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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-31 · Heft 5 (31.1.1902) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 54 (sequence 8)
Language
German
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gute wie schlimme Eigenschaften kennen zu lernen als der Gutsbesitzer Frhr. v. Würtzburg und der erst seit wenigen Jahren in Niederbahern durch Einheirath in feudales Majorat zum waschechten Ultramontan-Aristokraten umgewandelte Baron Soden. Letzterer führte das große Wort über bayerische Verhältnisse, obwohl er diese so wenig kennt, daß er israelitische Beamte nur in der Justizverwaltung vorhanden wähnt, während doch im staatlichen höheren Lehrfache etwa l Dutzend, in der Zollverwaltung mehrere Expeditoren, in Universitätsämteru drei Professoren (die Ordinarien Rosenthal und Nöther in Erlangen, der Extraordinarius Grätz in München) die dem Judenthum doppelt gewährleistete Parität ausdrücken. Nach alle dem bedarf es kaum noch eines eigens formulirten Urtheils über die tieftraurige Situation in demjenigen deutschen Bundesstaate, wo bis dato die Israeliten noch bei Weitern die relativ günstigste Position inne hatten. Wir wiederholen statt dessen aber an die berufenen Vorkämpfer des deutschen Judenthums denselben Ruf, mit dem die bayerischen Landtagsantisemiten die Minister hart und scharf zu machen versuchten: „Viäeaiit eonsules, ne guiä ras puliliea cketiimsnti eapiat!" Mögen die Führer darauf sehen, daß die deutsche Judenheit keinen Schaden nehme! kä-aneo-kavariens. Brief aus Oesterreich. ^^i^or einigen Jahren erschien eine Flugschrift, betitelt »Der St. Georg von Zwettl." Wer der St. Georg ist, wird auch minder Gebildeten bekannt sein. Der „St. Georg von Zwettl" aber ist Jemand anders, als der ehemalige „Ritter" von Schönerer, dessen Gemahlin direkt von Schmul Leeb Kohn aus Pohrlitz in Mähren abstammt. Nun hat der edle Ritter wieder einen Lindwurm getödtet, es ist sein gefährlichster Konkurrent im Klub der „Alldeutschen": Karl Hermann Wolf. Dieser Wolf wird Niemand mehr beißen, weder die Inden, noch Lueger, noch die Sozialdemokraten Hermanns Glück und Ende ist zwar kein tragisches, aber desto mehr ein widerliches Schauspiel in dem all derartigen Erscheinungen nicht gerade allzu armen Oesterreich. Die Heuchelei, mit welcher gerade die Partei, deren Führer der moderne Hermann faktisch war, stets von der sittlichen Reinheit gesprochen, ist jetzt entlarvt worden, und in seiner ganzen Häßlichkeit starrt uns ihr Medusenhaupt entgegen. Die berühmte Frau Seidl wird in dem Kampfe zwischen den „Alldeutschen" und den anderen Parteien noch oft genannt werden. Denn Karl Hermann wurde von seinen aller-getreuesten nordböhmischen Wählern wieder mit dem Reichsrathsmandat betraut. Das aber ist das Widerlichste an diesem tragikomischen Satyrspiel. — Und dann — die Briefe der Frau Tschan — sUs« Schwiegermutter Seidls! Hat mail je dergleichen erlebt? Das Heiligste, das es für den Menschen giebt, ob er Jud' ist oder Christ — oder Kaffer, die Mutterliebe, Familientreue, die Keuschheit und Reinheit des häuslichen Herdes, wie wurde es hier beschmutzt und verunehrt! Wahrlich, wenn wir ausrufen: Bei deil verlästerten Juden wäre so etwas nnmöglich, wir würden von Niemand Lügen gestraft werden können. Dieser Professor Seidl, der das Memorandum, das seine Schmach orlii et urlü verkündet, voll seiner Gattin unterschreiben läßt, diese Thusnelda selbst, ihr Herr Papa und die Frau Mama, ein Bild stellen sie dar, bei dessen Anblick wir ausrufen können: „Wir Juden sind doch bester!" Und dazu kommt die deutsche Treue und der Edelsinn eines Schönerer, der das gewiß verächtliche Vorgehen seines Sancho Panso dazu ansnutzt, um selbst wieder Herr seiner wackelig gewordenen Position zu werden; — wer da nicht von Eke? ergriffen wird und sich, von unserill öffentlichen Leben angewidert, abwendet und in reinere Lüfte flüchtet, der hat kein Gefühl für Sittlichkeit und Anstand. Doch wir haben ja immer den Standpunkt verfochten, mit unseren Feinden werden wir schon fertig werden, behüte uns nur die Allmacht vor unseren Freunden. Der Böse verstrickt sich in dem Netze, das er den Gerechten gelegt, das ist ja die Moral aller Geschichte, und diese allerstrengste Richterin, sie hat auch über Wolf und seine Sippe zu Gericht gesessen. Jetzt mag dieser „Adler" mit seinen gebrochenen Schwingen ins Abgeordnetenhaus einziehen und sich dort vollends von seinen Feinden zerfleischen lassen. „Sie werden also alle untergehen deine Feinde, v Israel," heißt es ja im Deborahliede, diesem starken Sang, den ein Heldenweib vor Jahrtausenden angestimmt. Aber dieses kräftige Lied, es beginnt mit den Worten . „Zerrüttung herrschte in Israel." Das war damals, als Siseras Kriegswagen wieder einmal unser Volk bedrohten. Zerklüftung herrscht auch jetzt in Israel, aber wo sind sie, die Flammengeister, die mit leuchtender Fackel unserem Volke den Weg weisen, wie jene Deborah es gethan, den Pfad uns zeigen, den wir zu wandeln haben in dieser dunklen Zeit? Sind eS vielleicht jene geistlichen Führer, die sich von abtrünnigen Inden „anstrudeln" lasten, wie es unlängst in Wien geschehen bei Eröffnung des neuen Pavillons des Rothschild-Spitals? Dies also sind deine Retter, mein Volk! Nie ist ein Volk mit stumpferen Waffen vertheidigt worden als das unselige. Da weisen sie auf jene Reichen hin, welche den Potentaten zu allen Zeiten ihre helfende Hand gereicht, welche, ohne Zinsen zu nehmen, Wilhelm von Oranien und anderen Fürsten ihre Millionen dargeboten. Was aber, so fragen wir, haben diese Großen in Israel für ihr Volk gethan? Wie haben sie dessen edelste Güter gewahrt? Wem wollen wir Sand in die Augen streuen? Für unsere Wissenschaft und Litteratur, für unsere idealen Güter haben unsere Neichen, und das sind ja unsere Mächtigen, meist nur eine wenig freigebige Hand gehabt, für die Psyche unseres Volkes immer nur wenig Nerständniß bekundet. Dafür haben sie uns unendlich geschadet. Nie und nimmer hätte es mit unserem Volke so weit kommen müsseic, wenn die Einflußreichen in unserer Mitte ihre Macht geltend gemacht hätten im Interesse unserer Gemeinsamkeit. Wo sind sie, die Chisdais und die Samuels ibn Nagdela, die selbstlos ihre Stellung in den Dienst ihres Volkes gestellt hätten? Es ist ja recht bestechend und schmeichelnd, wenn Vor tragsmeister in hellerleuchteten Sälen vor einer satten Menge befrackter Männer und Damen in allerneuesten Pariser Roben ihren Bückling vor dem alleinseligmachenden Mammon machen und auf die jüdischen Reichthümer Hinweisen, welche die durchlöcherten Geldbeutel der Mächtigen der Erde zu allen Zeiten gestopft haben; aber, fragen möchten wir die eleganten Causeure, ob damit einem jüdischen Proletarier geholfen wurde, und warum das jüdische Elend trotzdem tausendfältig ärger ist als alles übrige Leid und, schmerzlich sich windend zum Himmel schreit. Aller Flitter, aller Glanz, alle leeren Redensarten und abgedroschene»: Phrasen helfen uns über den

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