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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-07 · Heft 6 (7.2.1902) · p. Seite 68

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
Seite 68 (sequence 10)
Language
German
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68 lebenden Idealismus, Patriotismus und Geist ehrendes Zeugniß gegeben hat. Er wird sich erheben, trösten und erfreuen ail Eduard Laskers schriftlichem Nachlaß und dabei dem würdigen und hochverdienten Manne danken, der in treuer und hingebender Pietät uns solchen zugänglich gemacht hat. Zum 5v;ährrgen Todestage Michael Febensohns. m 27. Schebat, dem 4. Februar d. I., ist ein halbes Jahrhundert verstrichen, seitdem Michael Lebensohn aus dem Leben geschieden ist. Geschieden, sagen wir, aber nicht spurlos verschwunden; denn seine herrlichen Geistesblüthen verbreiten über sein Grab hinaus einen erfrischendeil und belebenden Duft und bekunden seine Unsterblichkeit. Die übergroße Mehrheit der deutschen Juden kennt den Namen dieses Dichters nicht, weiß von ihm eben so wenig wie von seinem großen Vater, die beide in Wilna gelebt und gewirkt und zu den gefeiertsten Dichtern des vorigen Jahrhunderts zählten. Freilich haben sie nur in der hebräischen Sprache gedichtet, welche die Diaspora in eine heilige Mumie verwandelt, indem sie es nur einige» wenigen, unverbesserlichen Idealisten überlassen hat, sie zu hegen und zu pflegen. Unter diesen Wenigen ragten und ragen noch heute besonders hervor: Abraham B. Lebensohn und sein Sohn Michael. Die literarische Thätigkeit dieser beiden Männer hat in der neuhebräischen Literatur eine neue Epoche geschaffen. Sie schritten nicht nur ihren Zeitgenossen voran, sondern ihre Sprachweise mit dem unverfälschte» Gepräge des echten klassischen Hebräisnms wird wohl bis in die spätesten Zeiten hinein mustergiltig bleiben. Indessen, ohne die große Bedeutung und dichterische Begabung des Vaters zu unterschätzen, glauben wir behaupten zu dürfen, daß dessen Poesien mit Ausnahme einiger weniger, auch nicht annähernd die Bollkraft der Empfindung, die Gluth des Gefühls und der seelischen Aufwallung besitzen, welche die Dichtungen des Sohnes so vortheilhaft auszeichnen. Ja, wir glauben keiner Uebertreibung uns schuldig zu machen, wenn wir es auszusprechen wagen, daß seit dem Tode Jehnda Halevis Niemand die Saiten der Zionsharfe mit so geübter Meisterhand anzuschlagen verstanden hat wie Michael Lebensohn, dessen Gesänge in Inhalt, Sprache und Form uns an die Zeit erinnern, wo Hebräisch noch die Sprache unserer Psalmisten und Propheten war. Gegenwärtig, wo die sogenannte invde r n e jüdische Jugend im Osten Europas, in ihrem wohllöblichen Eifer die hebräische Sprache aufs Nene zu beleben, durch willkürliche Neuschöpfungen von Ausdrücken und Formen den Geist der heiligen Sprache und ihre grammatikalischen Regeln geradezu auf den Kops stellt, ist es wohlthuend und zugleich nothwendig, auf Michael Lebensvhn hinzuweisen, dem die arme, wortkarge hebräische Sprache in ihrer biblischen Reinheit vollständig genügte, um in bis jetzt, trotz aller Neubildungen, unübertroffener künstlerischer Form seinen tiefsten Gefühlen und Einpfiiidnngen den beredtesten, glühendsten Ausdruck zu verleihen. Beim Leien seiner Gedichte, der „Lieder" und der „Harfe der Tochter Zions" kommt uns unwillkürlich der Gedanke, daß es jene Muse, welche König Salomo umschwebte, als er sein „Hohes Lied" gesnngen, gewesen sein muß, die unserem Dichter bei seinen Geisteserzeugnissen geleitet, ihm die Bitterniß des Bewußtseins, im zartesten Inge»dalter vom Leben, von seinem über Alles in der Welt geliebten Vater scheiden zu müsse», versüßt und seine Seele noch in der körperlichen Hülle dem Irdischen entrückt und in eine Welt versetzt habe, wo Schönes, Hohes und Erhabenes, von der dumpfen Atmosphäre des Alltäglichen und Gemeinen unangehaucht, ihr Szepter schwingen. Michael Lebensohn war im neunzehnten, was Jehuda Halevi im zwölften Jahrhundert: ein he britisch er Nationaldichter. Ueber die kurz vor seinem Tode erschienenen „Lieder der Tochter Zions" schrieb der damalige Zensor und Ehrenbürger in Wilna, W. Tugendhold: „Der noch ganz jugendliche Schöpfer dieser dichterischen Produktionen kam vor einiger Zeit von einer Sanitätsreise zurück, deren letzte Monate so wenig den vorgefaßten Erwartungen entsprachen, daß er vielmehr wie jener Dichter der Lusiade mit diesen seinen Blättern tanm die Heimath erreichte. Um so theurcr noch als sonst mußte der Jüngling vorzüglich seinen älteren Freunden werden, da sie vorliegende Blätter, obgleich sie meistens in Preußens Hauptstadt verfaßt wurden, doch mir vom Balsainhauche Palästinas durchweht, und blos die Heroen der Bibel feierlich vorgeführt fanden. Die Stoffe darin scheint zwar eine jugendliche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung gewählt zu habe», aber sehr ost hört man aus ihnen auch den Emst und Geist späterer Jahre hervortreten. Salomo des Hohen Liedes, mit dem Paradiese der ersten Liebe im Herzen, den Spuren seiner Schäferin nachfolgend, und Salomo im Prediger, der, ein Laokoon, von der Schlange einer falschen Weisheit nmschnürt, stets krampfhaft das skeptische „wer weiß es" ausstößt, bilde» die Vorhalle dieser Lieder, daun erscheinen Simson, Joel, Sisra und Moses, wie er im Vollgenub der Anschauung des gelobter» Landes hinstirbt, und das Ganze beschließt der Jeremia des zwölften Jahrhunderts, der unvergeßliche Elegiendichter Rabbi Jehnda Halevi, der auf seiner Wallfahrt nach Jerusalem von einem Saraeenen ermordet sein soll." Nur einige Strophen dieses zuletzt genannten in der „Zionsharfe" in trefflicher Uebersetznng zürn Abdruck gebrachten Gedichtes wollen wir hier folgen lassen: „Noch Salem, des Himmels altheiligster Pforte, Wo einst die Leviten erhoben den Sang, Zog Inda Halevi, am heiligen Orte Sein Lied zu ergießen, das sehnend erklang. Es klaget die Seele, voll Wehmuth und Trauer, Die glühende Thräne, sie rinnt ungestillt; Doch schweigt seine Harse, sie theilt seine Schauer, Doch schweigt seine Muse, in Leid nn» gehüllt. Die Heimath verließ er, das Weib seiner Liebe, Zwei Töchterlein, lieblich wie Morgenrothsgold, lind zog gleich dem Vöglein mit heiligem Triebe Ge» Osten ins Land, ihm so thener und hold. Ins Land, wo zum zweiten Mat Eden erblühte. Der Baum der Erkenntniß ward neu dort erhöht, Der Lebensbanin trieb dort die herrlichste Btüthe — Ward es doch von göttlichem Oden durchweht. Sein Thor war die heilige, himmlische Pforte: Dort that sich die Gottheit in Herrlichkeit dar, Dort standen Propheten an jeglichem Orte, Und jeglicher Stein — einst des Höchsten Altar!

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