Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- Seite 56 (sequence 10)
- Language
- German
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56 Für den Kultus ist das Beste gerade gut genug. Oder soll ich mich als modern gebildeter Mensch aus alterthümelnder! Pietät erbauen an den Fabeln des Midrasch oder an Harfen, Cymbeln und Pauken, jener Musik, die einst zu Davids Liedern ( erklang — weil es damals nichts Besseres gab? Wenn jahrj hundertlange Unterdrückung das ästhetische Moment im Judenj thume niederhielt, soll ich es jetzt als „»»jüdisch" verwerfen, f wo es sich anschickt, eine bedeutsame Rolle, und keine erfolgj lose in der That, in unserem Kultus zu spielen? Soll ich eine! formell wie inhaltlich vollendete Predigt, die mich nicht nur z intellektuell und ethisch, sondern auch ästhetisch befriedigt, hingeben für die naive Weltanschauung, die veraltete ungelenke : Form, das verrostete theologische Rüstzeug einer erst am Ani fange ihrer Entwickelung stehenden Homiletik? ) B.: Ueber die Musik will ich heute nicht streiten — das ist! schließlich Sache einer größeren oder minderen Sensibilität des ( Trommelfells — aber, um auf die Hauptsache, die Predigt zu i kommen (denn die hat ja erst das Judenthum den anderen « geschenkt), was haben Sie denn heute im Tempel gehört? l A.: Nun, zu allererst einen formvollendeten Vortrag in meisterhafter Diktion. Sie wissen ja selbst, daß unser Doktor auf jeden ihm nachgewiesenen „Hiatus" einen Dukaten gesetzt hat. s B.: Jawohl, ein zweiter Chrysostomus! l A.: Und der Inhalt — warten Sie mal ... Ja so! „Warum feiern wir den Sabbath?" Sehen Sie, das hatte! Hand und Fuß! Also: erstens aus sozialen Gründe», man könnte auch sagen sozial-hygienischen; es ist wissenschaftlich nachgewiesen, daß der Mensch nach sechs Tagen angestrengter! Arbeit, na und so weiter. Und dann aus religiösen — ach nein, das war Theil III; also zweitens aus ethischen Gründen: der Mensch muß, nachdem er sich tagelang von früh bis spät mit Dingen der Außenwelt beschäftigt hat — wissen Sie, die Schilderung des modernen Weltverkehrs war grandios! — eine Zeit stiller Sammlung auf sich selbst haben u. s. w. Und dann kamen die religiösen — na, die sind bekannt. Der Seitenhieb gegen die „Sonntagsjuden" war famos, besonders * das Apercu, daß man erst nach gethaner Arbeit feiere, also am letzten, und nicht am ersten Tage der Woche . . . B.: Erlauben Sie, diese Logik ist doch wohl etwas schwach zu Fuße! — Aber wissen Sie noch etwas von dem Kanzelvortrag vor acht Tagen: „Israel, eine Leuchte im Weltmeer?" A. : Mein Gott, man kann sich doch nicht alle Dispositionen merken! Jedenfalls war der Vergleich mit dem Blinkfeuer ungemein geistreich. B. : Und vor vierzehn Tagen: „Die Thora, unser Fels!" A. : Jawohl — die brillante Schilderung vom Erdbeben! Uebrigens, was ist Devon und silurischer Schiefer? Die kamen auch mit vor — und dann die diskrete Anspielung auf die „erratischen Blöcke" anderer Lehrmeinungen. — B. : Ganz, wohin ich Sie haben wollte, lieber Freund! Ein paar Brocken von dem homiletischen Diner, von heute sogar noch die ganze oratorische Speisenfolge, hat Ihr gutes Gedächtniß behalten — bei minder Begabten wird's erheblich weniger sein — aber Hand aufs Herz: Haben Sie wirlich etwas neue Kraft für Herz und Leben. — für Wissen, Wollen und Vollbringen aus diesen Kanzelvorträgen mit nach Hause genommen? A. : Nun, sicherlich das Gefühl harmonischer Befriedigung. B. : Da kommen wir also doch schließlich wieder aufs Theater und Konzert, frei »ach „Ilvri". Aber im Ernste, meinen Sie nicht, daß andere Leute mehr suchen, wenn sie in den Tempel gehen? A. : Mein Gott, der Prediger kann doch nicht allen Spezialwünschen gerecht werden! Es kommt darauf an, daß er die mittlere Linie einhält, auf der er mit dem Gros seiner Zuhörer Fühlung findet. Wir sind doch hier in einer Gemeinde von relativ hoher Durchschnittsbildung, die eine andere geistige Anregung verlangt als etwa eine Winkelkhille in Polen oder Podolien! Alles zu seiner Zeit und an seinem Ort! Mit einer „Drusche", die für den Ghetto taugte oder in „Halbasien" noch passen mag, würde der moderne Kanzelredner sein Publikum bald und gründlich kor ovsr ans dem Tempel hinauspredigen! B. : Schade nur, daß alle diese „modernen" Begriffe, der „Kanzelredner", das „Predigtpublikum" u. s. w., so unjüdisch sind ivie — nun, Orgel und „Jugendgottesdienst" will ich beiseite lassen — wie, unter uns gesagt, diese ganz Predigtweise überhaupt! Ich meine nicht die schönen Gesten, die stimmlichen Kunststücke und dergleichen; ich sehe zunächst auch von dem eigentlichen Inhalt ab. Was ich aber behaupte ist dies: Die moderne, der christlichen Homiletik entlehnte Predigtmethode, ein gegebenes Thema nach dem Schema einer mehr oder minder geistreichen „Disposition" demonstrativ zu behandeln, widerspricht der Eigenart des jüdischen Geistes ganz und gar! A. : Also eine Apologetik des alten „Drusches" und so weiter? Nicht übel! B. : Richtig verstanden,jawohl! Was heißt denn,, Drusche"? Forschung! Was heißt denn „Halacha", die doch den Gegenstand der Predigt, wenigstens ihre Grundlage, bildeil soll? Nicht starre Lehrnorm, Dogma, sondern „Fortschritt" der religiösen Erkenntniß. Der Geist des Jndenthums ist induktiv, nicht deduktiv. Er will sich nichts vordemonstriren lassen, sondern selbst in den Kern der Dinge forschend eindringe n. Der Vollblutjude kleidet noch heute selbst seine Antwort in Frageform, seinem Geiste gebiert die Lösung eines Problems sofort ein anderes, bis der ganze Gegenstand nach allen Richtungeil durchforscht ist. Da ist kein gläubiges Hinnehmen unverstandener Dogmen, fremder Theorien, sondern forschendes Durchdenken selbst des kleinsten Moments! Sehen Sie sich den ganzen Talmud an: Kein Korpus del Dogmatik, kein „Gesetzbuch" des Judenthums, sondern eine schier endlose Serie von Disputationen, ein Hervorquellen von Problem aus Problem, „als wollte das Meer noch ein Meer gebären". So sollte auch der Prediger seine Zuhörer anleiten. A. : Die Diskussionen eines Gelehrtenparlaments, auck über religiöse Materien, sind doch keine Predigten oder Predigtvorbilder! B. : Aber bezeichnend für den Geist dieser „Gesetzes"-Lehrer! Doch wie steht's mit dem Midrasch, diesem Prototyp de Predigt? Heißt er nicht geradezu „Forschung"? Und wcüfür ein Forscheil? Nicht (um mit den Worten eines bekannten Talmudisten zu reden) ein Forschen in der heiligen Schrift, um zweifelhafte oder noch nicht gekannte Lehren aus ihr zu ergründen, sondern umgekehrt: um für Thatsachen der Ge schichte, der Erfahrung oder der Spekulation den Grund in der ewigen Wahrheit, dem Gottesworte, ausgesprochen oder an gedeutet zu finden. Ein Forschen nach den Ewigkeits ge danken in dem Treiben und Dichten der Welt, das ver I