Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1902)
- Date
- 1902-02-07
- Page
- Seite 67 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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67 in hoffnungssrohem Aufschwünge sich befand, wv sie einer großen und freudigen Zukunft entgegen zu gehen schien, wo man glaubte, das goldene Zeitalter der Freiheit, der Gerechtigkeit, des inneren Friedens und allgemeinen Behagens verwirklichen zu können. Lasker warf sich, begeistert für die nationalen und ewigen Ideale der menschlichen Gesellschaft, in diese Bewegung, um in eifrigem Schaffen daran zu arbeiten, daß sie zu gedeihlichen Zielen geführt werde. „Er hat," sagt mit Recht der Herausgeber dieses „Nachlasses," Herr Geheimer LegationsrathDr. Wilhelnr Cahn „durch nimmerermüdende i geistige Thätigkeit sein redliches Theil zur Bildung und zum Ausbau des Nationalstaates unter Hohenzollernscher Führung beigetragen. Sein Wirken war unausgesetzt auf das Wohl der Nation gerichtet." Es ist ein großes Verdienst des Geheimraths Cahn, Laskers gesammten schriftlichen Nachlaß, der ihm durch verwandtschaftliche Beziehungen zu dem Verewigten zugänglich geworden ist, der Oeffentlichkeit zu übergeben und damit eine dauernde und gerechte Würdigung dieses edlen und bedeutenden Mannes für alle Zeiten zu ermöglichen. Bereits im April- bis Dezember- Heft der „Deutschen Revue" hatte er Laskers Briefwechsel mit den politischen Gesinnungsgenossen aus den Jahren 1870 und 1871 zum Abdruck gebracht. Jetzt soll der ganze übrige Nachlaß erscheinen; im ersten Bande erhalten wir daraus „Fünfzehn Jahre Parlamentarischer Geschichte" (1866—1880). Vielleicht ist der Titel nicht ganz richtig gewählt: ich erinnere mich, daß Lasker mir in der letzteil Zeit seines Lebens von einer Geschichte des Parlamentarismus in Preußen sprach, mit der er beschäftigt sei; in der That, die vorliegende Arbeit beginnt bereits mit der Darstellung, wie aus dem patriarchalisch regierten Staate Preußen ein konstitutioneller geworden und sich als solcher weiter entwickelt hat. Das Ganze ist leider nicht vollendet worden. Die Erzählung bricht mitten im Satz ab, und die noch vorhandene Disposition zeigt, daß Laster seine Schilderung bis zur Bildung der Sezession fortznsühren gedachte, deren — freilich nie erreichter — Zweck die Bildung einer wahrhaft liberalen Gesammtpartei gewesen ist. Der Herausgeber beabsichtigt in einem zweiten Theile den politischen Briefwechsel Laskers, in einem dritten dessen wichtigste Reden und Aphorismen sowie Biographisches über ihn;u bringen. Hoffen wir, das er uns diese werthvollen Gaben;u reichen bald im Stande sein wird. Das Studium der Parlamentarischen.Geschichte Laskers wie sie uns hier vorliegt, kann nur unsere Bewunderung und Liebe, zu dem unserem Vaterlande, dem Liberalismus und seinen eigenen Freunden zu früh Entrissenen steigern. Das ganze Werk ist tief durchdacht. Es hebt aller Orten mit Meisterschaft die großen und bleibenden Thatsachen hervor, auf denen der Gang der Entwickelung beruht. Das rein Persönliche tritt in den Hintergrund, Lasker ist weit über kleinliche Empfindungen und Gesichtspunkte erhaben. Er ist vor allein bemüht, dem Gegensätzlichen gerecht zu werden, das er mit großer Billigkeit eher allzu milde beurtheilt, ivie z. B. die Negierung Friedrich Wilhelms III. nach den Befreiungskriegen oder die Reaktion nach 1848. Sein edler Charakter ist dem Gefühle persönlicher Verbitterung unzugänglich. Wie großen Dienst hatte er ein Jahrzehnt hindurch Bismarck geleistet, und wie arg ist er dann von dem eisernen Kanzler mißhandelt worden! Und doch, mit y N»s Eduard Laskers Nachlaß, l. Theil, Berlin, G. Reimer IÜ0-. welcher wahrhaft historischen Gerechtigkeit schildert er des genialen Staatsmannes Wesen und Schaffen (S. 103), tief eindringend, wie wenige der offiziösen Biographen Bismarcks. D>e Charakteristik Delbrücks (S. 103 ff.) ist ein wahres Kabinetsstück geschichtlicher Darstellung, belebt durch persönliche Bekanntschaft und Werthschätzung des meist im Stillen, aber um so wirksamer arbeitenden Staatsmannes der noch heute als letzter Mitarbeiter der großen Zeit unter den Lebenden weilt; je weniger sonst über Delbrück bekannt ist, desto bedeutsamer ist seine eingehende Schilderung durch Lasker. Und wie die hervorragenden Männer, werden auch die geschichtlichen und Politischen Zustände und Fragen geistreich, zutreffend lind wahr in ihren Grundbedingungen erörtert. Ich erinnere mich nicht, irgendwo eine derart tiefgehende und den innersten Kern der Sache enthüllende Auseinandersetzung über die Stellung, die Bedeutung und die Ziele des konservativen Großgrundbesitzes in Preußen gesunden zu haben, wie sie der „unpraktische", der „Theoretiker" Lasker aus S. 99 ff. seiner Schrift giebt — Jeder, der an der Politik gründlicheren Antheil nimmt, als der sich nur auf die Tagesfragen erstreckt, muß sich diesen Theil der Laskerschen Schrift zu eigen machen. Nicht minder geistvoll und wahr ist, was er (S. 52) über den Gegensatz der Richtnugzwischen Gesetzgebung und Verwaltung in Preußen sagt. Ueberall bringt er Aufklärung und Belehrung, indem er die Thatsachen mit der Fackel historischer Einsicht beleuchtet und erläutert. Er war so wenig der unpraktische Theoretiker, daß er z. B. die wahren Absichten Bismarcks auf Einigung Deutschlands unter Preußens Führung schon während der Koufliktsjahre erkannte und mit unerschrockener Wahrheitsliebe seinen murrenden Zuhörern auseinandersetzte als alle die „Realpolitiker," die sich nach dem Erfolge vor dein gewaltigen Minister auf die Knie warfen und Laskers „Idealismus" verhöhnten, sich noch der bittersten Opposition befleißigten. Es ist verzeihlich, weil natürlich, daß Lasker das Verfahren seiner eigenen Partei, der Nationalliberalen, auch da zu rechtfertigen sucht, wv sie ihren eigenen und des gesammten Liberalismus Sturz durch allzu große Nachgiebigkeit vorbereitet hat, indem sie übersah, daß Bismarck auf ihre Mitwirkung nicht minder angewiesen war als sie ans die seinige, weil er ihrer augenblicklich für die Durchführung seiner hegemonistischen Pläne nicht entrathen konnte, sich auf sie zu stützen gezwungen war, wie dies thatsächlich sür die Jahre 1866 bis 1875 gilt. Das Scheitern der liberalen Bestrebungen in der Konfliktszeit hatte damals das Selbstbewnßtsein und die Zuversicht der meisten Liberalen derart geschwächt, daß sie ihre eigene Bedeutung für die politische Konjunktur unterschätzten. Allein dies ist zumal für den israelitischen Leser von nicht geringer Bedeutung. Er wird sich erinnern, daß Lasker einer der hervorragendsten Mitarbeiter an dem System war, das die Gleichberechtigung der Israeliten nicht nur in die Tafeln der Gesetzgebung des neuen deutschen Reiches einschrieb, sondern auch thatsächlich verwirklichte — ein System, das die Inden als ordentliche Mitbürger in die Fakultäten der Hochschulen einreihle, in die Staatsverwaltung wie in die höchsten Richterämter einführte, ihnen ohne ängstliche Beschränkung Rechtsanwaltschaft und Notariat eröffnete, sie in den Ofsiziersstand wenigstens der Reserve und Landwehr zulieb. Er wird mit Dankbarkeit und Zuneigung dessen gedenken, daß Lasker, der zu den größten, edelsten und durch sein Beispiel und Ansehen weithin wirksamsten Söhnen Israels gehört, dem in uns