Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- Seite 59 (sequence 13)
- Language
- German
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59 einmal bis zu seinem Knie reichte. Ich muß doch damals schon einen Begriff von Anstand gehabt habe», das; ich nicht loslachte. als dieser „goische" Jüd mich eines Tages ans Ohr faßte und auf halb „teitsch" und halb jüdisch die Frage a» mich richtete: „Nn, Züngele! Was für ein Abschnitt, nein, was für eine Sidra „geht" diese Woche?" Im ersten Moment war ich erschrocken, dann, als ich das Wort „Sidra" hörte, überrascht und blickte ihn wie ein Wunderding an. Als er aber meine Hand ergriff und, mich ermunternd, sprach: „Sag' mein liebes Kind, was für eine Sidra geht diese Woche?" Da konnte ich das Lachen nicht mehr unterdrücken. „Bo-lv-k", antwortete ich, mich vor Lachen schüttelnd und lies davon. Jndeß geschah dieses nur in der ersten Zeit, als ich ihn noch nicht genau kannte. Nachdem ich ihm aber näher getreten war. gewann ich ihn sogar lieb, und zwar so sehr, daß ich nicht einmal im Stillen ihm einen Vorwurf darüber machte, warum er nicht „dawent"') — und aß, ohne sich vorher die Hände zu waschen. Ich gestehe, in der ersten Zeit kam mir sein unjüdisches Leben sehr wunderlich vor. Wie ist es nur möglich. — frug ich mich — daß Gott ihn leben läßt, und daß er sich beim Essen nicht verschluckt n. s. w.? Natürlich habe ich über die Lebensart dieses „teitschen Jüden" getreulich meinem Rebbe, Mordche Rozeach, Bericht erstattet und dieser sagt« mir, daß unser „Teitsch" einer von jenen Bösewichtern sei, für welche die Hölle zu eng ist, deren Seelen in Thiere verwandelt werden und nnstät und flüchtig Jahre lang von einem Ende der Welt zum anderen umherirren müssen, bevor es ihnen gelingt, in die Vorhalle des Paradieses zu kommen. Die Ausführungen meines Rebbe machten auf mich einen erschütternden Eindruck, und mich ttberlief eine eisige Kälte, wenn ich daran dachte, daß dieser gesunde, große und hübsche Herr Herz Herzenherz dereinst in einen Hund oder vielleicht gar in ein Schwein würde verwandelt werden. Nur verstand ich es nicht, warum mein Vater, der doch ein frommer Mann war, diesem bei uns wohnenden „Teitschen" so viel Ehre erwiesen, ihm das schönste Zimmer eingeränmt und bei Tisch stets den ersten Platz angewiesen hatte. So oft mehrere Herren bei uns versammelt waren, um über wichtige Angelegenheiten zu berathen, und Herr Herz Herzenherz sich im Berathungsziminer nur blicken ließ, so sprangen Alle wie elektrisirt von ihren Sitzen auf, und Einer rief dem Anderen zu: „Mach' Platz, schnell, gieb einen Stuhl her für Rebb Herz Herzenherz." Als ich mich einmal erdreistete, meinen Vater zu fragen: „Warum stellt Ihr so viel an mit diesem Goi? Was, ein LamdenH, ein Zaddik-'ß ist er, daß Ihr ihm so viel Ehre erweiset?" stieß mich mein Vater an die Seite und schrie mch an: „Fort mit Dir, Schlingel! Warum steckst Du überall Deine Nase hinein? Warum nimmst Tu nicht lieber ein Sepher, eine Gemore in die Hand?" Wieder sollte ich eine Gemore in die Hand nehmen! Herr des Himmels! War ich denn kein Mensch, kein Staubgeborener, kein junges Kind, daß ich nur immer lernen sollte? Auch ich wollte sehen, auch ich wollte hören, was und »vorüber man spricht. Leise, leise schlich ich mich daher in ein Nebenzimmer, ') Jargonausdruck für beten. ') jüdischer Gelehrter. Frommer. verkroch mich in einen dunkeln Winkel und hörte voll dort aus klar und deutlich jedes Wort, das gesprochen wurde, sah auch Herrn Herz Herzenherz, vernahm sein lustiges Lachen und athmete mit Behagen den aromatischen Rauch ein, de» seine dicke schwarze Cigarre um sich verbreitete. Aber o weh! Plötzlich erblickte ich neben mir meinen Vater, der mir eine Ohrfeige nach der anderen verabfolgte und wüthend schrie: „Wieder hier, Du Taugenichts! Was soll nur aus Dir, Du ungezogener Junge, werden?" Herr Herz Herzenherz sprang herbei und suchte bei meinem Vater ein gutes Wort für mich einzulegen, allein mein Vater bestand daraus, daß ich in die Kinderstube gehen und ein Buch in die Hand nehmen sollte. Ich gehorchte, nahm aus dem Bücherspind eine Gemore und fing an. das im Cheder Gelernte zu wiederholen. Doch bald schlug ich den Folianten wieder zu und ging von einem Zimmer ins andere, bis ich in das schönste, Herrn Herz Herzenherz eingeräunlte Zimmer gelangte. Ach, wie schön und prächtig war doch dieses Zimmer ausgestattet! Luxuriöse Möbel, werthvolle, reiche Plüschteppiche, Wandgemälde, deren liebliche Farben eine hellbrennende Lampe meinem Auge näher rückte. Aus einem mit feinen Schnitzereien verzierten Schreibtisch stand ein silbernes Schreibzeug mit allen dazu gehörigen aus den feinsten Metallen angefertigten Utensilien, und nebenan lag — ach! Was für ein schönes Messerchen. Wie glücklich wäre ich — kam mir Plötzlich ein Gedanke, — wenn ich so ein Messerchen hätte! Welche schöllen Sachen würde ich damit schnitzen! Dann wollte ich sehen, ob es auch scharf war. Ich prüfte, untersuchte es, ach, es war scharf, scharf, sehr scharf, es durchschnitt ein Haar — ein herrliches, prächtiges Messerchen. Meine Ruhe war nun dahin, keine Minute, keine Sekunde verging, ohne daß ich an das Messerchen dachte. Wo ich ging, wo ich stand, sah ich vor mir das Messerchen! Schlug ich die Gemore auf, so verschwanden die Worte, verloren sie sich in ein Nichts, und vor meinen Augen tanzten Messerchen. Nachts träumte ich, ich hielt Herrn Herz Herzenherz' Messerchen in der Hand, und die feinen stählernen Klinglein glitten wie Sarnmt zwischen meinen Fingern. Ich ging wie ein Nachtwandler umher. Die Mutter frug mich, ob ich sinir nicht Schaden gethan Hütte und gab mir Wurmkuchen ein, der Vater schimpfte und schrie in einem fort, warum ich keine Gemore in die Hand nähme. Herr Herz Herzenher; fragte, ob der Rebbe mich geprügelt Hütte, daß ich so traurig wäre. Ich aber schaute in sein Zimmer hinein, und mein Blick blieb auf dem Schreibtisch haften, wo das schöne Messerchen lag. Mit Ungeduld erwartete ich die Minute, wo alle Hausgenossen im Wohnzimmer sich besanden. Dann schlich ich mich, nach allen Seiten mich umschauend, ob Niemand mich sah, in Herrn Herz Herzenherz' Zimmer und ergriff das schöne Messerchen. «Forts, folgt.) Literarische MittheUungen. ----- W. Stern: Die allgemeinen Prinzipien der Ethik auf naturwissenschaftlicher Grundlage. Berlin 1901. F. Dümmler. Vor Kurzem erschien dieser von Dr. med. Wilhelm Stern in der Naturwissenschaftlichen Abtheilung der Berliner „Finkenschast" gehaltene Vortrag welcher eine kurze Uebersicht seines in der „Kritischen Grundlegung der Ethik als positiver Wissenschaft" (Berlin 1897), niedergelegten Philo-