Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Language
- German
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58 Todesengel pfeifen. Dazu blickte er noch etwas sehr tief in die Flasche, er gönnte sich an einem Lagbeomer') das Vergnüge», eine Literflasche - doch, wo bin ich hingerathen? Na, ich hatte damals jedenfalls mein schönes Messerchen, das mir, so ich ans dem Cheder mit einem von den erhaltenen Ohrfeigen rothflammenden Gesicht nach Hause gekommen war. Trost spendete. Liebetrunken schaute ich dann mein Messerchen an und bewunderte den grünen Griff und die scharfe Klinge. Es war so scharf, daß es Papier schneide» konnte. Namentlich im Winter, wenn ich spät Abends aus dem Cheder nach Hause kam, mit zerschlagenen Gliedern, hungrig, schläfrig, vor Kälte zitternd und wirr im Gehirn von all' den Tags über vom Rebbe gehörten Spitzfindigkeiten, war mein Erstes das Messerchen. Ich nahm es behutsam aus seinem Versteck heraus — es durfte ja Niemand wissen, daß ich ein Messerchen besäst — zerschnitt damit einige Fetzen Papier, einige Strohhalme, dann die zum Nachtmahl erhaltenen Brodscheiben und führte bedächtig jedes Stückchen Brod ans die Spitze des Messerchens gesteckt in den Mund. Ah! Wie süß schmeckte mir doch dann das Abendessen! Nachher, vorm Schlafengehen, machte ich es sauber, holte das Schleissteinchen hervor, das ich einst bei uns auf dem Boden fand, befeuchtete es mit Speichel uud begann zu schleifen. „Was stellst Du wieder an?" hörte ich Plötzlich meinen Vater schreien, und er ging an mich heran und erblickte meinen Schleifstein. „Aha, so, so, Messerlech," schrie er nun laut und nahm mir das Messerchen und den Schleifstein weg. Ich fing an zu weinen, mein Vater verabreichte mir ein paar derbe Ohrfeigen, ich ließ nun ineine Stimme noch lauter erschallen, da stürzte meine Mutter erschreckt ans der Küche ins Zimmer und schrie: „Was ist denn vorgefallen?" „Leiser, weshalb schlägst Du ihn! Leiser, was willst Du von ihm? Leiser! Gott sei mit Dir, Leiser!" „Messerlech!" schrie mein Vater in einem fort. „Messerlech. Was, ein kleines Kind ist er? Ein so großer Jung," — ich war damals kaum acht Jahre alt — „krank ist er, eine Gemore in die Hand zu nehmen. Warte! Ich werd' Dir zeigen. Messerlech . . . Messerlech . . ." Warum haßte er mein Messerchen? Warum verabscheute er es? Ich war schon daran gewöhnt, meinen Vater stets aufgeregt nnd zornig zu sehen, mit blaßblauem, verdrießlichem Gesicht. Weiß der Himmel die Ursache! War er leidend, oder hatte er Geschüftssorgen — er war Kommissionär und Getreide- Händler — jedenfalls kann ich mich seiner nicht anders erinnern, als daß er entweder böse, grimmig oder sehr zerstreut umherging. In jedem Falle bekam ich Schläge von ihm, daran war ich auch schon gewöhnt. Allein so aufgeregt und böse wie an diesem Abend hatte ich ihn doch noch nie zuvor gesehen: sein ganzer Körper zitterte, so hatte sich der Zorn seiner beinächtigt, und die Stimme klang schon ganz heiser von dem unaufhörlichen Schreien: Messerlech, Messerlech. Ich muß gestehen, daß die Liebe zu meinem Vater an diesem Abend unter den Gefrierpunkt gerieth, daß sich ein gar böser Gedanke damals in mein Herz hiueinstahl, mich zu rächen, zu rächen für mein Messerchen, das mein Vater in seinem Zorn weggeschmissen nnd ich acht Tage vergeblich gesucht hatte. Ich h Der 38 sie Sephiratag „Lagbeomer" war für die Chederjngend ei» Feiertag. habe es nun recht betrauert, und wie bitter und traurig war mir zu Muth, wenn ich daran dachte, daß, wenn ich vom Cheder nach Hause komme» werde. Niemand da sein wird, bei dem ich für die voll meinem Rebbe, Mordche Rozeach, erhaltenen Schläge Trost finden, ihm mein Leid werde klagen können. Meine Lage war seit damals entsetzlich. Mein Vater hatte für mich nur Vorwürfe, so daß ich froh war, ihm aus dem Wege zu gehen, meine Mutter war stets beschäftigt, entweder in der Küche oder mit den jüngeren Geschwistern, — ich fühlte mich elend und verlassen wie eine Waise. Niemand kannte meine Schmerzen, Niemand sah meine Thränen, die ich vergossen, besonders des Abends, wenn ich müde und abgespannt an die Stelle in der Gemara zurückdachte, die mir am Tage so viel Ohrfeigen und Rippenstöße vom Rebbe einbrachte: „Wenn eine Frau vom Dach gefallen und auf einem Stück Holz steckeil geblieben ist," — mußte ich bitterlich weinen, und meine Thränen befeuchteten die Kissen, auf denen mein junges Haupt ruhte. Habe ich denn der Frau gesagt, daß sie auf das Dach steigeir soll? War es denn meine Schuld, daß sie heruntergefallen ist? Warum war sie so unvorsichtig, auf ein Stück Holz zu fallen! Ulld die Sünden dieser Frau mußte ich tragen, die Unvorsichtigkeit dieser närrischen Person mußte ich dadurch büßen, daß der Rebbe mich an den Ohren hvchgehoben und mit seiner Fällst mir fast ein paar Zähne ausgeschlagen hätte. Alle diese Gedanken aber waren tief in meinem Herzen begraben. Niemandem klagte ich meine Leiden, Niemand sah, wie ich weinte, Niemand, wie ich die Thränen mir trocknete. Still, in mich gekehrt, suchte ich Abends das Lager auf, und kaum fing der Tag an zu grauen, hieß es wieder in Cheder gehen, wieder die Stelle von der gefallenen Frau ventiliren, bekam ich wieder die Tätzchen meines Rebbe zu fühlen, die Vorwürfe und Verwünschungen meines Vaters zu hören. So hatte ich keine freie Minute, sah kein freundlich Gesicht, Niemand zeigte mir eine gute Miene — ich fühlte mich auf Gottes großer Welt elend und verlassen. Seit jener Zeit war ein Jahr verstrichen, ein ganzes, volles Jahr, und schon fing ich an, das Messerchen zu vergessen, dessen ich auf so tragische Weise verlustig gegangen bin. Allein ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, als wäre von der Vorsehung ein Messerchen zur Znchtruthe für meine Jugend ansersehen worden. Es kam zu meinem Unglück bald ein neues Messerchen, prächtig und schön, ein Messerchen mit zwei Klinglein ans reinein Stahl, scharf wie ein Chalef.') mit einem Griff voll Elfenbein, auf dem die Messingstifte wie Gold glänzten; ein echtes Solinger Messerchen. Ihr wollt wohl wissen, wie ich in den Besitz eines solchen kostbaren Messerchens gekommen war? Ach! Da muß ich eine ganze Geschichte erzählen, eine gar traurige, aber wahre und darum hübsche Geschichte, die zugleich das Fundament dieser meiner Erzählung ist. Was für eiile Bedeutung hatte in meinen Augen der „Tcitsch" Herz Herzenh erz! Wie lächerlich, wie komisch erschien er mir mit seinem glattrasirten Gesicht, mit seinem „goischen" Aussehen, ohne Bart und Peies, ohne Mütze und bekleidet mit einer kurz beschnittenen „Snppitze",") die nicht h Schächtmesser. Der lange Rock, den die polnischen Juden tragen, wird Snppitze genannt.