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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-31 · Heft 5 (31.1.1902) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 57 (sequence 11)
Language
German
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57 ständnißvolle Spüren göttlichen Waltens im irdischen Dasein, wobei das Vergängliche zum Gleichniß wird — A. : Ja, aber Bester, Sie können doch von einem Prediger, der wissenschaftliche Theologie und zumal alttestamentliche Textkritik studirt hat, nicht verlangen, daß er guten Gewissens seine Zuhörer mit den altersgrauen allbekannten Fabeln und Parabeln aus den Midraschim regaliren soll! B. : Geschieht in verblümter Weise und unter modernem Aufputz oft genug und scheint mir, verständig angewandt, gar nicht übel! — Nehmen wir z. B. die Frage nach dem Wie des künftigen Lebens! Ein moderner Tempelprediger wird da sein Thema etwa nennen „Die Seligkeitshofsnung Israels" oder noch blumenreicher. In kunstgerechter Disposition wird die Einleitung zunächst den Unsterblichkeitsglauben der verschiedenen Völker behandeln, dann auf den charakteristischen Unterschied der israelitischen Auferstehungs- (Todtenerweckungs») Lehre Hinweisen, hierauf unter eleganten Streiflichtern auf die Ideen des Maimvnindes u. s. w. das Problem fixiren: Die Seligkeitshoffnung Israels - worauf darf sie sich gründen, wie weit darf sie sich wagen, vielleicht auch noch: wann wird sie erfüllt? Dann giebt's noch schöne Unterabtheilungen, alles mit religiösem, philosophischem, ethischem Inhalt u. s. w., und schließlich das gedrängte Resultat: Potentiell ist jedem Israeliten die künftige Seligkeit zugesagt, aktuell empfängt sie nur der Würdige u. s. w. — Das Publikum ist von dein oratvrischen Meisterwerke entzückt, schon weil's die Hälfte nicht verstanden hat — und die andere Hülste ist auch bald wieder vergessen, denn „wer kann sich das alles merken?" beliebten Sie ja selbst zu sagen, und die herausdestillirte Quintessenz ist so abstrakt, daß mit ihr wenig anznfangen ist. — Sehen Sie, so ein alter Rebbe, der weder Ghmnasial-, noch akademische und rabbinerseminaristische Bildung genossen hat, würde in seinem ominöseil Jargon etwa dergleichen zusammenmauscheln (die „epische Breite" des Mannes natürlich hier im Reporterstil wiedergegeben): Ein Hausvater hatte zwei Sohne. Er sandte sie hinaus in die Fremde, uni etwas Tüchtiges zu studiren. Dann sollten sie sein Hab' und Gut erben. Der eine war fleißig und wurde ein wackerer Gelehrter, ab uild zu schrieb er um Unterstützung, und der Vater sandte sie ihm gern. Als er nun meinte, daß der Sohn genug gelernt habe da draußen, berief er ihn heim. Da fand er, daß Jener seine Lehrzeit gut angewandt habe und gab ihm sein Erbtheil. Der andere Sohn verthat indessen seine Zeit mit Saufen und Spielen. Oft schrieb er um Geld, das der Vater auch sandte. Als er nun heimberufen ward, offenbarte sich's, wie er seine Lehrzeit verwandt hatte, und der Vater enterbte den Unwürdigen. — So steht's mit Gott und Israel. Wohl heißt es: Uol llissiovt zeiseti lokem etieitek te-rrulom Im-bu, alle Israeliten haben Antheil am künftigen Leben — aber es ist zugleich gesagt: Me-ammeeb llutloni raäctillim, und dein Volk sind alle Gerechte; ist zu sagen, alle die nur, welche gerecht sind, heißen Gottes Volk oder in Wahrheit Israel, und werden das künftige Leben erben, den Unwürdigen aber winkt diese Seligkeit nicht. — — Nicht wahr, kurz und gediegen, alles Nöthige gesagt, und dem Professor wie dem Viehhändler verständlich? A. : Nun ja, so ähnlich — B. : sagt's der Herr Doktor auch, nur mit ein wenig anderen Worten. Kommen Sie mit, lieber Freund, er spricht heute Abend im Damen-Lyceum über „Die Nase in Bibel und Talmud!" bllwneMi'. L MULI-O I>I Bas Wefferchen.') Vo» Albert Katz. I. Messerchen! Das kleine weiße Messerchen! Ah! Wie viel Freude, wie viel Thränen, Glück und Unglück hat es mir verursacht! Wie viel Schelte, Ohrfeigen und Schmerzen, verdiente und unverdiente Schmerzen hat es mir eingebracht, dieses kleine weiße Messerchen, das einen Werth von kaum zwei Polnischen Gulden hatte. Ihr wollt, daß ich euch die Geschichte von meinem Messerchen erzählen, von A bis Z erzählen soll? Schön, mit Vergnügen erfülle ich diesen euren Wunsch. Schon als ganz kleiner Knabe, als ich das Cheder (die Schule) von Mordche, dem Alefbeth-Lehrer besuchte, fand ich Wohlgefallen an einem Messerchen, das ich aus einer Gänsefeder machte und mir einbildete, daß es schnitt. „Was stellst Du an mit der Gänsefeder?" schrie mich mein Vater an. (Ich hatte einen jähzornigen Vater.) „Und was hast Du denn für einen Schaden davon, daß das Kind spielt?" unterbrach ihn sanft meine Mutter und küßte mich auf die Stirn . . . (Ach! Ich hatte eine gute, zärtliche Mutter). Doch später, als ich den Pentateuch zu lernen anfing, hatte ich schon ein wirkliches Messerchen, aber noch immer eigenes Fabrikat. Es war nämlich ein Stückchen Stahl, das ich von einem Reisen aus der Krinoline meiner Mutter abgebrochen, kunstgerecht mit einem Holzschaft versehen, an einem irdenen Topf scharf geinacht und mir dabei alle Finger blutig geschnitten hatte. „Sieh nur hin, Sara, wie Dein „Kaddisch" sich zugerichtet hat," schrie mein Vater wüthend auf und faßt mich an den Fingern so stark, daß die Knochen knackten. „Wehe, ein Blitz hat mich getroffen," jammerte meine Mutter beim Anblick meiner bluttriefenden Finger, und sie nahm mir das Messerchen weg. Allein bald darauf bekam ich ein anderes Messerchen, wirklich ein echtes Messercheu. Es hatte einen grüngefärbten rundeil Holzgriff und eine Klinge, die ich auf- und zumachen konnte. Ich hatte nämlich von den erhaltenen Kopeken, für die ich mir zum Frühstück Semmel kaufen sollte, mir nach und nach ein „Vermögen" zusammengespart und dafür von einem Schulgenossen das Messerchen käuflich erworben. Wie lieb hatte ich doch dieses Messerche»! Ich aß damit, schlief damit, es war meine Freude, meine Wonne. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich damals gewesen war, ich weiß nur, es war kurz, nachdem ich Talmud zu lernen angefangen hatte. „Gittin" haben wir, glaube ich, damals gelernt, ja, ich entsinne mich ganz genau, daß der Rebbe mich damals fürchterlich geprügelt hatte. Meiil Rebbe — er soll in Gau-Eden in Frieden ruhen — hieß „Der Chodorower-) oder, wie wir Kinder ihn nannten: Mordche Rozeaeh. Er Pflegte uns nämlich blutig zu prügeln, unter der Wucht seiner Schläge hörten wir den h Frei aus dein Indisch-Deutschen von Schvleni Alechem. -j Nach seinem Geburtsort Ctzodorow.

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