ungetrübter Blick ins Reich des Geistes gegönnt war, mit allen Schauern einer reueentflammten Seele, sozusagen von jenseits des Grabes her seinen Zeitgenossen feierlich zuruft: Hört! dies ist das Resultat aller meiner sonst irregeleiteten Forschungen: „Ehrfürchtet Gott befolgt achtsam seine Gebote, das ist ans Erden des Menschen ganze Bestimmung." Vergeblich suchte unser Dichter Heilung in Salzbrunn und Reinerz. Im Herbst 1851 kam er schwer leidend zurück nach Wilna, wo er im Februar 18-52 seine edle. Seele aushauchtc. Die Nachricht von den; Ableben dieses gottbegnadeten Dichters hat in den gebildeten jüdischen Kreisen tiefe Trauer und rege Antheilnahme an dem Schmerze des schwergeprüften Vaters herbeigeführt. Unter den vielen Beileidsschreiben an den Dichter Vater befand sich ein solches auch von Samuel David Luzzatto, aus dem zum Schluß nur folgender Passus angeführt sei: „Micha Joses!" — das war der richtige Name unseres Dichters - „mein geistiger Sohn, ist am Himmel der hebräischen Poesie, wie ein Meteor am Firmament, erschienen und — verschwunden. Viel, unendlich viel, habe ich von seinem großen Geiste, von seiner reichen Schaffenskraft erwartet, und ich freute mich und war stolz darauf, einen so theuren Freund m f ernen Osten zu besitzen. Wo aber ist nun meine Hoffnung? Ach! sie hat mich bitter getäuscht und meine Freude in tiefe Trauer verwandelt. Doch aus der Tiese der Trauer leuchtet uns tröstend sein ruhmgekrönter Name entgegen, der unvergessen bleiben, und ein Segen für die spätesten Geschlechter sein wird." X/.. Gin Petrefakt des Judenhasses. Von Dr. Mar Grunwald-Hamburg. Der Stein aus der Mauer schreiet uud der Sparren aus dem Holzgerüst ruset. Habakuk 2, 11. in Jahrhundert etwa zählen wir seit der Allsfindung jenes Steins von Rosette, in welchem man den Schlüssel zur Entzifferung der Hieroglyphen entdecken sollte. Seitdem mehren sich Jahr um Jahr „die Steine, welche reden", unumstößliches Zeugniß reden für die Geschichte des Gottesvolkes. Die Berichte der Bibel, an deren Entkräftung eine findige Forschung in voreiliger Freude ihren Scharfsinn wetzte, werden zu handgreiflichen Thatsachen. Es gilt als ein Wunder, als eines der sreundlichsten Lichter in dem mit Licht und Schatten so ungleich bedachteil Zügen des Jahrhunderts, daß es ihm gelungen, das Werk früher Vorgänger zu sühnen, aus Grüften, welche diese am Nil und Euphrat gegraben, solche Zeugen zu erwecken, ihnen die Zunge zu lösen. Angesichts dieser Leistung eines Jahrhunderts muß es als ein größeres Wunder erscheinen, daß ein Jahrtausend es versäumt, Zeugen für die Geschichte Israels zu verhören, die auf offenem Markte vor aller Augen ihr Zeugniß anbieten. Am Südportal des Straßburger Münsters erinnert sich wohl der Eine und der Aridere, zwei herrliche Schöpfungen deutscher Bildnerei bewundert zu haben. Es sind zwei edelgeformte Frauengestalten. Die eine, in königlicher Gewandung, das gekrönte Haupt stolz erhoben, in der Linken einen Kelch, die Kreuzfahne in der Rechten, ruft ihrer Partnerin, deren Niederlage das dreimal gebrochene Banner, das gebeugte Haupt mit der Binde um die Augen, das dürftige Gewand und die schlaff herabhängende Linke mit den Gesetzestafeln (früher auch die herabgefallene Krone! andeuten, die Worte zu: „Mit Christi Blut überwind ich dich!" - „Dasselbig Blut verblendet mich" lesen wir in gothischen Zügen als Antwort unter dem anderen Bilde. Eines der ältesten und beliebtesten Motive der mittelalterlichen Kunst, welches in den mannigfachsten Wandlungen in allen Gegenden des Abendlandes zwischen dem d. und 16. Jahrhundert auf den Miniaturen, Wand- und Tafelbildern, Glassenstern, kirchlichen Gewändern, Reliquienkästen und Chor-