Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-31 · Heft 5 (31.1.1902) · p. Seite 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 55 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228479--58338-3294776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

55 Jammer des Judenthums iy der Gegenwart nicht hinweg. Die Wolfs beißen sich ihre Zähne an dem Granit ihrer eigenen Sünden aus, sie gehen zu Grunde an ihrer eigenen Bosheit, aber uns ist nicht früher geholfen, bevor nicht insouderheit unsere geistlichen Führer erkennen, daß sie nicht allein dazu da sind, die Tugenden unserer Reichen in panegyrischen Vorträgen zu verherrlichen, sondern auch sich unserer Armen, unserer Proles anzunehmen. Dies haben sie bis jetzt unterlassen, und das arme gedrückte Volk hilft sich selbst. Wie? Wir wollen die Mittel, die es oft anwendet, nicht gerade immer billigen. Unsere unleugbare nervöse Maßlosigkeit zeitigt hier manchmal ganz eigenthümliche Früchte. Aber eines können wir nicht außer Acht lassen: das Leben, das jetzt vielfach im Judenthum einporblüht, es kommt aus den Niederungen, nicht aus jenen unnahbaren Höhen, für die sich gewisse Herren in Israel gar so sehr begeistern, und denen sie Lobgesänge anstimmen, die der Weihrauch sein sollen, der das goldene Kalb mit seinem verherrlichenden Nimbus umgiebt. Das Volk Israel weiß es schon lange, daß es seinen Mächtigen und deren Lobhudlern nichts zu danken hat. Wenn unsere Reihen nicht noch mehr gelichtet werden, als sie es schon sind, unsere kante llnsnee in Verbindung mit unserem Klerus sind wahrlich unschuldig daran. Wir aber freuen uns dieser Selbsthilfe, welche die Loblieder auf das goldene Kalb Lügen straft. Das jüdische Volk ist gut, ist kräftig, eine starke Vitalität ist ihm eigen, und dieses jugendlich strömende Blut, es wird die Wolfs, die Luegers, die Schönerers überdauern, aber auch Diejenigen unter unseren „Führern", die sich am Judenthum schwer versündigt haben. Iwri. Aus den Zeiten des Iudengesehes. (1847) Nach Krefelder Gemeindepapiere» von S. Andorn. Holographien und Tagesberühintheiten aus vergangenen Geschlechtern erleiden dasselbe Geschick: sie sind verblaßt nnd muthen uns etwas seltsam an. Ein Zug aus dem Bilde Hermann von Beckeraths, des Krefelder Bank- Herrn und nachmaligen Reichsfinanzministers, verdient an dieser Stelle und zu diesen Zeitkäufen eine kleine Auffrischung. Der Vorkämpfer deutscher Einheit und Freiheit war im „Vereinigten Landtag" als einer der warmherzigsten Verfechter der Menschen- und Bürgerrechte der Juden ausgetreten. Das hatte -hin damals die Opposition eines Bismarck nnd in viel späteren Zeiteil die spöttelnde Geringschätzung eines Treitschke eingetragen. In jenen Tageil machtvoller Begeisterungsfähigkeit fand Hermann von Beckerath viele Bewunderer und vor allen an den Juden dankbare Verehrer. In erster Linie wollten ihm »eine Krefelder jüdischen Mitbürger ihre Erkenntlichkeit bezeigen, und in der zu diesem Zwecke einberufenen Generalversammlung von, 21. Juni 1847 machte sich eine gewisse Aengstlichkeit geltend, es möchte eine andere Gemeinde, wie Köln, mit einer Ovation den Krefeldern zuvorkoiinnen. Man entschloß sich, dem heimkehrenden Abgeordneten eine Adresse in kunstvoll gearbeiteter Silberkapsel zu überreichen. Die rechtzeitige Fertigstellung der Kapsel und der auswärtige Ehrungs-Wettbewerb machte den dankbaren Krefeldern Familienhäuptern einige sorge. Die Energie der beiden Genieindebevollmächtigten Engersch und Herzog brachte es zu Wege, daß Adresse und Kapsel (sie mußten in dem damals noch entlegenen Köln hergestellt werden.) Bereits am 7. Juli dem eben heinigekehrten Herrn v. Beckerath übergeben werden konnten. Ueber den feierlichen Vollzug berichtet das Gemeindeprotokoll von demselben Tage (im Wortlaute sind einige geriugfügige Aenderungen vorgenommen. D. V): Nach einem freundlichen Willkomm von Seiten des Herrn von Beckerath hielt Herr Oberrabbiner Bodenheimer eine Ansprache, welche durch ihre tiefe Empfindung alle Anwesenden zu Thränen rührte. Gleichen Eindruck machte die darauf verlesene und übergebene Adresse. Herr von Beckerath erwiderte, er könne, von seinen Gefühlen überwältigt, kaum Worte finden. . . In unseren Angelegenheiten habe er gleich anfangs viel Zustimmung gesunden und noch mehr die Zuversicht, daß die Menschenrechte der Juden bald zu voller Anerkennung gelangen würden. Er habe nur seine Schuldigkeit gethan und nehme das schöne Geschenk als ein Gedenkzeichen für seine Kinder, die sich erinnern möchten, wie er für die Emanzipation der Juden gestritten, die sicher eines Tages verwirklicht sein werde. . . Er umarmte schließlich alle Anwesenden zum Zeichen brüderlicher Achtung. Wenn heute sein Geist herniederstiege, er würde sich in dieser veränderten Welt ebenso fremd fühlen, wie sie in seinen Idealen. Uns aber bot die Auffindung verstaubter Urkunden lind die kürzliche Wiederkehr des Tages (13. Dez. 1901) an dem Hermann von Beckerath vor 100 Jahren als künftiger Lichtspender das Licht der Welt erblickte, Anlaß zu diesen dankbaren Gedenkzeilen. Gin Uialog vom Predigen. A. (Nr. 43 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" beiseite legend): Nein, lieber Freund, alle berechtigte Kritik in Ehren, aber gehen Sie mir mit Ihrem „Iwri" nnd seinem „Oesterreichischen Briefe"! Das geht denn doch zu weit! B. : Oder sollte es vielleicht noch nicht weit geling gehen? » A. : Nun, ich bitte Sie, was ist das für ein Kunststück, ein paar Fälle - herauszugreifen, in denen meinetwegen Kanzclredner und Kantor einen etwas starken Stich ins Theatralische gezeigt haben, und das derart zu verallgemeinern, daß der Iwri nächstens in allen Antisemitenblättern als klassischer Zeuge dafür citirt wird, daß unser moderner Gottesdienst meist eine baare Komödie sei? B. : Es ist doch wohl besser, selbst Tadelnswerthes aufzudecken, als sich erst von den Gegnern darauf Hinweisen zu lassen! A. : Ich leugne aber, daß der Tadel berechtigt ist, und daß unser Iwri den Hirschenschrei nach dem Prediger ausstoßen müßte, „der uns das reine Gotteswort verkündete", und nach dem „Sänger, der uns die Musik, die in Davids Liedern ruft, zu Gehör bringt". Wegen einiger vorkommender Krux dieses Homileten oder jenes Kantors war's doch schlechterdings nicht nöthig, den alten Rousseau zu inkoininodiren und nach „Rückkehr zur Natur" zu weimern! B. : Aber wenn nun wirklich die ganz moderne Richtung in Predigt und Tempelmusik — verzeihen Sie das harte Wort — unjüdisch wäre? A.: Bitte, lassen wir solche Schlagwvrte wie „moderne Richtung!" Für mich ist das Judenthum das Prinzip des Fortschritts. Der Kultus muß Zusammenhängen mit der Kultur!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.