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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-31 · Heft 5 (31.1.1902) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 60 (sequence 14)
Language
German
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60 sophischen Systems enthält. Der Verfasser führt hierin ungefähr Fol^l gendes aus: Die wissenschaftliche Ethik mutz unabhängig von allen religiösen sowie metaphysischen Voraussetzungen begründet Werdern rvas ohne eingehende Kritik der bisherigen Systeme nicht gut möglich war. Sie kann nicht auf allgemeine dogmatisch-metaphysische Voraussetzungen gegründet werden, sondern wird nur eine Einzelwissenschaft, die ihre allgemeinen Voraussetzungen von anderen allgemeineren Einzelwissenschaften herholt, sein können. Was die Methode betrifft, nach welcher die positiv-wissenschaftliche Ethik zu begründen ist, so muß diese die induktive und speziell die genetische sein, welche die Entstehung der Sittlichkeit auf ein allmäliges Werden, eine während sehr vieler Jahrtausende sich vollziehende Entwickelung und Vererbung innerhalb der beseelten Wesen zurückführt. Die Thatsache der durch Jahrtausende stattgefundenen Abwehr der schädlichen Eingriffe von Seiten der unbeseelten Natur und besonders der Elemente durch die beseelten Wesen führt den Verfasser zu dem Gedanken, daß diese ihren Niederschlag in einem Triebe, dem sittlichen „Trieb zur Erhaltung des Psychischen in seinen verschiedenen Erscheinungsformen durch Abwehraller schädlichen Eingriffe in dasselbe" gefunden habe, welcher Trieb weiter vererbt und auch auf beseelte Wesen allsgedehnt worden war. Man kann dies Prinzip auch das in den beseelten Wesen wirkende Gesetz der Erhaltung des psychischen Prinzips im Gegensatz zum physischen Gesetz der Erhaltung der Kraft nennen. Damit ist ein Ausgangspunkt gewonnen, lim den Unterschied zwischen Kultur und Sittlichkeit (jene Vorbeugung, diese Abwehr), die Entstehung des Begriffes der Gerechtigkeit und des Vergeltnngstriebes. zu beleuchten und die allgemeine Rechts- und Staatslehre vom empirisch begründeten Grundprinzip der Ethik abzuleiten. Die Darlegungen Sterns sind ohne Zweifel von Werth, aber für uns bleibt die Sittlichkeit, wie alle Ethik unauflöslich mit der Religion verbunden. — Der berühmte russische Schriftsteller Maxim Gorki gedenkt im Verein mit Herrn Potemkin eitle Sammlung aller in den letzten 15 Jahren erschienenen belletristischen Werke der hervorragendsten jüdischen Schriftsteller in russischer Sprache herauszugeben. Die Bibliothek jüdischer Klassiker sott sowohl die im Hebräischen als auch im Jargon erschienenen Schriften dem russischen Publikum verführen. Zu seinem sachverständigen Berather hat der des Hebräischen unkundige Gorki den bekannten hebräischen Journalisten Achadho-om (Ascher Ginzberg) gewählt, welcher ihm zunächst die Herausgabe der Schriften voll Abramowitsch. Rabinowitsch (der unter dem Pseudonym Scholaumaleichem schreibt) sowie der von Dinenson, Spector, Feuerberg rc. empfohlen haben soll. — Professor Scheck) te r hat unter den von ihm in derGenizah zu Kairo gefundenen Fragmenten zwei wichtige Entdeckungen gemacht. Er fand zunächst einen großen Abschnitt aus dem „Bliche der Gebote" von Anan ben David, dem Begründer der Karäersekte. außerdem aber mehrere Abhandlungen des Gaon Samuel beu Chofni, darunter dessen „Einleitung zum Talmud". Letzteres Buch war bisher nur unter dem von späteren Schriftstellern erwähnten Titel nach bekannt. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ä^in Anschluß an die beherzigenswerthen Ausführungen im Artikel „Etwas mehr Selbstachtung" von Richard Lichteilstein möchte ich doch vor eitler allzu großen Empfindlichkeit und Nervosität warmen. Wenn irgend ein Blatt einen „jüdischen" Schnorrerwitz oder dergleichen aus Polen-Galizien und dem übrigen Halbasien bringt, so wird das nirgends Anstoß, sondern sowohl in jüdischen als auch in nichtjüdischen Kreisen gleichmäßige Heiterkeit und fröhliches Lachen erregen. Solche harmlosen Scherze sind in jedem Fall leicht zu erkennen und unterscheiden sich vortheilhaft von den antisemitischen Witzeleien, wie sie leider in den letzten Jahrgängen der „Fliegenden Blätter" wiederholt zu find eil sind, und auch von den entwürdigenden Späßen, die bisweilen voll den „Lustigen Blättern" gebracht und auch in dieser Zeitung bereits abfällig beurtheilt worden sind. Dagegen ist bezüglich der Münchener „Jugend", deren vornehm-liberale, gegen jede Stöckerei und Muckerei gerichtete Tendenz mir als langjährigem Leser zur Genüge bekannt ist, zu bemerken, daß ich einen irgendwie verletzenden „jüdischen" Witz darin bisher nicht gefunden habe. Die „Jugend" kann gewiß nicht als ein philosemitisches Blatt bezeichnet werden, immerhin möchte ich als charakteristisch für ihre vorurtheilsfreie Haltung anführen, daß sie erst in ihrer Nr. 3 des laufenden Jahrgangs gegen Herrn Dr. Nordau ob seines Schlagwortes vom jüdischen „Betteljudenthum" einen scharfen, in jüdisch-liberalem Sinne gehaltenen Abwehrartikel „Zum 5. Zionistenkongreß" gebracht hat. Als bezeichnend für die Tendenz der „Jugend" sei schließlich hier noch der Artikel „Der auferstandene Patriarch" aus der Nr. 49 des letzten Jahrgangs erwähnt. Als seiner Zeit Professor Köhler in Berlin im Kolleg den von Wilmowsky-Levy herausgegebenen Kommentar zur Civilprozeßordunng als den besten empfahl, scharrte das gesammte Auditorium. Und als Professor Köhler seinem Bedauern darüber Ausdruck gab, daß dieser Kommentar nicht in neuerer Auflage erschienen sei. da Wilmowsky gestorben und Justizrath Levy ermordet worden sei, trampelten die Herren Studenten vor Vergnügen. Die „Jugend" glossirte dies in folgenden Versen: „Wer Jude ist und Levy heißt, Der schreibe kein gelehrtes Buch! Denn jeder Truthahn kräht und beißt Vor einen rothen Lappen Tuch. Ach! Lessing und sein Nathan schnarchen Schon längst, vorn Bücherstaub bedeckt, Und nur den fetten Patriarchen Hat man vom Tode auferweckt. Drum gröhlt es rings im deutschen Land: Thut nichts! Der Jude wird verbannt!" Köln. 24. Januar 1902. Hochachtungsvoll Carl Philip so hu. * Geehrter Herr Redakteur! or kurzem erschienen im Verlage von Otto Hendel, Halle a. d.S. „Des Flavius Josephus Jüdische Alterthümer" in einer vortrefflichen Uebersetzung von Dr. Heinrich Clementz. Da anzunehmen ist. daß bei dem in letzter Zeit gesteigerten Interesse für jüdische Wissenschaft auch dieses Werk von Juden viel gelesen werden wird, daß es ferner in vielen Bibliotheken Aufnahme finden dürfte, so erscheint eine Warnung vor kritikloser Lektüre desselben dringend geboten. Eine ganz besondere Aufmerksamkeit ist dem 18. Buche Kapitel III zu widmen. Dasselbe handelt in Absatz 1 und 2 von dem Aufruhr der Juden gegen Pontius Pilatus. Absatz 2 schließt mit den Worten: So wurde dieser Aufruhr unterdrückt. In logischer Folge beginnt Absatz 4: Gleichfalls um diese Zeit tras auch noch ein anderes Unglück die Juden. Zwischen diesen beiden in engstem Gedankengang stehenden und mit Nr. 2 und 4 versehenen Sätzen steht als Nr. 3 eine gewiß nicht ohne Absicht des Uebersetzers in Sperrschrift gehaltene Notiz über Jesus, die von jedem aufmerksamen Leser als eine Interpolation, eine Fälschung schon im griechischen Text, angesehen werden muß und von fast allen Philologen und Historikern seit langer Zeit auch angesehen wird. Dieser Anschauung giebt auch Graetz Ausdruck in seiner Geschichte Band III, erste Hälfte S. 308. Fußnote: „Das Stück Josephus Alterthümer XVIII., III, 3 von Jesus wird heutzutage kein besonnener Forscher für echt halten, zumal es kein Kirchenschriftsteller vor Eusebius kennt, und Origenes im Gegentheil bezeugt: Josephus habe Jesu Göttlichkeit nicht anerkannt (contra Celsum I, 35). Zu Eusebius Zeit scheint diese Interpolation, wie die von Johannes dem Täufer in Josephus Geschichte hineiugetragen worden zu sein." Berlin, 26. Januar. Dr. B. H. Briefkasten der Redaktion. Abonnent: Der geringste Beitrag als Mitglied beträgt für den „Hilfsverein deutscher Juden" 5 Mark, für den „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" 6 Mark pro Jahr. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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