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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-31 · Heft 5 (31.1.1902) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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8 — Berlin, 28. Januar. Nach einer Statistik, welche im preußischen Kriegsministerium aufgestellt worden ist, bekennen sich, wie ein freisinniger Parlamentarier in mehreren Zeitungell schreibt, von den aktiven Militärärzten im Ganzen drei, nämlich ein Generaloberarzt, ein Oberstabsarzt und ein Stabsarzt zur mosaischen Religion. Das ist freilich ein sehr geringer Bruchtheil, nicht mehr als 0,23 Prozent. Anders aber liegen die Dinge bei den Militärärzten des Beurlaubtenstandes, welche doch im Ernstfall die gleichen Dienste zu leisten haben wie ihre aktiven Kollegen. Von diesen Sanitätsoffizieren and 510 oder 10,12 Prozent und von den Unterärzten gar 385 oder ^'4,84 Prozent Israeliten. Das sind Ziffern, die zu denken geben. Um o mehr, als seit vielen Jahre»! seitens der Heeresverwaltung Klage geführt wird über allzu große Lucken im Bestand des Sanitätskorps. Ls will scheinen, als ob die Zahl dieser Manquements sehr wohl sich oermindern ließe, wenn israelitische Aspiranten für den aktiven Sanitätsdienst die gleiche Berücksichtigung finden wie für eine entsprechende Anwartschaft in der Reserve. Es scheinen aber für die ÄZahl von aktiven Sanitätsoffizieren in» Großen und Ganzen dieselben Horurtheile maßgebend zu sein wie für die Wahl der Berufsoffiziere. Diese Vorurtheile kommen ja freilich für das Sanitäts-Osfizierkorps »ur im Frieden zur Geltung; im Kriege ,dürfen auch jüdische Mediziner als Sanitätsoffiziere dem Vaterlande ihre Dienste weihen. — Memel, 26. Jannar. Dem „Memeler Dampfboot" zufolge ist ^>er erste Dr.-Jngenieur des Maschinenbaufachs, dessen Promotion an )er Technischen Hochschule zu Charlottenbnrg an» 10. d. M. stattfand, in Memeler, nämlich Herr Benno Rülf, der dritte Sohn des rüheren Chefredakteurs des „Dampfboot" und vormaligen Rabbiners Dr. I. Rülf (jetzt in Bonn). Benno Rülf ist im Jahre 1871 in Memel geboren und seit mehreren Jahren als Ingenieur in Nürnberg chätig. Er hat schon mehrere Erfindungen und sonstige technische Arbeiten geliefert, die in der wissenschaftlichen Welt größere Beachtung and Anerkennung gefunden haben. Die Examenleistungen Rülss wurden als glänzende bezeichnet. e. Breslau, 19. Jannar. Vom 6. bis 8. Januar tagte hier der tartelltag der Vereine jüdischer Studenten im B. I. C- 'lls Präsidialverein für das Jahr 1901 wurde V. I. St. Breslau gewählt, zum Vorort für den nächsten Kartelltag wurde München bestimmt. Am 8. Januar, nach dem Schlüsse der Verhandlungen, fand n den Sälen des Palastrestaurants ein sehr zahlreich besuchter und wohlgelungener Festkommers und Ball statt. Nach dem Kaisersalamander egrüßte der erste Chargirte Moses die Erschienenen. Vereinsbruder ernaken hielt eine glänzende Tendenzrede, Vereinsbruder Peritz oastete auf die Damen. Im Namen der B. I. C. sprach Bundesuuder Rosenkranz-Berlin dem Breslauer Verein der» herzlichsten Dank ür die liebevolle Aufnahme der Delegirteu aus. Aus den Reihen er Gäste sprachen die Herren Rabbiner Dr. Guttmann, Pros. Dr. Badt, Dr. Braun und Kretschmer. Der zahlreiche Besuch beweist uns aufs Deutlichste, daß die Tendenz des Verbandes in weitesten Kreisen Zuümmung findet. ----- Hagen, 24. Januar. Die hiesige Shnagogengemeinde hatte or Kurzem den Antrag auf Ueberuahme der israelitischen schule in den Stadthaushalt gestellt. Der Antrag kam in ieser Woche zur Berathung. Als Referent wies der I. Bürgermeister ' uno darauf hin, daß es bei der letzten Etatsberathung gewünscht worden sei. die Israeliten zur vollen Kommunalsteuer heranziehen zu ümen. Die israelitische Schule, die jetzt von der Kultusgemeinde unterhalten wird, müßte in diesem Falle auf den Kommunaletat übernommen werden. Die Schule wird jetzt von 32 Kindern besucht. Da ner Lehrer der Schule gleichzeitig Kultusbeamter ist. der von der ' irchengemeinde gewählt wird, so würde die Stadt bei Uebernahme "er Schule sich ihres wichtigsten Rechtes, der Lehreranstellung, begebe»» - ie Finanzkommission bittet deshalb von der Kommunalisirung der chule abzusehen, die israelitischen Bürger znm vollen Betrag zur Steuer heranzuziehen. dafür aber der israelitischen Kultusgemeinde für - des Schulkind den Betrag zu zahlen, den die Stadt auch für die -chnlkinder der anderen Konfessionen in den städtischen Volksschulen whle. Das Kollegium stimmte dem Anträge der Fiuanzkommission zu. Paderborn, 26. Januar. Auf Ersuchen der Königs. Eisenbahn- Erektion fand vorige Woche in den Gotteshäusern aller Konfessionen ir die bei dem entsetzlichen Ei s en b a h n n u fa ll Verunglückten Gottesdienst statt. Zu dem Gottesdienst in der Synagoge, die bis zum letzten Platz besetzt war, erschienen seitens der königl. Negierung Herr Schulze. Königl. Regierungsrath der Eisenbahndirektion Kassel, und Herr Steinmanu, königl. Baurath der Eisenbahn-Inspektion Paderborn. Nachdem Herr Prediger Weiler in lies erschütternder Weise das Unglück und die Leiden der davon Betroffenen geschildert, sprach er tiefbewegt das Leichengebet für die Getödteten, »vorauf die Kinder des hiesigen Waisenhauses das Kadischgebet sagten. Nach kurzer Ansprache und Absingen des Psalmes 130 verrichtete er ein inniges Gebet für die Verwundeten. LAL Aus Frauken, 24. Januar. In einem sogenannten Fleischbesudelnngsprozeß hat die Strafkammer Schweiufurt heute eine exemplarische Strafe ausgesprochen. Bäckermeister Johann Schmidt in Nordheim v. Rh. verbreitete im August 1901 das Gerede, er habe vor fünf bis sechs Jahren gesehen, wie der israelitische Metzger Baum in seinem Schlachthaus ein frischgeschlachtetes Stück Fleisch durch Uriniren verunreinigt habe. Zu jener Zeit waren die bekannten Fleischbesudeluugsprozesse in Würzburg anhängig, und davon mag Schmidt angesteckt worden sein, denn auf die von Baum erhobene Beleidigungsklage konnte er auch nicht den geringsten Beweis beibriugen. Das Gericht verurtheilte ihn zu sechs Monaten Gesäugni ß; in der Begründung hieß es, daß durch das »naßlose und niederträchtige konfessionelle Hetzen gewisser Zeitungen gegen die Juden das Gift zu solchen gerneinen Verleumdungen eingegeben werde. Oesterreich - Ungarn. Wien, 27. Januar. Die jüdische Gemeinde hat einen ihrer besten Männer verloren. Am 20. d. ist hier in» 58. Lebensjahre nach kurzem Leiden der Landgerichtsrath Or. JacobCohu gestorber». Er war ein hervorragender Jurist und ein glaubeustreuer Jude, der ar» allen Angelegenheiten der Gemeinschaft den wärmsten Antheil nahm. Sein Andenken bleibt ein gesegnetes! — Im Lager der alldeuts chen Antisemiten ist nun die Trennung so gut wie beschlossen. Hie Wolf, hie Schönerer! so lautet die Parole. Uns kan»» es gleich sein, da Beide, wenn es gegen die Inden geht, in voller Harmonie sich befinden werden. -- Hier ist der vieler» Ihrer Leser sicher noch in guter Erinnerung lebende Karlsbader Oberkantor Tiger, im 47. Lebensjahre nach langen Leiden gestorben. Oberkantor Singer hielt ihm beim Begräbniß einen warmen Nachruf. — Nach dreißigjährigem Bestehe»» hat die „Israelitische Gemeirrdezeitung" in Prag mit dem 1. Januar ihr Erscheine»» eingestellt.— Auch im Kroatischen Landtage, dem ein jüdischer Abgeordneter, Dr. Schwarz, angehört, befinden sich jetzt einige deklarirte Antisemiten. In der Sitzung vorn 22. d. M. sprach der Abgeordnete Kovacsevics sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß am Beginn des 20. Jahrhunderts im kroatische»» Landtage Antisemiten Platz finden konnten. Die Juden in Kroatien erfüllen ebenso »vie alle auderen Elemente des Volkes ihre bürgerlichen Pflichten, ob sie nun der Opposition oder der Nationalpartei angehören. Es gehe nicht an, meint Kovacsevics, die Politik nach Konfessionen zu gliedern, aber die Juden mögen sich damit trösten, daß der Antisemitismns ir» Kroatien nur eine seltene Pflanze sei. Großbritannien. k. London, 23. Januar. 20000 Mk. für einen getauften Juden hat die „Jüdische Missionsgesellschaft" der englischen Pres, byterianerkirche bezahlt. Dieses geht aus einem thränenreichen Aufruf hervor, den die Gesellschaft neulich verschickt hat, »md in welchen» es u. a. heißt: „Unsere Arbeit zur Verbreitung des Evangeliums unter den Juden von Whitechapel und Aleppo wurde von unseren Agenten und ihren freiwilligen Helfershelfer»» mit altbekannter Hingebung betrieben. Obgleich die zu überwindenden Schwierigkeiten nicht vermindert waren und „die statistischen Resultate im Taufe»»" nicht gar zu groß wäre»», so war die Arbeit in diesem Jahre doch nicht ganz ulnsonst gewesen." Die „statistischen Resultate im Taufe»»" bestanden in der Taufe eines ganzen Juden in Aleppo. Was dieser Spaß gekostet haben muß, ist ebenfalls aus diese»»» Aufrufe zu ersehen. „Unsere Einnahmen betrugen in» letzten Jahre 1233 Lstr.," h»ißt es in dern Aufrufe. Und diese 1233 Lstr. sind für die Taufe des Juden in Aleppo ausgegeben worden. Freilich möchte die edle Gesellschaft sehr gern auch in Whitechapel etwelche jüdische Seele»» fangen, allein „dazu sind einige industrielle Etablissements erforderlich, in welchen die gelansten

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