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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-07 · Heft 6 (7.2.1902) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
Seite 66 (sequence 8)
Language
German
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66 ärmsten in angemessener Form auch solche Juden Unterkommen finden, welche die Kosten der jetzigen Behandlung nicht er» schwingen können, wohl aber in der Lage wären, drei bis vier Mark pro Tag auswenden zu können. Die Begründung meiner Idee möchte ich mit der Besprechung der Lage beginnen, in welche das jüdische Proletariat geräth, wenn es der Schwindsucht anheimfällt: in ihm findet man die größte Zahl rituell Lebender. Die herrliche Sodener Stiftung, unter der trefflichen Leitung Dr. Rothschilds, steht nur während des Sommers kostenlos zur Verfügung, reicht ferner für die großen Ansprüche nicht ans und ist von Norddeutschland ans allzu schwer zu erreichen. Das bequeme Reisen mit Schnellzügen ist zu kostspielig. Der Kranke bleibt also entweder in seiner Behausung, ohne die für den Tuberkulösen nvthwendige systematische Pflege, eine ständige Gefahr für die Umgebung, oder er wird für einige Wochen in ein Krankenhaus ausgenommen, was, so lange dasselbe nicht eine separate Abtheilnng für Schwindsüchtige hat, von nur wenigen Aerzten gebilligt wird; denn wenn auch die Ansteckungsgefahr im Krankenhanse bedeutend herabgesetzt werden kann, so bedarf doch die Schulung der Patienten hierfür sowie die ganze Wartung, neben getrennten Räumen, auch eines eigens für die Schwindsüchtigen bestimmten Personals. Derartige jüdische Anstalten gehören wohl zu den größten Seltenheiten. Der Tuberkulöse, welcher längere Zeit neben einem Gesunden liegt, ist eine Infektionsquelle für diesen. Wir wissen, daß im Munde, im Nasenschleim w. von Aerzten und Wärtern, welche bei dem Kranken beschäftigt sind, sehr oft Tuberkelbazillen gefunden worden. Andererseits freilich wissen wir, daß gerade bei der Tuberkulose die Zeit zwischen Ansteckung und Ansbruch der Krankheit oft Jahre beträgt. Es muß nicht jeder Mensch der Infektion erliegen, Viele überwinden sie, aber jenes Beispiel der Wärter und Aerzte läßt den Wunsch aufkommen, daß unsere Krankenhäuser entweder Sonderstationen einrichten oder Tuberkulöse abweisen. Jenes ist kostspielig, dieses grausam. Ich habe diesen Punkt hier angedeutet, um zu zeigen, daß auch die jüdischen Gemeinden, als Besitzer von Krankenhäusern, ein Interesse an der Gründung einer israelitischen Heilanstalt haben. Die dritte Möglichkeit sür unsere kranken Armen ist die Unterstützung, damit sie für einige Wochen eines der freien Bäder, Salzbrnnn, Reinerz n. s. w., aufsuchen können. Die meisten Leser kennen wohl das Bild, das sich uns dort bietet. Die Frage, freie Behandlung oder Anstalt? will ich hier nicht anfrollen: für das jüdische und auch nichtjüdische Proletariat giebt es zur Behandlung der Schwindsucht nur die Anstalt. Hier finden sie Pflege und vor allem Schulung, ans Grund deren sie sich zu Hause weiter behandeln können. So lange rituelle Anstalten nicht eristiren, werden die meisten Aerzte, die es mit der Behandlung der Schwindsucht ernst nehmen, sich bemühen, den jüdischen Kranken zu bewegen, sich für eine gewisse Zeit von den Vorschriften in Bezug auf das Essen zu befreien. Zuweilen gelingt das. aber nie ohne Kämpfe, die der Krankheit sicher nicht zu Gute kommen, meist gelingt es aber nicht. Zwischen den jüdischen Unbemittelten und denen, welche mit geringer Mühe acht Mark und darüber täglich für Anstaltsbehandlung ausgeben können, steht die breite Schicht des sogenannten Mittelstandes, welcher aber mehr nach der Seite des Proletariats neigt. Diesen — oft oder meist leider erfolglos — Aufstrebenden ihre Arbeitsfähigkeit zu retten, wenn sie erkranken, sollte die vornehmste Aufgabe jüdischen Wohlthuns sein. Deshalb erfolgt hier die Anregung, unter Schonung ihrer religiösen Bedürfnisse mitzuhelfen, Hunderten von erkrankten Glaubensgenossen eine Heilstätte zu schaffen. Möge dieser Appell einen lauten Widerklang finden in den Kreisen derer, die geeigneter sind, organisatorisch zu schaffen wie der Schreiber desselben. Wenn sich ein kleiner Kreis zusammenfiudet, so muß das Ziel erreicht werden. Es kommt hierbei gar nicht aus die Stellung zur Ritualfrage an, sondern nur darauf, ob für das jüdische Proletariat und den'jüdischen Mittelstand, wenn er tuberkulös erkrankt, genügend gesorgt ist oder nicht. Eine rituelle Anstalt ist rin Bedürfuiß nicht nur für die strenggläubigen Juden, sondern auch für Diejenigen, welche es in dieser Hinsicht nicht allzu streng nehmen, aber sich doch nicht entschließen können, die Kost der bestehenden Anstalten zu genießen. Wir wissen, daß das nichtrituelle Essen für Den, der sich nur unter dem Zwange der Verhältnisse hierfür entschließt, täglich einen moralischen Zwang bedeutet. Zuletzt, aber nicht als unwichtigsten Moment will ich erwähnen, daß die antisemitische Strömung gar manchem Patienten den Aufenthalt in mancher der bestehenden Anstalten verleidet. Daß dieser nicht offen in roher Weise hervorbricht ist der Strenge der Anstaltsleiter zu danken. Aber den Antisemitismus, der mit Nadelstichen kämpft, merken die Meisten. Gelangt meine Anregung zur Durchführung, so hat das wohlthätige Judenthum ein Werk geschaffen, das nicht nur dem engen Kreise desselben zum Segen gereicht. -s»<- Aus Eduard Faskers Nachlaß. Von Prof. Dr. Martin Phi tipp so». (^v^^ie lebhaft steht er vor unserer, der Aelteren, Erinnerung, der kleine, bewegliche, in Aussehen und Gesten den jüdischen Typus des Ostens verrathende Mann mit den leuchtenden, gütigen Augen, der scharfen und doch wieder so einschmeichelnden Stimme, dem das Wort überzeugend, eindringlich, erhebend und fortreißend von den Lippen strömte! Lasker war einer der seltenen Redner, die nicht allein anregen und Bewunderung erwecken, sondern auch geradezu bessernd und läuternd wirken, das Gesühl sittlicher Reinigung hervorbriugen, weil der Kern ihres Wesens ein idealer und edler, weil alles, was sie sprechen, der Ausdruck lind die Ausstrahlung ihres hohen und klaren Empfindens und Denkens ist. Die Schärfe des logisch rechnenden Geistes — ein Erbthest seines Stammes - Paarte sich bei diesem verehrungswürdigste» Manne mit der Lauterkeit des Gemüthes und tief gewurzelter Menschenliebe, wie solche gleichfalls die Guten unter unseren Glaubensgenossen in hohem Grade anszeichnen. Dabei war Eduard Lasker keineswegs ein verschwommener Kosmopolit ein nur der Theorie huldigender Denker, wie es ihn: di, politische oder antisemitische Gegnerschaft mit ebenso 'große Hartnäckigkeit wie Unwahrheit vorwirft. JhnTrsüllte vielmehr glühender deutscher Patriotismus. Die Jahre, wo er Haupt sächlich in der Oeffentlichkeit wirkte, machten ja jene glückliche jetzt, ach! lange entschwundene Zeit aus, wo die deutsche Nativ»

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